Fragen & Antworten

So könnten Bremerhaven und die Küste vom Windkraft-Aufwind profitieren

Audio vom 27. Juli 2021
Eine Offshore-Windkraftanlage
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Die Windkraft rückt als Erneuerbare Energie wieder mehr in den Fokus. Das könnte sich positiv auf Bremerhaven und die Küste auswirken. So sieht der Branchenverband die Entwicklung.

In den vergangenen Jahren hat die Windkraft-Branche ein Auf und Ab erlebt. Nicht zuletzt die dramatische Hochwasserkatastrophe haben der Klimakrise aktuell zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft. Das gibt der Windkraft als Erneuerbare Energie wieder Auftrieb. Jetzt hat der Bundesverband Windenergie in Berlin einen Blick auf die Branche geworfen. So ist die Lage in Bremerhaven und an der Küste.

Wie geht es der Windkraft-Branche an der Küste zurzeit?
Die ist zuletzt fast zum Erliegen gekommen. Gründe dafür sind, dass der Bund den Ausbau begrenzt und die Förderung heruntergefahren hat. Wohl auch, weil die Bundesregierung Sorge hatte, dass die Strompreise zu teuer werden mit zu viel Erneuerbarer Energie. Ziel ist es, einen guten Energiemix hinzubekommen, den man hauptsächlich aus dem eigenen Land generieren will. Hier spielt als Ergänzung auch Wasserstoff eine große Rolle.

Aber die Ziele der Bundesregierung sehen Experten kritisch: Es müssten mindestens 20 Gigawatt an Solaranlagen und knapp zehn Gigawatt an Windenergie pro Jahr zugebaut werden, um die Energiewende- und Klimaziele zu erreichen. Dafür müssten die Ausbauziele mindestens vervierfacht bis versechsfacht werden, sagt die Energieexpertin Claudia Kemfert. Und davon ist Deutschland weit entfernt. Viele Betriebe haben die Krise zudem gar nicht überstanden. Alleine in Bremerhaven sind der Branche in den vergangenen Jahren mehrere Tausend Jobs weggebrochen.
Aber kommt die Windkraft nach den jüngsten Ereignissen wieder richtig groß raus?
Zumindest werden die Rufe nach ihr wieder lauter. Denn der Wechsel auf regenerative Energien ist laut Experten nur zu schaffen, wenn vor allem die Offshore-Windkraft massiv vorangebracht wird. Auf hoher See weht der Wind beständiger, was zu höheren Erträgen führt. Das Problem dabei ist: Der Ausbau hat dort seine Grenzen – mit Blick auf den Umweltschutz. Es gibt langwierige Genehmigungsverfahren, Ausschreibungen brauchen länger als gedacht. Außerdem gibt es Schwierigkeiten beim Netzausbau. Dieses Jahr sind in der Nordsee gar keine neuen Windräder entstanden. Und auch, wenn in den nächsten Jahren mehr passieren soll, noch stockt es. Neue Stromtrassen müssen gebaut werden, was wiederum vielerorts auch am Widerstand der Bürger scheitert oder sich verzögert.
Wie schätzt die Branche die Lage ein?
Die fordert deutlich mehr Tempo beim Ausbau. Auch an Land – und vor allem im Süden. Zu den Forderungen gehört, mehr Flächen bereit zu stellen und Abstandsregelungen zu lockern.

Immerhin gebe es steigende Tendenzen an Land: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind 240 neue Anlagen entstanden, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eine Steigerung von 62 Prozent. Mit einem Anteil von 22 Prozent am aktuellen Zubau führt Niedersachsen hierbei den Ländervergleich an, im Land Bremen gab es keinen Zuwachs. Überwiegend habe sich das Geschäft allerdings ins Ausland verschoben, zum Beispiel nach Asien, sagt Heike Winkler, Geschäftsführerin der Windenergieagentur WAB in Bremerhaven.

Zahlreiche Betriebe sind ihrer Aussage nach jedoch durch aktuelle Ausbaulücken gefährdet. Zwar sei es gut, dass die Ausbauziele bis 2040 verdoppelt wurden. Winkler appelliert aber an die Bundesregierung, auch kurzfristig Windpark-Flächen freizugeben. Nur so könnten die rund 24.000 Beschäftigten in der Offshore-Branche abgesichert werden.
Und wie steht es um den Offshore-Hafen in Bremerhaven – kommt der doch noch?
Der liegt schon mehrere Jahre auf Eis – die rot-grün-rote Regierung in Bremen hatte beschlossen, das Projekt nicht zu forcieren, aber weiterzuverfolgen. Gescheitert war es, weil Umweltverbände dagegen geklagt hatten. Wenn die Branche jetzt neuen Auftrieb bekommt und wieder mehr Windparks entstehen könnten – dann könnte das auch ein Wiederaufleben der Bremerhaven-Idee bedeuten.
Siemens hatte in Cuxhaven ein großes Produktionswerk geschaffen, wie sieht es dort aus?
Das Werk hätte auch Bremerhaven gerne in der eigenen Stadt gesehen. Und tatsächlich hat Siemens die Krise gut gemeistert. Das Geschäft mit der Offshore-Windenergie läuft robust, sagt der Konzern. Allerdings gibt es Umsatzeinbrüche bei Anlagen an Land. Der Vorteil: Siemens hatte von vornherein angekündigt, in Cuxhaven für den internationalen Markt zu produzieren. Das scheint aufzugehen. Deshalb entstehen dort zum Beispiel Hunderte Anlagen für Windparks in Großbritannien. Trotz Brexit läuft das Geschäft offenbar. Aktuell geht es um 100 der neuesten Anlagen für den Windpark Sofia westlich von Großbritannien. Das sichert die Arbeitsplätze der rund 600 Beschäftigten in Cuxhaven.

Autoren

  • Dirk Bliedtner
  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 27. Juli 2021, 15:10 Uhr