Kommentar

Weltfrauentag: Warum wir einen ganz neuen Begriff von Arbeit brauchen

Frauen durchstoßen immer öfter die "gläserne Decke", leisten aber weiterhin die meiste Fürsorgearbeit – unbezahlt. Sie muss besser verteilt werden, findet unsere Autorin.

Eine Mutter mit Baby auf dem Arm steht in der Küche und blickt in den Backofen.
Die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ist immer noch groß. Denn Frauen übernehmen nach wie vor mehr Arbeit im Haushalt, bei Kinderbetreuung und Pflege. Bild: Imago | Westend61

Kochen, putzen, Kinder betreuen, Familienangehörige pflegen – Frauen leisten in Deutschland immer noch den Löwenanteil der sogenannten "Care-Arbeit". Gemeint ist damit die Arbeit des Kümmerns. Sie kümmern sich darum, dass ein Haushalt intakt bleibt, alle darin satt werden und Menschen, die sich noch nicht oder nicht mehr selbst helfen können, aufgehoben und umsorgt sind. Während Männer im Durchschnitt zwei Stunden und 46 Minuten Fürsorgearbeit leisten, sind es bei Frauen vier Stunden und 13 Minuten – jeden Tag. Das geht aus dem Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung hervor. In dem Papier wurde für den Unterschied ein Wort entwickelt: Gender Care Gap. Also der Unterschied zwischen den Geschlechtern anhand von aufgewendeter Zeit für Sorgearbeit.

Arbeit, ja genau Arbeit. Dass man dieses Kind beim Namen nennt, ist noch relativ neu. "Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann", sang die Schauspielerin Johanna von Koczian in den 70er-Jahren. In dem Liedtext geht es so weiter: Wie einfach und entspannt der Gatte doch das Leben der Hausfrau finde, während er selbst schließlich täglich in die Firma müsse. Was aus heutiger Sicht fast ein bisschen schrullig wirken mag, ist von unserer Lebenswirklichkeit gar nicht so weit entfernt.

Fürsorgearbeit ermöglicht erst Karrieren

Auch, wenn Rollenmuster beginnen, sich aufzulösen, hat es die Fürsorgearbeit in der allgemeinen Wertschätzung immer noch nicht weit gebracht. "Arbeitest du wieder?" – eine Frage, die viele junge Mütter kennen. Mal abgesehen von den widersprüchlichen Wertevorstellungen, wie man denn nun eine gute Mutter zu sein habe ("Wie, so schnell gehst du schon wieder arbeiten und lässt dein Kind allein?", "Warum arbeitest du denn immer noch nicht, willst du jetzt etwa nur noch Hausfrau und Mutter sein?"), ist trotz Einführung von Elterngeld und Elternzeit immer noch nicht durchgedrungen, dass es sich bei Erziehungszeit, Pflegezeit und allem rund um "satt und sauber" um Arbeit handelt. Für die es in den meisten Fällen kein Geld gibt.

Dass Frauen immer noch viel mehr dieser Arbeit schultern, zeigt ein riesiges Manko auf. Nicht nur sind sie dadurch wirtschaftlich benachteiligt, weil sie durch längere Zeiten ohne Erwerbsarbeit oder in Teilzeitbeschäftigung weniger hohe Rentenansprüche haben. Das Problem ist auch nicht gelöst, indem gut situierte Paare die Fürsorgearbeit gegen kleines Geld an andere, weniger privilegierte Frauen weitergeben, um in der Paarbeziehung wieder eine Art Gleichstellung herzustellen. Care-Arbeit geht uns alle an. Durch sie werden berufliche Karrieren erst möglich gemacht. Müsste jeder Vollzeitbeschäftigte diesen Batzen an Aufgaben selbst leisten, würde erst klar, um welchen Aufwand es tatsächlich geht. Viel viel mehr, als nur ein "bisschen Haushalt".

Gerechtere Verteilung von Arbeit nötig

Sie muss besser verteilt werden, damit niemand benachteiligt wird. Vielleicht kann es durch eine Reduzierung der Regelarbeitszeit gehen. Dann bliebe jeder und jedem Einzelnen mehr Zeit außerhalb reiner Erwerbsarbeit, und mehr Zeit für Fürsorge. Denn in einer solidarischen Gesellschaft können wir Arbeit nicht länger ausschließlich mit Erwerbsarbeit gleichsetzen. Arbeit ist jeder unentbehrliche Beitrag zum Funktionieren unseres Lebens und der Gemeinschaft. Das Eine geht nicht ohne das Andere.

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Autorin

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. März 2020, 19:30 Uhr