5 Gründe: Darum ist die Windenergiebranche in Bremerhaven gescheitert

Bremerhaven war einst führender Standort der Windenergiebranche. Doch alle großen Firmen haben die Stadt verlassen oder mussten Insolvenz anmelden.

Video vom 3. Januar 2020
Einige Offshore-Windkraftanlagen
Bild: Radio Bremen

Anfang des Jahrtausends kam die Windenergiebranche nach Bremerhaven. Deutschland hatte die Windkraft für sich entdeckt und errichtete die ersten Offshore-Parks vor der Küste. Bremerhaven stieg zum führenden Standort der Branche auf. Mehrere Pionier-Unternehmen siedelten sich an, mehr als 3.000 Arbeitsplätze entstanden. Um Bauteile für die Windparks besser verschiffen zu können, wurde sogar ein Terminal des Containerhafens freigeräumt.

Heute sieht das ganz anders aus: Die Windkraftbranche in Bremerhaven existiert quasi nicht mehr.

1 Große Koalition drosselt den Ausbau der Offshore-Windenergie

Viele machen für das Aus der Windenergiebranche in Bremerhaven allein die Bundesregierung verantwortlich: 2014 befürchtete die große Koalition in Berlin, dass der ungebremste Ausbau der Offshore-Windenergie auch die Strompreise ungebremst steigen lässt – und drosselte den Ausbau auf See. Das sei der Anfang vom Ende der Branche, erklärten Unternehmer, Lobbyisten und Lokalpolitiker damals in einem gemeinsamen Appell.

Investoren brauchen klare Rahmenbedingungen. Das, was Berlin hier macht, verschreckt Investoren.

Bremerhavener Oberbürgermeister Melf Grantz.
Melf Grantz, Oberbürgermeister Bremerhaven, im Juli 2016

2 Falsche Produkte und alte Produktionsweisen

Die Windkraft-Firmen können die Schuld nicht allein der Bundesregierung zuweisen. Versagt haben auch sie selbst, sagt Meinhard Geiken, langjähriger Chef der IG Metall Küste.

Wenn man ganz ehrlich draufschaut, hat so eine Medaille immer zwei Seiten. Und die andere Seite ist natürlich, dass die Betriebe in der Region auch Fehler gemacht haben, wo wir in der Nachbetrachtung sagen: Hätte man sich da anders aufgestellt, hätten wir wahrscheinlich andere Chancen gehabt.

Ein Mann schaut in die Kamera.
Meinhard Geiken, IG-Metall-Bezirksleiter Küste a.D.
Blick auf eine graue, große Schiffshalle.
In diesen Hallen im Fischereihafen fertigte Weserwind Fundamente für Offshore-Windräder. Bild: Radio Bremen

Eine der Firmen, die an einer unternehmerischen Fehleinschätzung zugrunde ging, war Weserwind. Bis vor fünf Jahren fertigte der Betrieb in Bremerhaven riesige Fundamente für Offshore-Windräder an. Diese sogenannten Tripoden waren allerdings zu aufwendig konstruiert und setzten sich auf dem Markt nicht durch. 2015 musste Weserwind Insolvenz anmelden. Marktforscher Dirk Briese meint, dass die Firma zu lange an ihrem Produkt festgehalten habe.

Weserwind hat auf die falsche Technologie gesetzt, was das Fundament-Wesen betrifft. Die haben Fundamente gebaut, die nicht wirklich technologiekompatibel waren oder zu teuer waren in der Fertigung.

Ein Mann im schwarzen Mantel steht an einem Hafenbecken.
Dirk Briese, Marktforscher
Mitarbeiter von Powerblades demonstrieren in Bremerhaven.
Rund 200 Mitarbeiter des Bremerhavener Powerblades-Werkes demonstrierten im Juni 2017 gegen eine Schließung des Standortes. Bild: Radio Bremen

Auch die ehemalige Halle der Firma Powerblades steht seit zwei Jahren leer. Hunderte Mitarbeiter produzierten hier einst Rotorblätter für Windkraftanlagen. Das lief auch jahrelang gut. Doch das Unternehmen habe sich auf seinem Erfolg ausgeruht und vergessen, die Produktion zu modernisieren, findet die Gewerkschaft IG Metall Küste heute rückblickend.

Man hat sich bei der Herstellung der Flügel auf eine einfache Produktion verlassen – mit viel Handarbeit in den Bereichen. Und man ist nicht dazu übergegangen, zu überlegen: Wie können wir die Betriebe aufstellen, dass man auch die Flügel-Produktion technisch anders gestalten kann, wo man dann auch konkurrenzfähig ist?

Ein Mann schaut in die Kamera.
Meinhard Geiken, IG-Metall-Bezirksleiter Küste a.D.

Als die Mutterfirma Senvion bemerkte, dass die Produktionsweise von Powerblades viel zu teuer war, setzte die Konkurrenz längst auf mehr Roboterarbeit. Das dramatische Ende für die Belegschaft in Bremerhaven: Das Management schloss den Standort vor zwei Jahren und verlagerte ihn ins Billiglohnland Portugal.

2019 scheiterte Senvion dann selbst. Damit verlor Bremerhaven auch seinen letzten bedeutenden Windanlagenbauer. Das Unternehmen hatte sich auf Turbinen spezialisiert. Das Management setzte allerdings auch hier zu lange auf alte Technik, statt in die Entwicklung neuer Produkte zu investieren. Die Folge: Kunden blieben weg.

3 Unternehmen waren zu klein

Die Senvion-Pleite hätte verhindert werden können, sagt der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Jens Eckhoff. Er setzt sich als Politiker und Lobbyist seit Jahrzehnten für die Windkraftbranche ein. Senvion sei zu klein gewesen, um sich die nötigen Investitionen leisten zu können, sagt er. Es fehlte an großen Gesellschaftern – eine Erkenntnis, die für fast alle gescheiterten Windkraft-Unternehmen in Bremerhaven gilt.

Das wäre so ein bisschen, als wenn Union Berlin morgen in der Champions League gegen Real Madrid spielen würde. Die kommen mit dem Etat auch nicht hin und werden nicht gewinnen. Und das war so ein bisschen der Fehler: Man hat nie den starken Partner gefunden, den das Unternehmen eigentlich verdient gehabt hätte.

Jens Eckhoff, stellvertretender Landesvorsitzender CDU Bremen
Jens Eckhoff, CDU-Bürgerschaftsabgeordneter

4 Firmen waren zu sehr auf deutschen Markt fixiert

Ein weiterer Faktor: Die Unternehmen seien zu sehr auf den deutschen Markt fixiert gewesen. Nur langsam hätten sie sich mit einer internationalen Ausrichtung auseinandergesetzt, sagt Meinhard Geiken.

Die international schon aufgestellt sind, haben dort einfach bessere Grundlagen als kleine, mittlere Betriebe in dem Bereich.

Ein Mann schaut in die Kamera.
Meinhard Geiken, IG-Metall-Bezirksleiter Küste a.D.

5 Bremer Landespolitik war zu langsam

Als sich ein international aufgestellter Konzern für Bremerhaven interessierte, reagierte die Bremer Landespolitik nur zögerlich, so dass Siemens sein Werk schließlich in Cuxhaven baute. Man habe sich letztendlich wegen des guten Zugangs zur Nordsee für Cuxhaven entschieden, sagte Siemens-Windenergie-CEO Markus Tacke im August 2015.

Hätte am Blexer Bogen im Süden Bremerhavens bereits ein Schwerlasthafen existiert, wäre der Siemens-Konzern vermutlich in Bremens Schwesterstadt gezogen, sagt Markforscher Dirk Briese.

Wenn er gekommen wäre oder wenn er da wäre, dann hätte sicherlich die eine oder andere Standortentscheidung deutlich bessere Chance auf Bremerhaven gehabt.

Ein Mann im schwarzen Mantel steht an einem Hafenbecken.
Dirk Briese, Marktforscher

Das gelte nicht nur für Siemens sondern auch für weitere Firmen, wie etwa das Unternehmen Steelwind, das sich in Nordenham angesiedelt hat. Den Offshore-Terminal hat Bremen – trotz mehrerer Anläufe – bis heute nicht gebaut.

Rückblick: Bremen fordert Berlin bei Windenergie

Video vom 29. November 2019
Die Windräder am Meer von Bremerhaven sind in der Ferne zu sehen.
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Sebastian Manz
  • Hauke Hirsinger
  • Sonja Harbers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. Januar 2020, 19:30 Uhr