Bremen braucht Wohnungen in der City – warum sie nicht entstehen

Kaufhäuser und Geschäfte schließen, neue Quartiere entstehen. Wohnungen aber bleiben in Bremens Innenstadt vorerst rar. Dabei gäbe es genügend Platz, selbst mitten im Zentrum.

Die Statue des Hirten mit Schweinen in der Bremer Sögestraße
Die Bremer Innenstadt braucht Wohnungen. Darüber herrscht Einigkeit. (Archivbild) Bild: Imago | Schöning

Keine Frage: Die City-Galerie des Investors Kurt Zech im Herzen der Fußgängerzone könnte von zentraler Bedeutung für die Zukunft der Bremer Innenstadt werden, ebenso die Entwicklung des Sparkassen-Areals am Brill. Da ist sich Jens Lütjen, geschäftsführender Gesellschafter der Immobilien-Sozietät Robert C. Spies, absolut sicher. Gespannt blickt er auch auf das "Lebendige Haus", das Investor Thomas Binder gerade am Ansgarikirchhof entwickelt, sowie auf Johann Christian Jacobs' "Balgequartier" zwischen Obernstraße und Langenstraße.

Doch ebenso wichtig wie diese Großprojekte dürften für die Innenstadt viele kleine Vorhaben werden, glaubt Lütjen: "Die DNA der Bremer City muss stärker durchmischt werden", sagt er. Dem innerstädtischen Wohnen müsse dabei eine besondere Rolle zufallen, zumal es die Identifikation der Bremer mit ihrer Innenstadt stärken könnte. Da treffe es sich gut, dass die Politik die notwendigen Voraussetzungen für einen entsprechenden Strukturwandel bereits vor gut vier Jahren geschaffen habe, wenn auch von vielen Akteuren weitgehend unbemerkt.

Großer Plan mit schwacher Lobby?

Älterer Herr mit Glatze blickt vor weißem Hintergrund freundlich in die Kamera
Hofft auf lebendige Dachlandschaften in der Bremer City: Jens Lütjen, geschäftsführender Gesellschafter des Immobilien-Unternehmens Robert C. Spies. Bild: Robert C. Spies KG

Lütjen spielt auf den überarbeiteten Bebauungsplan für die Bremer Altstadt an. Die Bremische Bürgerschaft hat ihn im Februar 2016 auf Betreiben des damaligen Bausenators Joachim Lohse (Grüne) beschlossen. "Der Plan hatte damals allerdings keine starke Lobby", blickt Lütjen zurück – und verleiht sogleich seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich das infolge der öffentlichen Debatte um die Bremer Innenstadt nun doch noch ändern könnte.

Denn im Kern gestattet der Bebauungsplan Immobilien-Besitzern im Ortsteil Altstadt, also zwischen Wallanlagen, Schlachte und Doventor, aus Büros Wohnungen zu machen. Auf diese Weise, heißt es in der Begründung des Bauressorts, leiste der Plan "einen Beitrag zur Belebung der Altstadt auch außerhalb der Büro- und Geschäftszeiten". Zugleich erleichtere die Novelle Immobilien-Eigentümern die Nachnutzung leerstehender Büros und begegne der verstärkten Nachfrage nach innerstädtischem Wohnraum.

"Man kann jede Wohnung in der City vermieten"

Bauarbeiten für eine neue Wohnanlage in der Bremer Neuenstraße
Großbaustelle in der Neuenstraße des Stephanieviertels: Wie zuletzt in unmittelbarer Nachbarschaft, so entstehen auch hier neue Wohnungen. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Eben diese Nachfrage sei enorm, sagt Lütjen: "Man kann jede Wohnung in der City vermieten", stellt er fest. Zwar verstehe er, dass viele Immobilienbesitzer vor den Kosten für einen entsprechenden Umbau oder Ausbau ihrer innerstädtischen Häuser zurückschrecken. Dennoch wünsche er sich mit Blick auf den Bebauungsplan der Altstadt mehr Mut. "Bremen kann hier vielleicht etwas von Kopenhagen oder von Oldenburg lernen. Da wohnen viel mehr Leute in der Innenstadt als bei uns, auch in den Fußgängerzonen."

Die Dachlandschaften in Bremens Stadtkern hingegen seien allemal entwicklungsfähig, findet Lütjen. Er ist überzeugt davon, dass sich in den oberen Stockwerken der Bremer Haupteinkaufsstraßen viele attraktive kleine Wohnungen schaffen ließen, insbesondere für Paare und für Single.

Darüber, dass Bremen mehr Wohnraum in der Innenstadt braucht, herrscht seit Jahren Konsens. Das hat auch Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne) kürzlich beim City-Gipfel neuerlich bekräftigt. Allerdings kursieren unterschiedliche Definitionen darüber, wo die Innenstadt beginnt, und wo sie endet, welche Abschnitte sich für den Wohnungsbau eignen, welche dagegen dem Handel vorbehalten bleiben sollten, und wo sich schließlich ein Mix aus verschiedenen Nutzungsformen anbietet.

"Die meisten Menschen gehen in die Innenstadt, um einzukaufen"

Portraitaufnahme von Joachim Linnemann im Anzug
Glaubt, dass der Fokus im Stadtkern der Bremer City auf dem Handel liegen sollte: Investor Joachim Linnemann von der Justus Grosse GmbH. Bild: Justus Grosse GmbH

Joachim Linnemann, geschäftsführender Gesellschafter des Immobilienunternehmens Justus Grosse, bedauert ebenso wie Jens Lütjen, dass viele obere Stockwerke in der Bremer Innenstadt derzeit weitgehend ungenutzt vor sich hindümpeln. Auch er fände es schön, wenn sich die betreffenden Immobilienbesitzer dazu entschlössen, diese Stockwerke für Wohnungen auszubauen. Der Aufwand hierfür wäre jedoch in den meisten Fällen gewaltig, sagt er. Linnemann glaubt daher nicht, dass sich auf diese Weise kurzfristig viel in der Innenstadt bewegen ließe.

Stattdessen werde es im unmittelbaren Stadtkern Bremens in den kommenden Jahren darauf ankommen, den lahmenden Einzelhandel durch ein qualitativ hochwertiges Angebot zu stärken: "Die meisten Menschen gehen in die Innenstadt, um einzukaufen und zu flanieren", sagt der Unternehmer. Da es aber kaum möglich sei, den Handel und das Wohnen an ein- und derselben Stelle zugleich voranzutreiben, müsse man Prioritäten setzen. Und die sollten im inneren Stadtkern auf dem Handel liegen, zumal der dortige Immobilienbestand mit seinen großen Verkaufsflächen für eine Umnutzung mit Wohnungen zum großen Teil kaum geeignet sei.

Mehr als 260 neue Wohnungen an der Kleinen Weser

Visualisierung einer Wohnanlage an der Kleinen Weser
So, wie auf diesem Bild, sollen die Weser-Höfe an der Kleinen Weser in gut zwei Jahren aussehen. Bild: Justus Grosse GmbH

"Innerstädtischen Wohnraum zu schaffen, bietet sich dort an, wo man neu bauen kann", konstatiert Linnemann und denkt dabei insbesondere an die Bahnhofsvorstadt, an das Stephaniviertel und an die vordere Neustadt. Tatsächlich sind im Stephaniviertel in den letzten Jahren, beispielsweise auf der Rückseite der Volkshochschule, mehrere neue Wohnanlagen entstanden, weitere, darunter in der Neuenstraße, werden derzeit gebaut. Und in der Neustadt, direkt im Fahrradmodell-Quartier an der Kleinen Weser, gegenüber dem Teerhof, baut Justus Grosse seit Mitte Juli die "Weser-Höfe".

Bis Ende 2022 sollen dabei 266 Wohnungen entstehen, darunter 80 geförderte. "Hier verschmilzt moderne Architektur mit moderner Mobilität und bezahlbarem Wohnraum zu nachhaltiger Stadtentwicklung", schwärmt Bausenatorin Maike Schaefer von dem Projekt.

Studentenwohnheim für die Innenstadt?

Zwar zeigt sich auch Jens Lütjen von den WeserHöfen angetan. Gleichwohl sieht er in Wohnprojekten dieser Art nur einen von vielen Bausteinen, die notwendig seien, um Bremens Innenstadt zu beleben. Er vermisst junges Publikum in der City, bedauert, dass weder die Hochschule Bremen noch die Universität in der Innenstadt präsent sind. Dabei könnten von ihnen "tolle Impulse" etwa für das Faulenquartier ausgehen: "Vielleicht brauchen wir nicht das 14. Studentenwohnheim im Technologiepark, sondern das erste mitten in der Stadt."

Und möglicherweise, so Lütjen weiter, wäre für ein derartiges Wohnheim nicht einmal ein Neubau erforderlich: "Das kann auch in einem spannend revitalisierten Altbau geschehen", sagt er. Ein Schelm, wer dabei nicht an das Sparkassen-Areal am Brill denkt, dessen Zukunft derzeit ungewiss ist.

Alternativer City-Gipfel: Das sagen junge Bremer zur Innenstadt

Video vom 25. Juli 2020
Zwei junge Menschen sitzen im Rahmen des "Alterniv-City-Gipfels" an einem Tisch vor dem Rathaus.
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Juli 2020, 19:30 Uhr