Fragen & Antworten

Windpocken an Bremer Schule: Wann die Krankheit gefährlich wird

Viele hatten sie in der Kindheit, kaum einer hatte echte Probleme mit ihnen: Windpocken. Warum also wird ungeimpften Kindern der Besuch einer Schule im Bremer Viertel verboten?

Video vom 13. Februar 2020
Eltern und Schüler der Grundschule an der Schmidtstraße vor der Schule

Weil mehrere Kinder an einer Grundschule im Bremer Steintorviertel an Windpocken erkrankt sind, dürfen ungeimpfte Schüler und Lehrer nicht mehr ins Gebäude. Das hat das Bremer Gesundheitsamt verfügt – und damit für reichlich Diskussionen gesorgt. Denn viele kennen die Krankheit aus ihrer eigenen Kindheit, wo sie fast immer glimpflich verlief. Woher kommt also die Aufregung?

Sind Windpocken für Kinder überhaupt gefährlich?
Viele Erwachsene hatten sie in ihrer Kindheit, kaum einer hatte größere Probleme damit: Windpocken gelten als harmlos – zumindest für die meisten Kinder. "Im Grunde sind Windpocken nicht gefährlich – anders als Masern", sagt der Bremer Kinder- und Jugendarzt Torsten Spranger, stellvertretender Vorsitzender im Bremer Landesverband der Kinder- und Jugendärzte. "Sie sind sogar ein wenig in Vergessenheit geraten." Das liege vor allem daran, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) die Windpocken-Impfung seit 2004 empfiehlt – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in bestimmten Berufen, beispielsweise Lehrer und Erzieher. Seit fast sechs Jahren sind Windpocken-Erkrankungen zudem meldepflichtig.

Problematisch werde es allerdings, wenn Kinder bereits an Neurodermitis leiden, sagt der Kinderarzt. Dann gebe es "furchtbare Beschwerden" wie blutigen Ausschlag und bleibende Narben. Aber auch gesunde Kinder können beispielsweise Lungen- oder Mittelohrentzündungen bekommen.

Die Windpocken sind für Kinder in den meisten Fällen harmlos. Der Wunsch ist aber, auch den Rest der Gesellschaft zu schützen.

Torsten Spranger, Kinder- und Jugendarzt
Für wen sind Windpocken denn bedrohlich?
Dem Robert-Koch-Institut zufolge sind zwischen 2014 und 2018 neun Menschen an Windpocken gestorben – alle waren älter als 55 Jahre, fast alle litten an "multiplen Grunderkrankungen". Damit fallen sie genau in die Risikogruppe – genau wie nicht immune Schwangere. "Die sind extrem gefährdet", sagt Mediziner Spranger. Komme es kurz vor der Entbindung zu einer Infektion, bekomme das Kind womöglich Neugeborenenwindpocken. "Und die können tödlich verlaufen", sagt Spranger.

Generell sind Windpocken bei Erwachsenen seltener, verlaufen aber öfter mit größeren Beschwerden. Hinzu kommt das Risiko, Jahre nach den Windpocken auch eine Gürtelrose zu bekommen. Das Virus ist nämlich das gleiche.
Ist es nicht trotzdem übertrieben, ungeimpfte Kinder nicht in die Schule zu lassen, weil von 159 Schülern elf erkrankt sind?
Es ist laut Gesundheitsamt seit Jahren der erste Fall, bei dem solche Maßnahmen zum Schutz einer Infektionsausbreitung an einer Bremer Schule getroffen werden mussten. Grundlage dafür ist das Infektionsschutzgesetz. "Es ist absolut richtig", sagt auch Kinderarzt Spranger. Denn Windpocken seien hoch ansteckend und würden über die Luft übertragen. Und das schon ein bis zwei Tage bevor die Erkrankung überhaupt sichtbar wird. Das kann beispielsweise für schwangere Frauen, die ihre Kinder zur Schule bringen, gefährlich werden. Denn schon ein kurzer Kontakt über wenige Meter kann zur Infektion führen.

Die Zahl der Infektionen müsse zudem niedrig gehalten werden, sagt Spranger. Denn mit den Fällen, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass eines der infizierten Kinder beispielsweise eine Lungenentzündung bekommt. Muss diese im Krankenhaus behandelt werden, bedeutet das einen großen Aufwand: Die Patienten müssen isoliert werden, das Personal muss immun sein, ebenso wie mögliche Zimmergenossen. "Stecken sich Menschen mit Krebserkrankungen oder alterbedingter Schwäche an, besteht die Gefahr von schweren Verläufen bis hin zum Tod", sagt Spranger. Es gehe bei Windpocken nicht nur um die Erkrankung des einzelnen Kindes, sondern darum, auch den Rest der Gesellschaft zu schützen. "Dafür", sagt Spranger, "fehlt einigen aber offensichtlich die Motivation."

Autor

  • Robert Otto-Moog

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. Februar 2020, 19:30 Uhr