Interview

Klimaziele ade? Globaler Klimastreik im Zeichen des Ukraine-Kriegs

Ein Teilnehmer hält bei einer Demonstration von Fridays for Future gegen den Krieg in der Ukraine ein Schild mit Aufschrift "Gas und Öl Boykott jetzt!"
Wie auf dieser Klimademo in Berlin fordert auch die Bremer Fridays-for-Future-Bewegung eine eindeutige Haltung mit Blick auf Öl-, Gas- oder Kohleimporte aus Russland. Bild: DPA | Henning Kaiser

Im Land Bremen gehen heute wieder tausende Menschen für das Klima auf die Straße. Fridays-for-Future-Bremen fordert von der Politik klare Kante – und keine Ausreden.

Der letzte globale Klimastreik in Bremen und Bremerhaven liegt sechs Monate zurück. Deutschland sah einem drohenden "Corona-Herbst" entgegen, dennoch zog es tausende Menschen auf die Straßen. "Fridays for Future" zählte am Ende 15.000 Teilnehmende, die Bremer Polizei 8.000. Die heutige Demonstration steht dagegen ganz im Zeichen des Ukraine-Kriegs, der seit gut einem Monat das alles beherrschende Thema ist. Rückt der Klimaschutz deswegen in den Hintergrund? Ganz und gar nicht, findet Milan Wischnath von "Fridays for Future" in Bremen.

Seit rund einem Monat herrscht in der Ukraine Krieg. Wie hat sich das Thema Klimaschutz aus Ihrer Sicht durch den Krieg verändert?
Wir halten unsere Forderungen nach wie vor für völlig richtig: Klimaneutralität muss so schnell wie möglich erreicht werden. Wir sehen, dass das in der Politik jetzt mehr hinterfragt wird. Wir sehen auch, dass zwar die Forderung kommt, sich unabhängig von russischem Öl und Gas zu machen. Gleichzeitig scheint aber die Alternative zu sein, dass man sich von Öl aus Katar, amerikanischem Flüssiggas oder deutschen Kohlefirmen abhängig macht. Der für uns einzig richtige Weg ist, so schnell wie möglich auf erneuerbare Energien umzusteigen.
Inwiefern beobachten Sie seit Kriegsbeginn weniger Interesse oder Aufmerksamkeit an Klimaschutz-Themen seitens der Politik?
Insgesamt ist das Thema natürlich verrückt worden. Unser Eindruck ist, dass über das Thema Klima hauptsächlich dann geredet wird, wenn es nützlich ist, um sich in dieser Auseinandersetzung zu profilieren. Manchmal hat man auch den Eindruck, es wird hier eigentlich eine Art Politik betrieben, die nicht wirklich darauf aus ist, tatsächlich den Menschen zu helfen. Es geht mehr darum, dass die Regierung ihre Interessen besser durchsetzen kann. Es gibt scheußliche Ideen, wie Geld für Aufrüstung, das dringend für Klima und soziale Gerechtigkeit gebraucht werden würde. Oder auch ein späterer Kohleausstieg stand zur Diskussion. Das lehnen wir komplett ab.
Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hat angesichts der explodierten Spritpreise einen finanziellen Zuschuss für Autofahrer ins Spiel gebracht. Gelder für einen Spritzuschuss sind also offensichtlich da, für den Klimaschutz aber auch Familien oder Schulen sitzt das Geld oft nicht so locker. Wie bewerten Sie das?

Es wundert uns nicht allzu sehr. Das ist in etwa das, was wir von der Regierung erwartet haben. Aber es ist natürlich eine ziemliche Frechheit und wir sehen es auch nicht als zielführend an, nur in den Bereichen Subventionen zu geben, die am klimaschädlichsten sind. Wir halten es für richtig, die Grundversorgung aller aufrecht zu erhalten, aber wir glauben, dass es dann sinnvoller ist, den ÖPNV zu fördern und dafür zu sorgen, dass Menschen es einfacher haben, vom Auto auf den ÖPNV umzusteigen.
Worauf die Politik mit dem zeitlich befristeten 9-Euro-Monatsticket für den ÖPNV ja jüngst auch reagiert hat. Nochmal zurück zu Russland. Wie bewerten Sie die von vielen Staaten geforderte Sanktion, auf sämtliche Gas- und Öl-Importe aus Russland zu verzichten?

Wir sind grundsätzlich für einen Importstopp, wir sind immer dafür, wenn man weniger Öl, Gas und Kohle verwendet.
Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) argumentierte, ein sofortiger Stopp der Russland-Importe sei schlicht nicht möglich. Denn: innerhalb kurzer Zeit käme es in Deutschland zu einem Mangel an Strom und Wärme, eine Destabilisierung sei die Folge. Überzeugt Sie dieses Argument?
Ein sofortiger Importstopp wird vermutlich nicht möglich sein. Das ist ein Versäumnis der Regierung der vergangenen Jahre. Aber den Argumenten der jetzigen Regierungen trauen wir natürlich auch recht wenig.
Angesichts eines möglichen Importstopps geraten auch viele bereits gesetzt Klimaziele ins Wanken. Zuletzt äußerte das Bremer Stahlwerk Bedenken, sein eigenes Ziel, bis 2050 grünen Stahl zu produzieren, unter diesen Voraussetzungen einhalten zu können. Braucht es also größere Anstrengungen?
Es geht auch darum, wie viel Geld man bereit ist, in die Klimaneutralität hineinzustecken. Die Klimakrise ist ein Problem, das in erster Linie durch die Reichsten ausgelöst ist. Dementsprechend sollten sie auch dafür aufkommen. Wir halten dran fest, dass Klimaneutralität bezahlbar ist, wenn man die Menschen mit dem meisten Geld zur Kasse bittet.
Welches sind die nächsten konkreten Schritte, die Sie von der Politik für den Klimaschutz in Bremen fordern?
In Bremen wird die Verkehrswende nicht ernst genug genommen. Der Ausbau von Straßenbahnen geht nicht weit und schnell genug. Die Ausweitung der autofreien Stadt halten wir für sehr wichtig, genauso wie das Abschalten der swb-Kohlekraftwerke.

Rückblick: Ein Jahr Fridays for Future – Das hat sich in Bremen verändert

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. März 2022, 19:30 Uhr