So fühlen sich Bremer Inklusionsschüler

Vor zehn Jahren war Bremen Vorreiter mit Inklusionsklassen an seinen Regelschulen. Dass noch nachgebessert werden muss, zeigen diese zwei Beispiele.

Das Wort «Inklusion» ist auf die Tafel geschrieben, während Schülerinnen und Schüler daran vorbei gehen
Seit 2009 besuchen behinderte Kinder in Bremen Regelschulen. Ihre Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Bild: DPA | Jonas Güttler

Miriam geht nicht immer gerne zur Schule. Und ist damit trotzdem ein gutes Beispiel für gelungene Inklusion. Miriam hat das Downsyndrom. Sie ist 16 und inzwischen in der Pubertät. Und wie bei vielen Teenagern fällt ihr Urteil über die Schule auch mal nicht so gut aus. Sie ist genervt. Von den Lehrern. Miriams Mutter ist froh, dass ihre Tochter auf eine Regelschule und nicht auf eine Sonderschule geht. Dafür hat sie sich ganz bewusst entschieden.

Sie soll in ganz normalen Zusammenhängen angenommen werden und nicht in einer Sondergruppe. Es ist einfach das deutliche Gefühl, dazu zu gehören.

Gisela Bründermann, Mutter von Miriam

Schulen setzen Inklusion unterschiedlich um

Miriam liebt es eigentlich zu lernen. Sie ist sehr fleißig, sagen die Lehrer. Für jedes Fach bekommt die 16-Jährige einen eigens auf sie zugeschnittenen Lernplan. Miriams Mutter ist der Überzeugung, dass die Schulen in Bremen die Inklusion jedoch sehr unterschiedlich umsetzen. Als Sprecherin im Gesamtelternbeirat für Eltern mit behinderten Kindern bekommt sie viele Geschichten erzählt. Ihrer Meinung nach müssten sich insbesondere jene Schulen umstellen, die noch überwiegend Frontalunterricht machen. Einfacher dagegen hätten es die Schulen, die bereits von Anfang an ein individuelles Lernen möglich machen. Selbst nach zehn Jahren sind diese Unterschiede noch zu spüren. Ist es also Glückssache, die richtige Schule zu treffen?

Förderschulen sind manchmal die bessere Wahl

Ein Rollstuhl steht im Klassenzimmer einer Schule (Symbolbild)
Bremen zieht dieses Jahr Bilanz nach zehn Jahren Inklusion. Bild: DPA | Armin Weigel

Der Sohn von Petra Rocksroth hat das Experiment Inklusion abgebrochen. Tim war 4 Jahre an einer staatlichen Oberschule. Er hat Muskelschwund und konnte deshalb nicht am Sportunterricht teilnehmen, fühlte sich aber auch sonst der Klasse nicht immer zugehörig. In den Pausen wollte niemand mit ihm spielen, sagt der 15-Jährige heute. Und auch in der Klasse trennten sich zunehmend die Wege der Kinder mit und ohne Behinderung, bis Tim schließlich kaum noch am Regelunterricht teilnahm: Er und die anderen Kinder mit Einschränkungen wurden stattdessen separat im Nachbarraum unterrichtet. Seiner Mutter gefiel das überhaupt nicht.

Die Lehrer haben im Grunde nur gesagt: Die Schere geht eben immer weiter auseinander. Das ist eben so. Das sei wegen des Alters, dass sich die Kinder unterschiedlich entwickeln. Dass die, die Förderbedarf haben, immer langsamer sind, während die anderen jetzt ganz schnell arbeiten wollen.

Petra Rockstroh, Mutter von Tim

Eltern fordern mehr Freiheiten

Der Bremer Senat hat die meisten Förderzentren geschlossen. Eltern müssen ihre behinderten Kinder bis auf wenige Ausnahmen auf Regelschulen schicken. Rockstroh aber bezweifelt, dass es sinnvoll ist, alle Schulen per Gesetz zur Inklusion zu verpflichten. Mit dieser Überzeugung ist sie nicht allein. Immer wieder berichten Eltern, dass ihre behinderten Kinder sich an den großen staatlichen Schulen verloren fühlen. Sie kritisieren, dass die Schulen oft kein Konzept für die Inklusion haben. Und immer wieder fehlten Fachkräfte wie Sonderpädagogen und Assistenzen. Der Behindertenbeauftragte in Bremen, Joachim Steinbrück, hat Eltern und Lehrervertreter, Politiker und Interessenverbände zusammengerufen. Es sei Zeit für eine Bilanz, sagt er. Und für Ideen, wie die Inklusion an den Regelschulen verbessert werden kann. Damit sich alle Kinder dort wohl fühlen und lernen können.

Die Story im Ersten: "Das Märchen von der Inklusion"

Ein Bildausschnitt der Reportage "Ein Märchen von der Inklusuion".

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  • Heike Zeigler

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Mittag, 19.März 2019, 14:13 Uhr