Interview

Inzidenz von 40 zu Weihnachten? Das sagt ein Covid-Simulator zu Bremen

Die Uni des Saarlandes berechnet die Entwicklung der Corona-Infektionen mithilfe mathematischer Formeln. Für Bremen sieht es demnach gut aus. Wie funktioniert das?

Menschen mit Schutzmasken auf dem Marktplatz. (Symbolfoto)
Befolgen die Bremer die Corona-Schutzmaßnahmen in den kommenden Wochen so diszipliniert wie zuletzt, wird sich die Lage dem Covid-Simulator zufolge deutlich entspannen. Bild: DPA | Sina Schuldt

Er soll dabei helfen, den Verlauf der Corona-Pandemie möglichst präzise vorherzusagen: der Covid-Simulator der Universität des Saarlandes. Seit August ist der Simulator online, er stützt sich bei seinen Berechnungen unter anderem auf die Statistiken aus den Vormonaten. In Bremen soll der Inzidenzwert demnach auf unter 50 sinken – dann wäre Bremen unter dem Grenzwert und kein Risikogebiet mehr. Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie, hat den Simulator federführend entwickelt und erklärt, wie er funktioniert.

Folgt man Ihrem Covid-Simulator, so sieht es für das Land Bremen gar nicht so schlecht aus: Der Simulation zufolge sinkt die 7-Tage-Inzidenz auf etwa 40 zu Weihnachten, viel stärker als im Bundesdurchschnitt. Wie kommt der Simulator zu dieser optimistischen Prognose?
Die Prognose ergibt sich aus den Daten der letzten Wochen und Monate. Bremen ist hiernach bundesweit im positiven Sinn Spitzenreiter beim R-Wert, der Reproduktionszahl: Ein Infizierter infiziert durchschnittlich nur 0,76 weitere Personen. Das sah Anfang November noch anders aus. Wir sehen hier eine positive Entwicklung. Ehrlicherweise muss man allerdings hinzufügen, dass wir noch nicht genau wissen, wie sich die neue Teststrategie auf die Zahlen auswirkt. Es wird ja seit knapp zwei Wochen insgesamt weniger getestet. Doch trotz dieser Vorbehalte würde ich sagen: Die Schutzmaßnahmen in Bremen scheinen zu greifen.
Wieso gerade in Bremen und andernorts nicht?
Dazu gibt es verschiedene Vermutungen. Die erste Frage ist immer: Wie setzt die Bevölkerung die Maßnahmen um? Ein zweiter Punkt ist: Wir sehen gerade, dass momentan viele Bundesländer schlecht dastehen, die noch vor ein paar Wochen im Vergleich zu den anderen gut dastanden. Ich vermute, dass dahinter eine Gefahrenunterschätzung in den betreffenden Regionen steht. Man fühlte sich zu sicher.
Anders herum: Wo die R-Werte vor ein paar Wochen besonders hoch waren, ist die Bevölkerung offenbar aufgeschreckt und vorsichtiger geworden. Das ist so, als wenn Sie auf der Straße geblitzt worden sind: Danach fahren sie erst einmal ruhiger.

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Auf welchen Daten beruhen Ihre Berechnungen?
Unsere Daten beruhen zum einen auf Fallzahlen vom Robert Koch-Institut. Zum anderen verwenden wir Daten aus dem Intensivregister. Außerdem suchen wir uns Daten aus den Gesundheitsämtern zusammen, vor allem zur Belegung mit Covid-19-Patienten. Wir nutzen auch eine große Datenbank mit Daten von über zehn Prozent der Covid-Patienten aus den Krankenhäusern. Daraus gewinnen wir zum Beispiel Informationen über die Dauer der Krankenhausaufenthalte und der Sterberaten.
Und wie funktioniert die Simulation?
Die Simulation funktioniert mithilfe eines mathematischen Modells, das im Hintergrund läuft. Der Simulator, auf den Sie online zugreifen können, ist letztlich nur eine einfache Oberflächenplattform, die das komplexe Modell im Hintergrund ablaufen lässt, wenn Sie dort Werte eingeben. Wie zum Beispiel einen fiktiven R-Wert oder unterschiedliche Zeiträume.
Inwiefern berücksichtigt die Simulation politische Entscheidungen wie die am Mittwochabend beschlossene Verlängerung des Teil-Lockdowns?
Von selbst gar nicht. Es gibt zwei Möglichkeiten: Man kann zum einen die weitere Entwicklung so simulieren, als ginge man davon aus, dass sich nichts am Infektionsgeschehen verändert, was aber unrealistisch ist.
Oder man kann zum anderen selbst eine Maßnahme einbauen, eine Veränderung des Infektionsgeschehens simulieren, beispielsweise aufgrund neuer Schutzmaßnahmen. Dazu würde man den R-Wert senken. Aber ich gebe zu: Das ist schwierig. Wir wissen natürlich nicht, welche Veränderungen sich aus welchen Schutzmaßnahmen letztlich für das Infektionsgeschehen ergeben werden. Wir können nur verschiedene Szenarien durchspielen.
Aufgrund Ihrer bisherigen Erfahrungen: Für welche Zeitspannen können Sie weitgehend verlässliche Prognosen treffen?
So lange keine drastischen Veränderungen eintreten, etwa weil gerade ein neuer Lockdown beschlossen wird, funktioniert der Simulator auch für mittelfristige Prognosen ziemlich gut. Sagen wir: für bis zu drei oder vier Wochen.
Für wen könnten Ihre Prognosen relevant sein, und wer nutzt sie bereits?
Wir haben prinzipiell drei Nutzergruppen: Zum einen die Politik als Grundlage ihrer Entscheidungen. Wir beraten zum Beispiel die saarländische Landesregierung. Zum anderen Träger aus dem Gesundheitswesen für die Kapazitäten-Planung und schließlich die Bevölkerung: Jeder kann selbst mit dem Simulator Szenarien durchspielen und sich so ein Bild von der Lage verschaffen.
Und das nutzen die Leute auch: Wir haben in den letzten vier Wochen über eine Million Seitenzugriffe registriert sowie über zehn Millionen Rechenoperationen mit dem Simulator. Da ist richtig viel los.

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Mathematische Prognose: Wann wären Bremens Kliniken überlastet?

Video vom 29. Oktober 2020
Transport eines Sarges von Personen in Isolationsanzügen.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Oktober, 19.30 Uhr