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Zurück in Rotenburg: Was Wandergesellin Helene auf der Walz erlebte

Wandergesellin Helene in traditioneller Kleidung.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Drei Jahre, neun Monate und einen Tag war Helene auf der Walz. Länger als nötig, auch wegen Corona. Die Wanderschaft bleibt für die 26-Jährige eines der letzten Abenteuer.

"Weil ich Bock hatte und weil ich's kann", sagt Wandergesellin Helene nachdem sie mehr als drei Jahre auf der Walz gewesen war. Handwerk ist das Ding der 26-Jährigen. Auch in Bremerhaven machte sie einmal Station. Jetzt, zurück in Rotenburg, hat sie Bremen Zwei erzählt, was sie erlebt und was sie dadurch gewonnen hat.

Anfang Mai sind Sie über das Ortsschild gestiegen und zu Hause in Rotenburg angekommen. Was war das für ein Gefühl, dort am nächsten Morgen wieder aufzuwachen? Bekannt? Unbekannt? Oder heimatlich-befremdlich?
Es ist ein verrücktes Gefühl. Also ich habe direkt so ein paar Fotos von Wandergesellen neben das Bett gestellt, damit die nicht so weit weg sind. Es war wie aus einem Traum aufzuwachen, und es ist alles wie immer. Die Kaffeemaschine ist noch die gleiche, die Uhr im Wohnzimmer klingelt genauso wie vor vier Jahren. Alles wie immer – puff – vorbei.
Helene
Zurück von der Walz: Wandergesellin Helene erzählt, was sie erlebt habt. Bild: Radio Bremen | Mario Neumann
Sie durften ihr Smartphone nicht mitnehmen auf die Walz, und Sie hatten vorher ihr Auto verkauft. Was war das Erste, was sie sofort wieder gemacht, genutzt oder getan haben?
Das allererste, was ich gemacht habe, war, dass ich meiner Mama an dem Sonntag, nachdem ich nach Hause bin, eine riesengroße Geburtstagstorte geschenkt hab'. Das zweite war Klavierspielen, tatsächlich. Das habe ich sehr vermisst. Und ich habe mich wahnsinnig gefreut über meine Kleidungsstücke.
Wurde Ihre Kluft für Sie zu so einer Art zweiten Haut?  
Die Kluft wird während der Reise schon zur zweiten Haut. Sobald ich als Wandergeselle in der Öffentlichkeit bin, bin ich dazu verpflichtet, die Kluft an zu haben. Jetzt wieder in Jeans und Pulli ist es doch leichter und komfortabler. Eine große Umstellung war allerdings, dass ich keine Werkzeuge mehr an mir habe. Kein Messer, um etwas aufzuschneiden, kein Stift, um etwas aufzuschreiben. Ich war völlig hilflos in den ersten Tagen und noch sehr froh, dass mich einige Wandergesellen zu Hause abgeliefert haben, die dann entsprechende Dinge parat hatten für mich. Wenn man den Luxus der leichten Mode von heute wieder gewohnt ist, dann fällt es doch schwer, wieder die Kluft anzuziehen.
Mehr als 170 Städtesiegel haben sie in ihrem Wanderbuch gesammelt. Wo wären Sie gerne noch länger geblieben?
Bei meinem Lieblingsbetrieb im Allgäu, ein vollumfangreicher, familiengeführter Raumausstatter-Betrieb. Vom Parkett-Holzboden legen über Wandbespannung, Gardinen, Licht-, Sicht-, Sonnenschutzanlagen bis hin zur Polsterei – ich habe fast jeden Tag irgendwelche Aufgaben gemacht, die ich vorher noch nie gemacht hatte. Es hat alles geklappt, weil ich einfach gute Anleitung hatte. Ich war von Tag eins Teil dieses Teams und wir haben auch gemeinsam Dinge unternommen und gefeiert. Es hat Spaß gemacht ohne Ende – im Sommer – was will man mehr als Berge und muhende Kühe auf den Wiesen? Ich habe viele gute Erfahrungen auf den unterschiedlichsten Baustellen gemacht, bin viel gereist. Es war aber auch anstrengend, ständig zu packen und weiter zu ziehen, wenig Ruhe zu haben. Man erlebt in dieser Zeit viel mehr, als man sonst in den drei Lebensjahren erleben würde. Und da muss man gut aufpassen, dass man bei sich bleibt und sich nicht verliert auf der Strecke.
Was ist das Wertvollste, das sie von ihrer Walz als Raumausstatterin mitgebracht haben?
Ich bin tief beeindruckt von dem Vertrauen, das Mitmenschen mir entgegengebracht haben, das aber auch ich zu erst mal noch fremden Menschen haben konnte. In Bergen, in Norwegen, war ich gemeinsam mit einer Tischlerin und einer Zimmerin unterwegs. Wir waren völlig abgebrannt, hatten kein Geld mehr, seit einer Woche nicht geduscht und nur Toast mit Tomatenmark und Käse gegessen. Da haben wir Kamilla getroffen, die uns die Wohnungsschlüssel eines Bekannten gab. Dusche, Bett, Waschmaschine – und Pizza bestellt hat sie uns auch noch. Wir konnten dann auch noch ein paar Dacharbeiten für sie machen, bisschen Taschengeld verdienen. Ich hab echt geheult in dem Moment. Das haben wir so oft gehabt, dass Leute gesagt haben: 'Klar helfen wir euch' – an einem Punkt, wo wir dachten 'Mama, nach Hause'. Das war geil. Corona hat uns zwar einen Strich durch einige Reisevorhaben gemacht, aber das war kein Drama. Was ich fachlich dazu gelernt habe, hat das wieder wett gemacht. 
Welchen Unterschied können Sie im Rückblick feststellen, was Männer und was Frauen auf der Walz betrifft?
Mit Frauen in der Gruppe fand ich es strukturierter, sozialisierter. Aber Frauen machen von der Sache her das Gleiche. Die gehen in die Kneipe, trinken ein Bierchen, wissen nicht wo sie schlafen sollen und pennen im Parkhaus. Das macht ein Kerl genauso. Aber für die Mitmenschen ist es ein Unterschied: Steht da so ein großer Messerschmied in seiner blauen Kluft und mit einem Zylinder, fast ein zwei Meter Hüne, oder steht da so ein Polster-"Mäuschen", mit ihren blonden Locken und der roten Kluft. Oft habe ich gehört: 'Mensch, du könntest meine Tochter sein, ich kann dich jetzt nicht hier stehen lassen.' Und schwuppdiwupp hatte ich irgendwo einen Schlafplatz und mein Wandergesellen-Kamerad guckt mich an und sagt: 'Das kann doch nicht sein, Helene, du hast voll den Goldstaub, jetzt sind wir hier schon wieder eingeladen worden.'
Sie haben sich der Gesellenvereinigung "Freier Begegnungsschacht" angeschlossen, die wurden 1986 gegründet. Warum dieser Club?
Den freien Begegnungsschacht zeichnet aus, dass eben Frauen und Männer in allen traditionellen Gewerken auf Wanderschaft gehen können. Für mich war das eine tolle Zusatzfamilie. Ich bin da jetzt weiterhin als heimische Polsterin aktiv, bin Teil eines großen Netzwerks, hatte großes Glück, dass ich auch bei einigen sesshaft gewordenen Gesellen aus der Vereinigung Station machen konnte. Und auch für diejenigen, die jetzt ihre Wanderschaft unter Corona beginnen, ist das ein einmaliges Abenteuer und Gefühl der Freiheit. Ich starte im August mit meinem Gestalter im Handwerk an einer Akademie in Münster.

Ein Klick auf ein Kleidungsstück und Sie erfahren mehr:

Die Farbe der Kluft ist vom Beruf abhängig. Oft sieht man Gesellen in schwarzer Kleidung. Sie arbeiten mit Holz. Gesellen mit heller Kleidung arbeiten mit Stein, und die blaue Kleidung steht für Metallberufe. Helenes rote Kleidung zeigt, dass sie in einem farbgebenden Gewerk arbeitet. Sie ist Raumausstatterin.

Kleidung Wandergeselle traditionell CHARLOTTENBURGER Charlottenburger oder auch Charlie ist das große, bedruckte Leinentuch, das zu einem festen Bündel gewickelt wird. Alle nötigen Habseligkeiten finden darin Platz. OHRRING Traditionell wird der Ohrring am linken Ohr „genagelt“. Also: Nagel ansetzen, Hammer rauf, fertig. DIE EHRBARKEIT Die Ehrbarkeit ist eine Art schmale Krawatte und zeigt die Zugehörigkeit zu einem Schacht, also der Vereinigung. Jeder Schacht hat seine eigene Farbe. STENZ Der knotige, verdrehte Wanderstab hilft beim Wandern und Verteidigen. Seine knotige Form bekommt er traditionell durch eine Schling- pflanze, die sich um den noch kleinen Ast ge- wickelt hat. PERLMUTTKNÖPFE Drei – Sechs – Acht, das sind die magischen Zahlen. Drei Knöpfe an jedem Ärmel für die drei Lehrjahre und die drei Jahre auf Wanderschaft. Sechs Knöpfe am Jackett für die 6-Tage-Woche und acht Perlmuttknöpfe vorne an der Weste für den 8-Stunden-Arbeitstag.
Bild: Radio Bremen
Wandergesellin Helene mit anderen Gesellen vor einem Bauernhof
Helene (liegend vorne rechts) inmitten anderer Wandergesellinnen und -gesellen. Bild: Privat

Rückblick:

Autor

  • Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 03.06.2021, 18:05 Uhr