Eine Bremer Hebamme erklärt: Warum Berührungen so wichtig sind

Video vom 1. Juli 2021
Eine Mutter küsst ihr Baby.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Säuglinge können ohne körperliche Nähe kaum überleben. Doch sie schafft nicht nur Bindung zwischen Eltern und Kind. Sie entscheidet auch über künftige Beziehungen.

Küsschen, Streicheleinheiten und Umarmungen – schon ganz früh sind sie für uns überlebenswichtig. Hebamme Monika Silberberg massiert Babys. Und der vier Monate alte Linus genießt das offenbar. Der frühe Körperkontakt ist elementar für den Start ins Leben. Für Säuglinge ist die Berührung, das Gehaltenwerden nach der Geburt, überlebenswichtig.

Die kommen aus einer Höhle, aus dem Uterus, mit vielen Häuten drum herum und mit Fruchtwasser. Und plötzlich sind sie im freien Universum und können sich überhaupt gar nicht koordinieren. Berührung gibt ihnen Grenzen, Wärme und Sicherheit.

Monika Silberberg, Hebamme

Für Ines Klöppel und Claas Hürkamp ist Linus das erste Kind. Durch die körperliche Nähe zu ihrem Kind lernen sie sich gegenseitig kennen und verstehen.

Berührungen schaffen Bindungen
Ines Klöppel und Claas Hürkamp lernen sich durch die körperliche Nähe zu ihrem Kind gegenseitig kennen und verstehen. Bild: Radio Bremen

"Man kann nicht anders als mit ihnen in Kontakt zu treten, sie zu berühren, weil sie ja ständig getragen werden müssen. Und das wollen sie auch", sagt Ines Klöppel. "Das ist am Anfang fast schon zu anstrengend. Aber irgendwann entsteht auch so eine Art Kommunikation über die Berührung. Deshalb ist das Beziehungsaufbau pur. Es ist total schön zu merken, dass ihm Berührung guttut."

Väter können naturgemäß erst nach der Geburt ihren Kontakt zum Kind aufbauen und ihnen fehlt die Erfahrung des Stillens. Gerade deshalb sei der intensive Körperkontakt so wichtig, erklärt die Hebamme.

Über die Berührung entsteht Bindung. Und Bindung ist das Wesentlichste, was wir Kindern mitgeben können. Denn durch Bindung entsteht Vertrauen.

Monika Silberberg, Hebamme

Für Claas Hürkamp war das am Anfang ein komplett neues Gefühl, das er so nicht kannte, sagt er. "Da muss man sich dran gewöhnen. Man muss sich erst einmal aneinander gewöhnen. Berührungsängste gab es auch, aber die waren schnell weggefegt", so Claas Hürkamp.

Thomas Harms, Leiter des Zentrums für Prävention und Körperpsychotherapie unterstützt Eltern, wenn sie überfordert sind. Denn wenn sie mit Unsicherheit und Angst ihr Kind anfassen, werde es das spüren und sich ebenfalls nicht mehr sicher fühlen, sagt Harms. Das gefährde die positive Bindung.

Harms beobachtet in seiner Arbeit, dass gestresste Eltern zwar viel Körperberührung machen, aber durch das Gestresstsein keine Nähe und Sicherheit entsteht. "Diese körperbasierenden Bindungserfahrungen, die sind dann in der Regel eher ein Assoziieren mit Unsicherheit und mit dem Gefühl von Einsamkeit und Alleingelassenheit", so Harms. Das wiederum kann Folgen haben im Erwachsenenleben. 

"In den Momenten, wo sie angestrengt, belastet sind, wo starke Gefühle in ihnen wirken, dass sie genau dann nicht mehr die Nähe suchen", erklärt der Therapeut weiter. "Also gerade dann, wenn ich traurig bin, wenn ich bedrängt bin durch bestimmte Zustände, ziehe ich mich vielleicht zurück, und bin alleine und beziehe mich nicht auf andere Menschen, lasse mich nicht halten, suche nicht die körperliche Nähe."

Ines Klöppel und Claas Hürkamp sind entspannt und genießen jede Berührung mit ihrem Sohn Linus.

Gerade jetzt, wo er größer wird, wo man ihn richtig anfassen kann, ist das total schön, ihn zu spüren und zu fühlen, dass er wächst. Dass das das ist, was in mir drin war. Es wird immer schöner. Es ist eine sehr berührende Berührung.

Ines Klöppel, Mutter von Linus

Autorin

  • Marianne Strauch Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. Juli 2021, 19.30 Uhr