So machte ein Bremerhavener eines der besten Pressefotos 2018

Jesco Denzel gewann den "World Press Award" in der Kategorie "zeitgenössische Bilder". Alle preisgekrönten Fotos werden ab heute in Oldenburg gezeigt. Hier eine Auswahl.

Mehrere Menschen gucken sich eine Fotoausstellung an.
Bild: Importer

Ein weißes, glänzendes Boot mit Touristen nähert sich auf dem schmutzigen Wasser eines Kanals, zwischen Bambushütten auf Pfählen und Holzbaracken. Drei junge afrikanische Männer und ein Kind stehen auf Holzkanus, sie beobachten die Ankunft der Fremden. Mit diesem Bild hat Jesco Denzel, ein 46-jähriger Fotograf aus Bremerhaven, eine der renommiertesten Auszeichnungen in der Welt der Pressefotografie gewonnen. Das Foto aus der Reportage "Alles muss weg – Lagos Waterfronts in Gefahr" wurde mit dem World Press Photo Award 2018 in der Kategorie "contemporary issues", also zeitgenössische Themen, ausgezeichnet.

Vom 16. Februar bis zum 10. März ist die Ausstellung mit den preisgekrönten Pressebildern in Oldenburg zu sehen. Der "World Press Photo Award" gilt als einer der wichtigsten, wenn nicht als wichtigster Preis für Fotojournalisten weltweit. Mit dem Hauptpreis 2018 wurde das Bild eines venezolanischen Protestierenden, der in Brand geraten war, gekürt. Die Aufnahme vom Fotografen Ronaldo Schemit besaß in den Augen der Juroren eine starke Ausdruckskraft und stand symbolisch für die Lage in Venezuela.

Auf dem Bild des ehemaligen Bremerhaveners sticht der starke Kontrast zwischen dem weißen polierten Boot und den schlichten Holzkanus der Einheimischen hervor, zwischen dem Glanz und der Armut. Jemand könnte darin eine soziale Kritik erkennen. Doch Denzels Absicht ist eine ganz andere gewesen. In der Reportage geht es um ein Fischerdorf in Nigeria, das bald Geschichte sein könnte. Die Regierung will es abreißen, die Investoren wollen das Grundstück kaufen, doch die Anwohner des Slums halten durch. Sie fischen, handeln zwischen den Stelzenhäusern und den Wellblechhütten, füllen die engen Kanäle mit Leben.

Jesco Denzel
Jesco Denzel arbeitet seit 2010 als offizieller Fotograf der Bundesregierung. Bild: Jesco Denzel

"Die Atmosphäre dort war sehr, sehr geschäftlich. Die Leute sind pausenlos unterwegs und versuchen, sich mit ihren Jobs über Wasser zu halten. Es ist wahnsinnig laut und heiß. Das änderte sich nicht, als das Boot mit den Ausflüglern um die Ecke gefahren kam", sagt Denzel. Die Yacht habe jedoch kurz die Aufmerksamkeit der Anwohner auf sich gezogen. Viele Fremde würden aus Angst gar nicht in das Viertel hineinfahren. Er finde es aber gut, dass man es sich anschaue. 

Berühmtes Bild des G7-Gipfels von Denzel fotografiert

Angela Merkel schaut Donald Trump beim G7-Gipfel an
Dieses Bild des G7-Gipfels in Kanada ging um die Welt. Bild: Jesco Denzel | Jesco Denzel

Denzels Bilder beeindrucken für ihre starke, prägnante Ausdruckskraft. Sie fassen in einem Augenblick eine ganze Geschichte zusammen. Dafür braucht ein Fotograf nicht nur Auge, sondern auch ein wenig Glück. "Diese Situationen sind zeitlich sehr begrenzt", erläutert er. 

Man steht unter großer Anspannung und hat oft nur ein paar Sekunden, um wirklich brauchbare Fotos zu bekommen.

Jesco Denzel, Fotograf

Wie bei der berühmten Aufnahme des G7-Gipfels, die US-Präsident Donald Trump und die Bundeskanzlerin Angela Merkel abbildet, umgeben von Diplomaten und Staatschefs. Trump, die Arme vor dem Körper verschränkt, sitzt an einem Tisch und blickt augenscheinlich störrisch vor sich hin. Merkel, die sich mit beiden Händen auf den Tisch stützt, schaut ihn entschlossen an. Ein Bild, das mehr sagt als es zeigt. "Ich habe schon gesehen, dass es die Situation ganz gut auf den Punkt bringt, aber es wäre gelogen zu sagen, dass ich damals wusste, was das für Wellen schlagen würde", sagt Denzel. Das Foto wurde sowohl von Trumps Anhängern als auch von seinen Gegnern geteilt und löste eine Debatte über seine Deutung aus.

Das Bild hat Jesco Denzel als offizieller Fotograf der Bundesregierung geschossen. Seit neun Jahren arbeitet er in Berlin, erstellt Porträts der Mächtigen des Landes, manchmal der Welt. Doch angefangen hat er auch mit denjenigen, die die Regierungen oder die Gesellschaft anscheinend vergessen haben. Wie die irakischen Seeleute, die während des Kampfes gegen den Terror 2003 in einem Schiff an einem Bremerhavener Dock "vergessen" wurden. Darüber hat Denzel eine Fotoreportage gemacht. In "Die letzte Wache der Al Zahraa" geht es um Politik, doch es werden keine Politiker abgebildet. Nur die Menschen, die in Bremerhaven verharren, und deren Schicksale durch das Weltgeschehen wie an einem losen Seil hängen.

In Hannover Fotojournalismus studiert

Ein Mann schaut nachdenklich aus dem Fenster eines Schiffes.
Dieses Bild stammt aus Denzels Fotoreportage "Die letzte Wache der Al Zahraa". Bild: Jesco Denzel | Jesco Denzel

Seine Karriere hat der gebürtige Bremer und ehemalige Bremerhavener mit einem Studium des Fotojournalismus in Hannover begonnen. Es folgte einem Magister in politischer Wissenschaft. "Die Leidenschaft für die Fotografie war schon immer da – ich habe nur relativ spät erkannt, dass ich das zum Beruf machen konnte", sagt er. Dann kamen Praktika bei der taz, FAZ und Spiegel TV.

Das Schöne an der Pressefotografie ist, dass man dadurch in Situationen eintaucht, mit denen man sonst nie in Berührung käme. Jede Woche in neuen Umgebungen, in anderen Welten unterwegs zu sein, und durch die Bilder anderen Menschen die Atmosphäre dort zu vermitteln.

Jesco Denzel, Fotograf

"Ich habe ursprünglich, als ich Fotografie gelernt habe, Reportagen fotografiert, mein Herz hängt natürlich daran", sagt er. In Erinnerung sei ihm besonders die Geschichte der Fischfabriken am Viktoriasee in Kenia geblieben. Dort verarbeiten die Mitarbeiter Viktoriabarsch-Filets. Das Fleisch wird nach Europa exportiert, die Fischreste werden von den Einheimischen frittiert und auf dem Markt verkauft. "Diese kleine Geschichte ist mir ans Herz gewachsen", sagt er. "Wegen der Art, wie wir dort aufgenommen wurden. Das war sehr warmherzig. Gleichzeitig hat man auch ein schlechtes Gewissen, weil man denkt, man sei auch zum Teil mitverantwortlich für die Situation, in denen sie leben."

Wichtig sind auch natürliche Situationen

Das Schwierige bei solchen längeren Projekten sei, einen Zugang zu den Menschen und den Situationen zu finden. Man verlangt schließlich sehr viel von meist fremden Menschen. "Stellen Sie sich vor, jemand würde eine Woche lang in Ihrem Haus ein- und ausgehen und Sie dauernd fotografieren – das würden Sie auch ein bisschen komisch finden", sagt er. Doch für gute Bilder ist es wichtig, dass man natürliche Situationen aufnimmt.

Nachdem er zum offiziellen Fotografen der Bundesregierung ernannt wurde, nahm Denzel eine längere Pause von den Fotoreportagen. Inzwischen gelingt es ihm immer wieder, sich Zeit für umfangreiche Geschichten zu nehmen – wie im Fall des preisgekrönten Bildes aus Lagos. "An Ideen mangelt es nicht, oft fehlt jedoch die Zeit", fügt er hinzu. Trotz der vielen Reisen und des internationalen Ruhms hat er seine Heimatstadt jedoch nicht vergessen. "Meine Eltern und meine Schwester wohnen noch in Bremerhaven", sagt er. Ein paar Mal im Jahr kommt er aus der weiten Welt zum Besuch zurück.

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  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 15. Februar 2019, 23:30 Uhr