Wie eine Delmenhorster Friseurin mit Haaren die Weltmeere retten will

Eine Friseurin schneidet einer Kundin die Haare.

Wie eine Delmenhorster Friseurin mit Haaren die Weltmeere retten will

Bild: Radio Bremen/Lisa-Maria Röhling

Läuft ein Frachter auf Grund, fließt meist tonnenweise Öl ins Meer. Die Folge: Umweltkatastrophen, tote Meerestiere, getrübtes Wasser. Haare sollen helfen, diese Stoffe zu entfernen.

Kassandra Ganselmann hat sich im Juni einen Lebenstraum erfüllt: Sie hat einen eigenen Friseursalon in Delmenhorst eröffnet, "Haircreations by Kassandra". Nur einen Raum gibt es in ihrem Geschäft, der Frisierstuhl, das schwarze Waschbecken und die kleine Empfangstheke stehen dicht beieinander. Kassandra Ganselmann – kurze, hellblonde Haare, schmales Gesicht und offenes Lächeln – will in ihrem Salon aber nicht nur dafür sorgen, dass ihre Kundinnen und Kunden sich wohlfühlen. Sie will auch etwas für die Umwelt tun. Und zwar mit dem, was nach jedem Haarschnitt auf dem Boden landet.

Kassandra Ganselmann ist eine von 270 Friseurgeschäften in ganz Deutschland, die mit "Hair help the oceans" zusammenarbeiten. Die Initiative ist im vergangenen Jahr im niedersächsischen Bückeburg von Friseur Emidio Gaudioso und Unternehmensberater Thomas Keitel gegründet worden. Ihr Ziel: Friseurinnen und Friseure schmeißen die abgeschnittenen Haare ihrer Kundschaft nicht weg, sondern schicken sie an "Hair help the oceans". Und die werden dann zu Haarfiltern weiterverarbeitet, um das Meer von Öl und Schmutz zu befreien. Denn: Haare saugen fettige Stoffe einfach auf, ein Kilogramm kann bis zu acht Liter Öl aufsaugen.

Haare saugen fettige Stoffe auf

Abgeschnittene Haare liegen in einem Karton.
Viel Volumen, wenig Gewicht. Es dauert, bis eine gute Menge Haare gesammelt sind. Bild: Radio Bremen/Lisa-Maria Röhling

Doch bis das Haar zum Einsatz kommt, ist es ein langer Weg. Der beginnt bei Kassandra Ganselmann und ihrem Salon: "Jedes einzelne Haar, egal wie lang es ist, sammele ich. Wenn ich dann meine Gewisse Menge zusammen habe, kommt ein Versandunternehmen und holt das bei mir ab." Die Haarreste finden dann über mehrere Stationen ihren Weg nach Südfrankreich – von dort kommt auch die Ursprungsidee mit der Meeresrettung durch Haare. Das französische Projekt "Coiffeure Justes", stellt seit Jahren Haarfilter her. "Hair help the oceans" steuert nun Material aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden bei.

Auch die Haare von Kassandra Ganselmann landen in Südfrankreich und werden dort auf zwei Arten verarbeitet: Entweder als Haarschläuche, bei denen lange Netze mit Haaren vollgestopft werden, oder sie werden verfilzt und zu großen Matten verarbeitet. "Diese Haarschläuche oder Haarmatten werden dann in Gebieten, wo das Wasser verschmutzt ist oder eine Umweltkatastrophe entstanden ist, ins Wasser gelassen und saugen das Öl auf", erklärt Kassandra Ganselmann.

Ölkatastrophe mit Haarfiltern bekämpft

Porträt Kassandra Ganselmann
Kassandra Ganselmeier zahlt monatlich 25 Euro, damit die Haare abgeholt werden. Bild: Radio Bremen | Lisa Maria Röhling

Im großen Stil kamen die Haarfilter im Sommer 2019 zum Einsatz. Da war vor der Insel Mauritius ein Frachter auf Grund gelaufen, mehrere Tausend Tonnen Öl flossen ins Meer. Die Haarfilter halfen im Wasser, den Dreck zu binden und damit den Ozean zu reinigen. Kassandra Ganselmann zahlt jeden Monat 25 Euro, um bei "Hair help the oceans" mitzumachen und damit ihre Haare abgeholt und weitertransportiert werden. Sie ist von dem Projekt begeistert.

Die Haare wären ja sonst ein Abfallprodukt. Ich brauche wirklich nur eine Minute, bis ich das angemeldet habe – da brauche ich zur Mülltonne ja länger.

Kassandra Ganselmann, Friseurin

Außerdem könne wirklich jeder Rest, der in ihrem Salon auf dem Boden landet, bei der Meeresrettung helfen: "Das ist ganz unabhängig von den Haaren – von der Farbe, von der Struktur, von der Länge. Letztendlich bleibt die Saugkraft bei den Haaren bestehen – egal ob das Haar jetzt geschädigt ist oder nicht."

Kassandra Ganselmann hat inzwischen fast drei Kilogramm Haare gesammelt – ein langwieriger Prozess, weil Haare zwar viel Volumen haben, aber wenig wiegen. Auch ihre Kundinnen und Kunden sind begeistert von dem Projekt. Alegra Wiegand zum Beispiel: "Das ist ein schöner Nebeneffekt: Man geht zum Friseur und tut etwas, was einem am Herzen liegt und was gut ist." Bald wird Kassandra Ganselmann die gesammelten Haare abholen lassen können – und dann wieder anfangen, für die nächste Lieferung zu sammeln.

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Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Lisa-Maria Röhling

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, der Vormittag, 16. Juni 2022, 11:10 Uhr