Mammutaufgabe für Wangerooge: Insulaner wollen Sandstrand retten

Das Sturmtief "Sabine" hat auf Wangerooge Zehntausende Tonnen Sand abgetragen. Bis zum Sommer muss das Ferienidyll wieder hergestellt sein – eine Sisyphos-Arbeit.

Der beschädigte Strand auf Wangerooge
Zwischen Promenade und Strand klafft auf Wangerooge eine hohe Kante. Bild: DPA | Peter Kuchenbuch-Hanken

Plötzlich ist der Traumstrand weg, fünf Sturmfluten durch Sturmtief "Sabine" nacheinander tragen Zehntausende Tonnen Sand davon – bis die Touristen im Sommer nach Wangerooge kommen, muss das Ferienidyll aus dem Prospekt wieder hergestellt sein. "So wie der Strand jetzt ist, können wir nicht mal 100 Strandkörbe hinstellen", sagt Bürgermeister Marcel Fangohr (parteilos). Rund 1.400 stünden dort normalerweise zur Hauptsaison.

Dafür ist eine regelrechte Sisyphos-Arbeit nötig: Jedes Jahr lassen ab dem Herbst Sturmfluten den Wangerooger Badestrand schrumpfen. Mal fehlen danach 50 Prozent, mal 55, wie der Bürgermeister erklärt. Diesmal sind es bislang 80 Prozent. "Ich schätze, wir müssen rund 80.000 Kubikmeter Sand aufschütten", sagt Fangohr. Der feine weiße Sand müsse vom Osten der Insel mit Lastwagen angekarrt werden. " 4.000 Touren über sechs Wochen." Im Vorrat liegen nach seinen Schätzungen 30.000 Kubikmeter.

Zwischen Promenade und Strand klafft eine meterhohe Kante

 Bürgermeister Marcel Fangohr steht an der Abbruchkante des Wangerooger Strandes.
Wangerooges Bürgermeister Marcel Fangohr steht an der Abbruchkante am Strand. Bild: DPA | Patrik Stollarz

Der Bürgermeister hofft auf die Genehmigung des Bundes, auch von Sandbänken etwas entnehmen zu dürfen. Sonst müsste ein Notfallplan her, zum Beispiel könnte weniger aufgeschüttet werden. Statt eines barrierefreien Zugangs mit Sand müssten dann Bretter genutzt werden.

Zwischen Promenade und Strand klafft an manchen Stellen eine vier Meter hohe Kante. "Eigentlich würden wir hier mit dem Kopf gerade noch aus dem Sand gucken", erklärt der Bürgermeister in der Mitte des Strandes. Würden Strandkörbe so niedrig aufgestellt, würden sie schon bei einem normalen Hochwasser überspült, so Fangohr. "Und auch ein Badestrand wäre dann nicht mehr denkbar. Dann könnten die Gäste ja nur bei Niedrigwasser hier liegen – und dann ist Schwimmen verboten."

Mittlerweile kommen heftige Stürme häufiger vor. Bis zu den 70er, 80er Jahren hatten wir das alle 20 Jahre, jetzt alle vier bis fünf.

Peter Kuchenbuch-Hanken (Grüne), stellvertretender Ratsvorsitzender Wangerooges

Stefan Kruse, der an der Promenade hinterm Bartresen steht, hat direkten Blick auf den Strand: "Hier muss Sand hin, auf dem stehen die Strandkörbe – und ohne kommen keine Gäste." Er habe selbst schon mitgeholfen, den Sand nach der Sturmflutsaison wieder aufzuschütten. "Als Insulaner, dachte ich, muss man da mal mitmachen."

Strand-Rettung wird wohl teurer als gewohnt

Wangerooge lebt vom Tourismus. Auf die kleine Nordseeinsel mit rund 1.300 Einwohnern kommen nach Angaben der Kurverwaltung jedes Jahr rund 140.000 Gäste. 2,3 Millionen Euro kommen durch die Kurbeiträge in die Kasse, rund 400.000 Euro fließen dann in die Wiederherstellung des Strandes. In diesem Jahr könnten es bis zu 500.000 Euro werden.

Diesmal haben wir stellenweise sogar bis zu zehn Meter Düne verloren.

Langeoogs Bürgermeisterin Heike Horn

Auch auf der Insel Langeoog ist das Bild nach Sturmtief "Sabine" dramatisch. "Mehrere Hundert Meter Strand sind beschädigt. Und diesmal haben wir stellenweise sogar bis zu zehn Meter Düne verloren", sagt Bürgermeisterin Heike Horn (parteilos). Auch dort werde man wohl aufschütten müssen, was alle paar Jahre geschehe. Zuletzt 2018: 600.000 Kubikmeter am Hauptstrand. "Das ist eine Entscheidung, die das Land trifft", sagt Horn.

Strandkörbe stehen in der Dämmerung am Strand von Wangerooge
Strandkörbe im Abendlicht: So soll es auf Wangerooge im Sommer aussehen. Bild: Imago

Anders an Wangerooges Badestrand, wo der Bund für das Deckwerk, also das Uferschutzbauwerk, zuständig ist. "Die sagen, Sand davor zu kippen, ist für den Tourismus und nicht für den Küstenschutz", so Fangohr. Das sieht der Bürgermeister anders: Ohne den Sand würden die Naturkräfte direkt aufs Deckwerk treffen.

Stürme treffen Wangerooge meist besonders hart

Die ostfriesischen Inseln sind aufgrund ihrer exponierten Lage in besonderer Weise den Wirkungen von Gezeiten, Strömungen, Wellen und Wind ausgesetzt. "Neben dem Sturmflutschutz für die Inseln selbst kommt ihnen als vorgelagerten natürlichen Wellenbrechern innerhalb des Küstenschutzsystems eine besondere Sicherungsfunktion auch für die Festlandsküste zu", erklärt Carsten Lippe vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN).

Wangerooge sei als östlichste der Inseln Stürmen noch stärker ausgesetzt, als die anderen. Borkum und Spiekeroog etwa verzeichneten nach den vergangenen Sturmfluten kaum Schäden.

Nach einer genauen Beurteilung will der NLWKN voraussichtlich am Freitag eine Bestandsaufnahme der Küstenschutzanlagen auf den Inseln veröffentlichen. Danach solle entschieden werden, ob das Folgen für die Küstenschutzarbeiten im Sommer hat. Der Sturmflutschutz für Wangerooge sei aktuell aber nicht gefährdet, so Lippe.

Land unter an der Nordsee : Das hat die Sturmflut angerichtet

Video vom 12. Februar 2020
Eine Überflutung an einem Deich. Mehrere Straßenschilder stehen halb unter Wasser.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 12. Februar 2020, 10 Uhr