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Unruhe beim Weser-Kurier: Moritz Döbler in Doppelfunktion?

Der Verlag sucht einen neuen Vorstand. Moritz Döbler hat Interesse, will aber offenbar gleichzeitig Chefredakteur bleiben. Das stößt auf Widerstand in der Redaktion.

Die Fassade des Pressehauses mit dem Schriftzug "Weser Kurier"

Es hat nur eine Seite: Das Infoblatt, das der Betriebsrat diese Woche in der Redaktion des Weser-Kurier verteilt hat. Es zeigt trotzdem, wie groß der Ärger über die verfahrene Situation an der Verlagsspitze ist. "Was läuft in Sachen Vorstand?", fragt der Betriebsrat. "Langsam wird die Zeit knapp."

Der Hintergrund: Ende Oktober war bekannt geworden, dass die beiden Vorstände des Verlags spätestens zum Ende des Jahres hinwerfen werden. Jan Leßmann und Eric Dauphin waren offenbar zunehmend am Aufsichtsrat verzweifelt, der in wichtigen Fragen nicht in der Lage war, Entscheidungen zu treffen. Nun ist der Vorstandsposten an der Verlagsspitze also vakant. Und noch immer hat der Aufsichtsrat nicht über die Bestellung entschieden.

Döbler in Doppelfunktion?

Moritz Döbler
Chefredakteur des Weser-Kuriers, Moritz Döbler

Immerhin gibt es offenbar inzwischen einen prominenten Bewerber, der in das Amt drängt: der Chefredakteur selbst. Moritz Döbler war vor drei Jahren vom Tagesspiegel aus Berlin nach Bremen gekommen. Er gilt als renommierter Journalist mit großem Interesse für Wirtschaftsthemen, aber auch als sehr ambitioniert und ehrgeizig. Das Brisante: Döbler will offenbar nicht nur Vorstand werden, sondern auch Chefredakteur bleiben, die Ämter in Verlag und Redaktion also gleichzeitig ausfüllen.

Und das stößt in der Redaktion auf erheblichen Widerstand. Denn Redaktion und Verlag sind in Deutschland üblicherweise streng getrennt, wirtschaftliche Interessen sollen nicht mit redaktionellen Inhalten vermischt werden. Genau das könnte aber beim Weser-Kurier passieren, fürchtet der Betriebsrat. Der Verlag könnte mit Döbler in Doppelfunktion künftig mehr Einfluss auf redaktionelle Inhalte beim Weser-Kurier nehmen. Die Redaktion hat Sorge um ihre Unabhängigkeit, sagt die Betriebsratsvorsitzende Ruth Gerbracht im Interview mit buten un binnen.

Ich bin ja nicht nur Betriebsrätin, sondern auch Journalistin. Allgemein halte ich das für keine gute Idee, einen Chefredakteursposten und den Vorstand in einer Person zu vereinen.

Ruth Gerbracht, Betriebsratsvorsitzende
Ruth Gebracht, Betriebsrätin
Ruth Gerbracht, Betriebsrätin Bremer Tageszeitungen AG

Gerade in Zeiten, in denen der Journalismus sich mit Vorwürfen von "Lügenpresse" und "Fake News" auseinandersetzen müsse, sei eine solche Vermischung von Verlag und Redaktion bedenklich, sagt Gerbracht. Doch ob der Aufsichtsrat sich überhaupt auf einen Kandidaten einigen kann, ist derzeit noch völlig unklar. Denn das Gremium blockiert sich seit Jahren selbst.

Verlegerfamilien zerstritten

Auch dass die beiden bisherigen Vorstände Leßmann und Dauphin zum Jahresende hinwerfen, liegt offenbar daran, dass der Aufsichtsrat in wichtigen Fragen oft keine Entscheidungen getroffen hat. In dem Gremium sitzen je drei Vertreter der Verlegerfamilien Hackmack und Güssow, die je 50 Prozent der Anteile halten. Die Familien sind seit Jahren zerstritten, können sich auf keine Linie einigen. "Das bedeutet, dass wenig oder gar nichts entschieden wird", sagt Gerbracht. "Und das bedeutet natürlich Stillstand."

Ein Beispiel ist das alte Druckhaus in Woltmershausen. Das gilt seit Jahren als veraltet. So kann die Zeitung zum Beispiel immer noch nicht durchgängig farbig gedruckt werden. Und das Druckhaus ist personalintensiv, verursacht also relativ hohe Kosten. Der Vorstand hatte in den vergangenen Jahren immer wieder Vorschläge gemacht – als eine Option soll eine Kooperation mit der Nordwest-Zeitung in Oldenburg auf dem Tisch gelegen haben. Aber der Aufsichtsrat konnte sich für keine Lösung entscheiden. Der Vorstand resigniert.

5,1 Millionen Euro Verluste im Jahr 2017

Im Lagebericht zum Geschäftsjahr 2017, den der Verlag Anfang Oktober im Bundesanzeiger veröffentlicht hat, schreiben die Vorstände: "Da es leider keine Entscheidung des Aufsichtsrats zu den vom Vorstand vorgeschlagenen Druckereioptionen gegeben hat, ist es umso wichtiger, dass die positiven Effekte der Digitalstrategie eintreten." Denn die Bremer Tageszeitungen AG macht mit dem reinen Zeitungsgeschäft seit Jahren Verluste. 5,1 Millionen Miese weist der Jahresabschluss 2017 aus, nach 3,6 Millionen im Vorjahr. Eine Besserung ist nicht in Sicht: "Nach den letzten beiden Verlustjahren wird auch für 2018 mit einem Verlust in ähnlicher Größenordnung gerechnet."

Derweil sinkt die verkaufte Auflage dramatisch. Von mehr als 200.000 Exemplaren vor 20 Jahren, auf rund 139.000 im vergangenen Jahr. Der Verlag selbst rechnet mit einem weiteren Rückgang von fünf Prozent der Printauflage in den kommenden zwei Jahren.

Kann sich die "Mein Werder"-App überhaupt tragen?

Blick auf die leeren Ränge des Weser-Stadions im Sonnenlicht.
Werder Bremen als Marketing-Konzept: Doch bisher verursachte die "Mein Werder"-App vor allem hohe Kosten für den Weser-Kurier. Bild: DPA | nph / Kokenge

Seine Zukunft sieht der Verlag in digitalen Angeboten. Ein wichtiges Projekt ist dabei die "Mein Werder"-App. Zunächst wurde die kostenlos angeboten. Seit einigen Wochen sollen die Nutzer zahlen. Ab 2,99 Euro im Monat erfahren sie dann zum Beispiel, wie Dieter Eilts das Werder-Spiel in Freiburg tippt oder was der Weser-Kurier vor 40 Jahren über Werder berichtete. Das Projekt "Mein Werder", das seit etwa einem Jahr läuft, hat der mögliche neue Verlagschef Moritz Döbler selbst massiv vorangetrieben.

Wir haben ein klares Ziel. Das Ziel ist ein Portal, in dem alle Werder-Inhalte vereint sind, die für Werder-Fans relevant sind. Very simple.

Moritz Döbler, Chefredakteur Weser-Kurier vor einem Jahr

Vorstand dringend gesucht

Für diese "simple" Idee allerdings hat der Weser-Kurier allein für die Softwareentwicklung und Lizenzen 1,5 Millionen Euro investiert. So steht es im Lagebericht. Dazu kommen Personalkosten. Schließlich kümmert sich ein elf-köpfiges Redaktionsteam um die Inhalte der App. Ob das Geld jemals wieder reinkommt, daran zweifeln inzwischen viele in der Redaktion. Offenbar sind die Abo-Zahlen viel zu gering. Auch ist es bisher nicht gelungen, die Idee an andere Verlage zu verkaufen. Die Betriebsratsvorsitzende wünscht sich, dass die Journalisten endlich wieder in Ruhe arbeiten können. Sie bleibt trotz der Unruhe an der Verlagsspitze optimistisch: "Die einzige Tageszeitung in der Stadt muss doch eigentlich überlebensfähig sein." Weder der Chefredakteur noch der aktuelle Vorstand oder Aufsichtsrat wollten sich zum aktuellen Zeitpunkt äußern. Noch-Vorstand Jan Leßmann lehnt die Interview-Anfrage von buten un binnen ab.

Wenn es etwas zu vermelden gibt, wird dies seitens der Bremer Tageszeitungen AG erfolgen.

Jan Leßmann, Vorstand, auf die Anfrage von buten un binnen

Am 30. November tagt der Aufsichtsrat. Klar ist: Bis zum Jahresende muss ein neuer Vorstand gefunden sein. Gelingt das nicht, dann könnte es passieren, dass ein Gericht zwangsweise einen Vorstand einsetzen muss. Und das wäre für den Verlag eine ziemliche Blamage. Nach derzeitigem Stand ist die alles andere als ausgeschlossen.

  • Steffen Hudemann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. November 2018, 19.30 Uhr