Interview

Bremer Grüner zur Vegan-Debatte: "Wir wollen nichts verbieten"

Vegan als Ziel: So wollen die Bremer Grünen Tierprodukte reduzieren

Bild: DPA | Christian Charisius

Die Bremer Grünen fordern mehr veganes Angebot in Bremen. Initiator Philipp Bruck erklärt, wie das klappen soll – und warum das aus seiner Sicht nichts mit Verboten zu tun hat.

Das Positionspapier zu veganer Ernährung der Bürgerschaftsfraktion der Grünen hat hohe Wellen geschlagen. Das Ziel: Das Angebot von Fleisch, Milch und Co. in öffentlichen Kantinen und bei Großveranstaltungen zu reduzieren – und deutlich mehr auf vegane Ernährung zu setzen. Der Kopf hinter dem Papier ist Philipp Bruck. Im Interview erklärt er, warum er den Ton einiger Reaktionen für zu aufgeregt hält.

Herr Bruck, Sie haben mit Ihrem Positionspapier alle Aufmerksamkeit auf sich und Ihr Thema gezogen. Sitzen die Grünen in Bremen jetzt zusammen und lachen, weil der Plan aufgegangen ist?
Natürlich war es unser Ziel, dass über die Ernährungswende gesprochen wird. Je mehr Menschen man damit erreicht, desto besser. Aber das muss aus unserer Sicht nicht so aufgeregt passieren, wie es zum Teil in den sozialen Netzwerken passiert. Da hatte ich das Gefühl, dass viele das Papier gar nicht gelesen haben, über das sie diskutieren. Aber klar, wir wünschen uns eine Debatte dazu.
Die Debatte entzündet sich daran, dass sich die Menschen mit diesen Forderungen bevormundet fühlen, dass ihnen das Fleischessen verboten werden soll.
Niemandem soll das Fleischessen verboten werden. Diese Rhetorik von "Verboten" und "Bevormundung" ist mir natürlich auch aufgefallen, in ganz vielen Reaktionen, aber so etwas taucht in unserem Papier gar nicht auf. Das ist frustrierend, wenn man das Gefühl hat, viele Menschen, die sich dazu äußern, setzen sich weder mit dem Papier noch mit den Argumenten auseinander, sondern nur mit ihren Vorurteilen. Weniger überrascht hat mich das in den Reaktionen der anderen Parteien. Das war wohl der erwartete Reflex, es naht ja auch der Wahlkampf. Und trotzdem hätte ich mir natürlich gewünscht, dass sie das Papier durchlesen, feststellen, dass es nichts mit Verboten oder Bevormundungen zu tun hat, und sachlich darauf antworten.
Aber Sie machen ja Vorgaben, wenn die Hälfte der Stände auf den großen Festen in Bremen veganes Essen anbieten sollen.
Das ist ja eigentlich gar keine neue Maßnahme. Die Klima-Enquete-Kommission hat in ihrem Bericht empfohlen, dass 25 Prozent der Essensstände auf dem Freimarkt und anderen Märkten vegan sein müssen und die übrigen Stände vegane Alternativen anbieten müssen. Das haben alle Parteien in der Bürgerschaft gemeinsam beschlossen und dem Senat den Auftrag gegeben, das umzusetzen. Das ist ein Parlamentsbeschluss. Wir sagen jetzt, die Klimaziele der Enquete im Ernährungssektor reichen nicht aus, deswegen schlagen wir perspektivisch 50 Prozent vor.
Ich erwarte nicht, dass beim Freimarkt nächsten Monat die Hälfte der Essensstände vegan sind, da erwarte ich die 25 Prozent. Aber es müssen mehr werden. Und das ist nicht völlig anders zu dem, was CDU, SPD und Co. schon selbst beschlossen haben.
Wichtig ist aber vor allem, dass wir keine Vorgaben zum Konsum machen. Wir wollen Vorgaben machen für das öffentliche Essensangebot – zum Beispiel in der Schulmensa. Da haben wir eine besondere Verantwortung, dass das klimafreundlich ist. Aber wir machen keine Vorgaben dazu, was die Menschen dann wirklich essen.
Menschen stehen vor einer Bude auf dem Freimarkt
Auf dem Bremer Freimarkt gibt es zahlreiche Essensstände. Vegan sind bislang fast nur Pommes, sagt Bruck. Bild: Radio Bremen | Thomas Joswig
Tatsächlich hat die Klima-Enquete-Kommission empfohlen, ein Viertel der Stände soll rein vegan – oder rein vegetarisch – sein. Das ist deutlich gemäßigter als Ihre Forderung.
Und alle anderen Stände sollen vegane Alternativen anbieten, auch das hat die Enquete beschlossen. Tatsächlich ist das weniger, aber warum soll mehr als jeder zweite Essensstand Fleisch und andere Tierprodukte anbieten müssen? Man bekommt an jeder Ecke Falafel, es gibt längst leckeres veganes Eis, selbst eine große Burgerkette fragt jetzt "normal oder mit Fleisch?" Warum soll das auf dem Freimarkt anders sein? Wenn wir uns anschauen, wie dramatisch die Klimakrise von der Ernährungswende abhängig ist, dann brauchen wir stärkere Maßnahmen als die, auf die sich die Enquete einigen konnte.
Ganz genau gesagt, hat die Bürgerschaft den Bericht der Klima-Enquete-Kommission im vergangenen Februar zur Kenntnis genommen. Beschlossen wurde, dass sich der Senat konsequent für die Ziele der Strategie einsetzen und bis zum Herbst ein Aktionsplan erstellen soll. Da gibt es einen klaren Auftrag, aber Spielraum auch in der Umsetzung. Ist Ihr Ziel mit dem Positionspapier, dieses Thema jetzt ins Parlament zu bringen, damit es zeitnah umgesetzt wird?
Der Senat soll nicht nur die Ziele, sondern auch die Empfehlungen umsetzen. Wir erwarten vom Senat, dass der Enquetebericht umgesetzt wird, und zwar vollständig. Das haben auch andere Fraktionen im Parlament deutlich gemacht. Dazu gehören natürlich insbesondere die Maßnahmen zur Ernährungswende. Mit unserem Papier wollen wir deutlich machen, warum diese Maßnahmen so wichtig sind, dass eben das Pariser Klimaziel nicht eingehalten werden kann, wenn wir nicht rund drei Viertel weniger Fleisch, Milchprodukte und so weiter essen.
Halten wir fest, Ihre Forderungen sind schärfer als die der Enquete-Kommission, die von der Bürgerschaft parteiübergreifend als Ziele anerkannt wurden. Und mit Ihrem Vorstoß sind sie jetzt in der öffentlichen Debatte, also lassen Sie uns darüber sprechen und unsere Meinungsmelder einbeziehen. Einige verstehen nämlich nicht, weshalb Sie vegane Stände fordern – statt erst einmal vegetarische Angebote zu machen.
Uns geht es um das Einhalten der Klimaziele, und wir haben in dem Klima-Enquete-Bericht bei dem Punkt der Ernährung Schwächen erkannt, die wir auch in einem Sondervotum aufgeschrieben haben. Der Ernährungssektor ist so nicht klimakompatibel und das wollen wir, das müssen wir, weiter erarbeiten. Deshalb haben wir jetzt diese Vorschläge gemacht, wie man das korrigieren kann.
In unserem Papier geht es aber nicht darum, dass alle Menschen vegan werden. Es geht darum, weniger tierische Produkte zu essen. Das kann man machen, indem man sich vegetarisch ernährt. Man kann sich flexitarisch ernähren und sehr wenig Fleisch und Milchprodukte essen, auch das wäre im Sinne des Klimas. Nicht jeder muss vegan werden, sondern insgesamt müssen wir im Schnitt Dreiviertel weniger tierische Lebensmittel verzehren, um das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten. Dann kann man auch sonntags oder wann auch immer noch Fleisch essen, wenn man das möchte.
Aber ist es nicht naheliegend, dass man es als Verbot empfindet, wenn Sie fordern, dass sich Bremer Mensen an den Berliner Mensen orientieren sollen. Die bieten 68 Prozent veganes Essen an, 28 Prozent vegetarisch – und je 2 Prozent Fleisch und Fisch. Das ist so gut wie nichts.
Nein, weil man weiterhin essen kann, was man will. Man muss ja nicht mal in die Unimensa gehen, man kann auch woanders essen oder sich ein Salamibrötchen mitbringen, man kann zum Frühstück Fleisch essen und zum Abendessen. Niemand hindert einen daran. Und ein verändertes Angebot ist sowieso nie ein Verbot, ich empfinde es ja auch nicht als Verbot, dass es in der Bürgerschaft nicht jeden Tag Blumenkohl gibt. Warum soll das mit Fleisch anders sein? Das ist doch absurd.
Wir sind als Staat in einer besonderen Verantwortung, unser Essensangebot so zu gestalten, dass es unsere Lebensgrundlagen nicht zerstört. Das hat das Berliner Studierendenwerk gemacht.
Sie wollen nicht bestimmen, wer was isst, aber bestimmen, was angeboten wird. Auch hier haben unsere Meinungsmelder eine Haltung. Einige sagen, das ist falsch rum, stattdessen sollte die Nachfrage das Angebot bestimmen.
Die Nachfrage gibt es ja, teilweise fehlt das Angebot. Wir haben ja noch gar nicht ausprobiert, was passiert, wenn es mehr vegane Buden auf dem Freimarkt gibt. Ich bin mir sicher, dass diese Buden genutzt würden. Heute gibt es fast kein veganes Angebot. Als Veganer muss man sich womöglich Essen mitnehmen, um was zu essen zu bekommen auf dem Freimarkt, wenn man keine Lust auf Pommes hat, weil es fast nichts anderes gibt.
Woher nehmen Sie das Vertrauen, dass die Menschen das größere Angebot annehmen? Man bekommt ja auf den großen Festen schon heute veganes Essen.
Ja, wie gesagt, Pommes. Wir wollen ein variantenreicheres Angebot. Wer mal auf dem veganen Sommerfest in Bremen war, weiß, was für ein großartiges, vielfältiges veganes Essensangebot es geben könnte. Ich bin überzeugt, dass das auch auf dem Freimarkt beliebt wäre. Ich bin total überzeugt, dass ein verändertes Angebot auch beim Konsum etwas verändern wird. Man sieht das in der Uni-Mensa, die neben Fleisch-Gerichten durch das veränderte Angebot jetzt auch mehr veganes und vegetarisches Essen verkaufen. Das wollen wir unterstützen, dass Menschen es probieren und vielleicht dabei bleiben.
Sie werden gerade mit Ihrem Thema, dass ein verändertes Ernährungsverhalten ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz ist, gehört. Das kann gut sein – könnte Ihrer Partei aber wie 2013 mit dem Veggie-Day-Vorstoß auch schaden.
Dieses lächerliche Branding als Verbotspartei hat sich schon längst abgenutzt – und ich hoffe, die Leute sehen, dass unser Vorschlag nichts damit zu tun hat. Wir wollen, dass die Menschen am Ende bei einem großen Angebot selbst entscheiden: "Ich probiere das Vegane mal aus, und vielleicht schmeckt es mir und ich mache das jetzt öfter." Wer das nicht will, isst eben weiter wie gehabt. Mehr steht in unserem Papier auch nicht drin – ich kann alle nur einladen, sich das durchzulesen und selbst ein Bild zu machen.
Abschließend eine Frage zum Wahlkampf. Sie werfen den anderen Parteien vor, mit Verbots-Rhetorik Wahlkampf zu machen. Ist Ihr Vorstoß dieses sehr lebensnahe und emotionale Thema jetzt als Positionspapier zu veröffentlichen nicht auch Wahlkampf?
Wir haben das Papier geschrieben, weil die wissenschaftlichen Studien uns eindeutig sagen: Wenn es uns nicht gelingt, so deutlich den Konsum tierischer Lebensmittel zu reduzieren, dann verfehlen wir unsere Klimaziele. Wir nehmen auch unseren Umgang mit Tieren ernst, weil wir wissen, wie sehr Tiere darunter leiden. Und wir lesen mit Sorge die Studien, die in der Tierhaltung auch Risiken für neue Pandemien sehen. Das sind ja dramatische Botschaften, auf die wir mit konstruktiven Vorschlägen reagieren, das hat mit Wahlkampf nichts zu tun.

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. August 2022, 19:30 Uhr