Von Bremen nach Fuheis: Wie Christen in Jordanien Weihnachten feiern

Unsere Autorin lebt zurzeit in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. So hat sie Heiligabend in dem muslimischen Land erlebt – zwischen Muezzinrufen und der Weihnachtsmesse.

Die Kleinstadt Fuheis in Jordanien bei Nacht.
In der Kleinstadt Fuheis in Jordanien lebt eine christliche Mehrheit. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Es ist zwischen 16 und 17 Uhr, am 24. Dezember 2020. Die Kirchenglocken läuten laut, minutenlang. Ihr Geläut hallt in den Straßen von Jabal Amman, zwischen den Häusern aus weißem Kalkstein. Vor der Kirche St. Joseph treten vereinzelt Männer und Frauen auf den Hof, eingewickelt in dunkle Jacken. Die Luft ist klar und frisch, ein typischer Wintertag in der jordanischen Hauptstadt.

Auf der anderen Straßenseite stehen mehrere Polizisten. Kurz nach dem Glockenläuten ertönt der Gesang eines Muezzins, der muslimische Gläubige zum Gebet aufruft. Etwas weiter beugt sich ein Mann am Straßenrand auf einem kleinen Teppich herunter und flüstert das Maghrib, das Sonnenuntergangsgebet, in Richtung Mekka.

Auf dem Gelände der katholischen Kirche, die auf einem der vielen Hügel Ammans liegt, werden an diesem Tag mehrere Gottesdienste parallel gehalten – sowohl in arabischer als auch in italienischer Sprache. In der Kirche sind die Plätze auf den Sitzbänken mit Kreuzen aus Klebeband versehen, die Gläubige an den Mindestabstand erinnern sollen. Ein sichtbares Zeichen der Pandemie, die dieses Jahr die Weihnachtsfeier erschwert.

Gottesdienste in mehreren Sprachen

In der Kirche zelebrieren arabische und irakische Christen die Geburt Jesus – einige Stunden früher als üblich, denn um 21 Uhr müssen alle Einrichtungen in Jordanien dieses Jahr schließen. Um 22 Uhr beginnt dann die tägliche Ausgangssperre. Im Hof hat sich hingegen die italienische Gemeinde versammelt. In Jordanien gibt es mehrere christliche Gemeinden: philippinische, palästinensische, syrische, armenische. Und viele Christen leben in der Hauptstadt.

Doch Sara Banna, eine rumänische Restaurant-Inhaberin, die seit viereinhalb Jahren in Jordanien lebt, und Alex, ein rumänischer Ingenieur, wollen nicht in Amman bleiben. Sie möchten nach Fuheis, einer kleinen Stadt 20 Kilometer westlich von Amman, die christlich geprägt ist. "Hier kann ich Weihnachten nicht richtig spüren", sagt die 32-Jährige.

In Fuheis wollen sie mit einer russischen Freundin die Kirche besuchen und an der letzten Messe um 19 Uhr teilnehmen. Und dann in einem griechischen Restaurant essen gehen. "Sie werden dort auch Weihnachtslieder singen, es wird Live-Musik geben", erzählt sie. Für den Anlass hat die Frau mit den langen, blonden Haaren ein elegantes, schwarzes Kleid mit knielangem Rock angezogen und roten Lippenstift aufgetragen.

Migranten können wegen der Pandemie nicht nach Hause fahren

Die Pandemie hat Jordanien in den vergangenen Monaten hart getroffen, mit einer Gesamtzahl von etwa 285.000 registrierten Fällen auf etwa zehn Millionen Einwohner laut Regierungsangaben. Aber die Corona-Regeln lassen momentan Treffen von bis zu 20 Menschen zu.

Die Silhouette von Amman.
Amman, die Hauptstadt Jordaniens, ist von weißen Gebäuden geprägt. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Für Banna ist dieses das erste Weihnachten in Jordanien. Normalerweise fliegt sie nach Rumänien, doch dieses Jahr hat ihr das Coronavirus einen Strich durch die Rechnung gemacht. So wie ihr ist es Alex ergangen, der seinen Nachnamen in der Presse nicht lesen möchte. Der 42-Jährige lebt seit knapp über einem Jahr in Jordanien und ist mit Banna befreundet. "Letztes Jahr hat mein Chef nicht zugelassen, dass ich Weihnachten in Rumänien verbringe, dieses Jahr ist es Corona", scherzt er. "Also werde ich Weihnachten hier mit meiner Adoptivfamilie verbringen." Er schließt seine Steppjacke, die mit der Farbe seiner kurzen grauen Haare übereinstimmt.

Banna erzählt, dass sie Heiligabend in Rumänien normalerweise mit Freunden in den Bergen oder auf dem Land verbringt, weit weg vom Chaos der Stadt. "Wir lassen den ganzen Tag die Tür offen und die Kinder aus der Nachbarschaft kommen zu uns, singen Weihnachtslieder und bekommen Essen und Getränke", sagt sie. Sarmalen, rumänische Sauerkrautrouladen, seien ein typisches Weihnachtsessen.

Hier kann ich die weihnachtliche Stimmung weniger spüren als in Rumänien. Es ist ziemlich anders. Aber wenn man mit den richtigen Menschen Weihnachten feiert, ist es am Ende egal, wo man ist.

Sara Banna, Gastronomin

Lockdown am 1. Weihnachtstag

In Jordanien würden viele eher Truthahn, Weinblätterrollen und Salate wie Fattoush oder Tabbouleh mit Petersilie, Bulgur und Tomaten essen. Mit Blick auf den ersten Weihnachtstag sagt Banna: "Ich werde morgen Panettone zubereiten." Banna hat mehrere Jahre lang in Italien gelebt. Panettone ist ein süßes Kuchenbrot, das man in Italien traditionell zu Weihnachten isst. Eine ähnliche Speise gebe es auch in der rumänischen Küche, sagt sie. Am ersten Weihnachtstag gilt dieses Jahr in Jordanien wie an jedem Freitag der Lockdown, die Menschen dürfen nur in Ausnahmefällen aus dem Haus. Freitag ist in Jordanien, wie in den meisten arabischen Ländern, der wichtigste Wochenendtag. Ab Samstagvormittag dürfen die Menschen bis zur Ausgangssperre um 22 Uhr wieder rausgehen.

Ein gelbes Taxi fährt an einer weißen Moschee vorbei.
Jordanien ist ein muslimisches Land, die Verfassung garantiert jedoch die freie Ausübung anderer Religionen. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Banna schenkt ihrer Freundin Jenya jetzt, an Heiligabend, noch ein Glas hausgemachten Rotwein, bevor alle in das Auto von Alex einsteigen. Der Wein erinnert in der Konsistenz an einen dunklen Rosé und im Geschmack an Dessertwein. Alkohol ist in Jordanien erlaubt, aber ziemlich teuer: Für eine mittelmäßige Flasche Weißwein sind oft um die 20 Euro fällig. Daher ist hausgemachter Wein beliebt – wenn man ihn findet. Die Stadt Fuheis ist unter Einheimischen dafür bekannt. Und für ihre Weihnachtsfeierlichkeiten. Was dazu führt, dass viele offenbar die gleiche Idee wie Banna und Alex haben. Hinzu kommt, dass der Lockdown naht. Die Straßen Ammans sind mit Autos überfüllt, der Verkehr ist noch schlimmer als es unter normalen Umständen ohnehin ist. Die drei Freunde stehen im Stau. Banna schaltet Musik an, eine Pop-Melodie schallt aus der Stereoanlage.

Fuheis: Weihnachtsbäume und arabische Gebäcke

Ein Weihnachtsbaum, der blau leuchtet und eine muslimische Frau, die einen Mann vor dem Baum fotografiert.
In Fuheis, Jordanien, ist die Weihnachtsstimmung allgegenwärtig. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Langsam verlässt das Auto die mehrspurigen Straßen. Die Lichter der Stadt, zusammen mit ihren Hochhäusern, verblassen in der Entfernung. Die Landschaft wird ländlicher, kleine weiße Häuser reihen sich entlang der grünen Hügel. Das GPS steuert den Wagen in eine befahrene Straße, hier sind die Geschäfte mit bunten Weihnachtslichtern dekoriert: Fuheis. Am Straßenrand schwingt ein Weihnachtsmann mit langem, weißem Bart eine Glocke vor den Passanten. Die Zäune am Straßenrand sind mit blauen Lichterketten versehen, in der Mitte des Verkehrskreisels thront ein beleuchteter Weihnachtsbaum.

"Siehst du?", fragt Banna. Alex lächelt. Kurze Zeit später stehen sie vor der Kirche, doch es ist zu spät: Der Gottesdienst ist gerade zu Ende. Gläubige strömen in gebührendem Abstand aus dem Eingang unter dem Kreuz, sechs Polizisten lassen sich auf der anderen Straßenseite gelassen fotografieren. Die verstärkte Polizeipräsenz vor christlichen Einrichtungen sei normal an Weihnachten, sagen die drei Freunde. Drinnen, im Kirchenhof, hält ein Kind hausgemachte Kekse in einem Flechtkorb. Frauen mit und ohne Kopftuch bewegen sich in Richtung Ausgang, vorbei an dem Desinfektionsmittelspender neben der Tür. In der Kirche schwebt ein starker Geruch von Weihrauch.

Wegen Corona: Gottesdienst im Live-Streaming

Gottesdienst am Heiligabend in Jordanien: zwischen Mundschutz und Mindestabstand
Gottesdienst am Heiligabend in Jordanien: zwischen Mundschutz und Mindestabstand. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Diakon Salim Haddad und Pater Bulus Haddad, in schwarzen Gewändern, begrüßen die Anwesenden persönlich. Die Pandemie hat dieses Jahr den Ablauf der Feierlichkeiten beeinflusst, bestätigen sie. "Wir haben einige Texte übersprungen, damit der Gottesdienst kürzer ist. Und wir haben zwei zusätzliche Messen zelebriert, um die Menschen zu verteilen", erläutert der Diakon.

Dazu sei die religiöse Feier live gestreamt worden, auch auf einem Bildschirm außerhalb der Kirche. "Ich würde sagen, dass etwa zehn Prozent der Menschen, die normalerweise gekommen wären, heute hier waren", sagt er hinter dem Mundschutz. Pater Bulus schätzt den Anteil etwas höher ein, doch er findet auch, dass dieses Jahr besonders ist.

Es ist eine schwierige Situation. Die Menschen sind nicht entspannt.

Diakon Salim Haddad

Priester: Mehr Familien in finanziellen Nöten

Pater Bulus Haddad und Diakon Salim Haddad
Pater Bulus Haddad und Diakon Salim Haddad sagen, dass dieses Weihnachten ganz anders ist als alle anderen. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

"Dieses ist ein spezielles Jahr, ein spezieller Fall. Es gibt keine Feiern, keinen Basar. Wir mussten ihn online organisieren. In den vorherigen Jahren haben wir immer mehrere Aktivitäten organisiert, aber dieses Jahr – nichts", fügt er hinzu. Für die Älteren sei es besonders schwierig, denn es sei für sie riskant, mit der Familie zu zelebrieren. Auch Hausbesuche, um die Kommunion zu erteilen, seien eingestellt worden. Und es gebe mehr Familien in finanziellen Schwierigkeiten.

Auch vor Corona gab es Menschen, die in einer schwierigen finanziellen Lage waren. Jetzt wünschen sie sich, dass sie zu der Situation vor Corona zurückkommen könnten.

Pater Bulus Haddad

Die zwei Geistlichen laden Banna und ihre Freunde zu sich ein und bieten ihnen arabische Mürbeteiggebäcke, die sie nach eigenen Angaben von Familien gekauft haben, die in ärmeren Verhältnissen leben. Nach einem kurzen Gespräch verabschieden sich die drei Freunde, denn die Ausgangssperre beginnt in weniger als einer Stunde. Auf den Restaurantbesuch müssen sie jetzt verzichten.

Banna hat es noch geschafft, eine Kerze zu zünden, bevor die Kirche geschlossen wird. "Es ist sehr wichtig für mich, dass wir es geschafft haben, in die Kirche zu gehen. Hier kann man die Weihnachtsstimmung spüren", sagt sie. Alex nickt. "Ja, ich fühle mich auch besser. Da wo ich arbeite, in der Nähe des Toten Meeres, ist es gerade warm – wie im Frühling. Ich mag es, ich beschwere mich nicht, aber es fühlt sich nicht wie Weihnachten an. Nur der Weihnachtsbaum in der Kantine erinnert mich daran", sagt er und lacht, bevor sie in den Wagen steigen. Richtung: Amman.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 28. Dezember 2020, 23:30 Uhr