Bremer "Zeitschrift der Straße" feiert mit Sonderausgabe ihr Jubiläum

Erst vor zehn Jahren begann das ambitionierte Sozialprojekt. Jede Ausgabe widmet sich einer Straße oder einem bestimmten Ort. Jetzt blicken die Macher zurück.

Audio vom 2. Februar 2021
Zeitschrift der Straße liegt auf einem Tisch (Archivbild)
Bild: Imago | Eckhard Stengel
Prof. Michael Vogel
Michael Vogel Bild: Cristina Oschmann

Die Idee zur "Zeitschrift der Straße" hatte Michael Vogel, seit 2003 Professor an der Hochschule Bremerhaven. Er hat neben Bertold Reetz vom Verein für Innere Mission in Bremen die Leitung über das Projekt. "Ich hatte vorher in Kiel, Hamburg und London gelebt und dort immer Straßenzeitungen gelesen. In Bremen fehlte das", sagt Vogel. Zudem wollte er seinen Studenten des Tourismusmanagements vermitteln, dass sie auch in der eigenen Stadt etwas Positives bewirken können: über soziale Projekte.

Die Idee: Obdachlose, Drogensüchtige, Menschen, die abgehängt sind, sollen mit dem Verkauf der Zeitung Geld verdienen statt zu betteln. Mindestens ebenso wichtig ist die Tagesstruktur, die sie durch den Verkauf erhalten. "Vor allen Dingen einen Ort, wo sie ein bisschen Ruhe finden. Wo sie sich von ihren Diskriminierungserlebnissen mal befreien können," so Michael Vogel.

Schwarze Zahlen seit 2015

Das erste Heft kostet zwei Euro. Zehn Jahre später ist der Preis auf 2,80 Euro gestiegen. Aber gleich geblieben ist: Die Hälfte dürfen die Verkäufer behalten. Manche bessern damit ihre Sozialhilfe auf, können ein paar kleine Anschaffungen machen, andere geben es für Lebensmittel aus. Mittlerweile gibt es viele, die über Jahre hinweg der Zeitung die Treue halten. Denn – so beschreibt es einer der Verkäufer – er habe das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun, und wieder viel mehr Spaß am Leben.

Der Anfang war sehr mühsam. Es fehlte an Verkäufern und auch an Käufern. "Bis Ende 2014 gab es zwei Phasen, in denen die Zeitschrift knapp vor der Pleite stand", erzählt Vogel. "Beide Male haben wir dann in letzter Minute noch eine Wettbewerbsförderung bekommen." Inzwischen schreibt die Zeitschrift schwarze Zahlen – bereits seit 2015. Die Verkäufer haben nach und nach immer mehr Stammkunden gefunden. Manche sind davon so begeistert, dass die "Zeitschrift der Straße" längst zum Sammlerobjekt geworden ist.

Ungewöhnliches Format, spannende Reportagen

Kolja Burmester, Student an der Hochschule für Künste spricht über das Layout der Zeitung der Straße
Student Kolja Burmester präsentiert die erste Ausgabe. Bild: Radio Bremen

Die  Zeitschrift der Straße ist aber nicht nur ein Sozial-, sondern gleichzeitig auch ein Lernprojekt. Mit Unterstützung von Professoren, Journalisten und Ehrenamtlichen machen Studentinnen und Studenten der Bremer und Bremerhavener Hochschulen Texte und Fotos, kümmern sich um Layout und Vermarktung. Learning by doing.

Dabei wählten sie ein ungewöhnliches Hochformat und eine frische Gestaltung. Der Titel "Zeitschrift der Straße" ist in zweierlei Hinsicht Programm: Weil sie auf der Straße verkauft wird und weil sie in jeder Ausgabe eine Straße, einen Ort zum Thema macht. Los ging es mit dem Sielwall im Ostertor-Viertel, wo unter anderem Frau Schmid die Butter zum Knistern brachte und um einen weißen Pudel. Weitere Hefte erschienen mit Titeln wie "Alte Bürger", "Use Akschen", "Grohner Düne" oder "Mahndorfer Heerstraße".

Manchmal sind es gerade die kleinen verborgenen Örtchen, die die spannenden Geschichten hergeben.

Benjamin Eichler, Autor
Zwei Menschen stehen in einem Raum und halten zwei Zeitungen in den Händen. Eines ist die Jubiläumsausgabe der "Zeitung der Straße".
Die Jubiläumsausgabe in einem knalligen Design bietet das Beste aus zehn Jahren. Bild: Verein für Innere Mission in Bremen

Andere Straßenzeitungen verstehen sich als Sprachrohr der Obdachlosen. Die Bremer Zeitschrift der Straße ist anders, stellt der Autor Benjamin Eichler klar: "Das Oberthema ist immer der Mensch. Das heißt, es muss nicht immer zwangsläufig um Obdachlosigkeit gehen." Die Zeitschrift will Geschichten erzählen – über Orte und Menschen aller Art. Sie soll gelesen und nicht nur gekauft werden. Es geht nicht um den Mitleidseffekt, sagt der erste Chefredakteur Armin Simon. "Unsere Idee war, dass wir ein Produkt schaffen, das spannend ist, das die Leute, die es lesen, gerne kaufen wegen der Geschichten. Und dass sie es nicht kaufen, weil sie dem armen Menschen, der es verkauft, ein bisschen helfen wollen."

Am 1. Februar ist Heft Nr. 84 erschienen. Zum ersten Mal ohne eine Straße oder einen Ort im Titel, denn es ist ein Jubiläumsheft. Darin hat die Redaktion das Beste aus zehn Jahren reingesetzt, sowie einige der Verkäuferinnen und Verkäufer vorgestellt.

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Autoren

  • Birgit Sagemann
  • Heike Kirchner

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Chronik, 2. Februar 2021, 05:40 Uhr