So soll dieser "Power"-Baum die Wälder rund um Bremen retten

Das Klima setzt dem Wald zu. Umso wichtiger ist die Ernte der Douglasien-Baumzapfen bei Rotenburg – denn der Samen wird in ganz Deutschland dringend gebraucht.

Zwei Männer sind von der Seite zu sehen, wie sie mit einem Kran die Samen einer Douglasie ernten.
Jetzt werden wertvolle Früchte in über 20 Metern Höhe geerntet, die für den Fortbestand unserer Wälder sorgen sollen.

Forstwirt Jan Culemann schwebt in 22 Metern Höhe, um ihn herum dichte grüne Douglasienzweige in einem Waldabschnitt im Rotenburger Forst. Auf seinem Hubsteiger neben ihm ein riesiger Sack voller Baumzapfen. Ohne Pause, wie unter Trance, greifen der Forstwirt und seine Erntehelfer Andre Greibaum in die Astgabeln und pflücken: "Eins, zwei, drei Zapfen." Das Baumharz läuft ihnen wie ein fettiger Margarinebrei über die Hände.

Die Bäume wehren sich mit Harz und mit einem strengen Geruch. Gut, dass wir Babyöl dabei haben, sonst würden wir hier oben einfach in den Bäumen festkleben.

Jan Culemann, Forstwirt

Culemann hat sich mit seiner Firma auf die Baumernte spezialisiert. Der Auftrag: Zapfen pflücken – und zwar von 240 Douglasien auf vier Hektar Fläche. In elf Tagen sollen alle Bäume abgeerntet sein.

Wertvolles Saatgut

Douglasien-Ernte in Rotenburg
Wenig Regen und viel Wind hat auch bei den Douglasien weniger Zapfen wachsen lassen.

Der Druck bei den Forstwirten ist spürbar. Schon in ein paar Wochen fallen die vier bis zehn Zentimeter langen Zapfen der Douglasie zu Boden und öffnen sich, die kostbaren Samen fliegen davon und sind als Saatgut verloren. Und das Saatgut ist wertvoll. Immerhin haben die Erntehelfer 20 Jahre gewartet, bis die Bäume jetzt endlich Früchte tragen. Samen werden laut Culemann dringend gebraucht.

Wir machen einen verdammt wichtigen Job. Wir sind quasi die Hebammen der Bäume.

Jan Culemann, Forstwirt und Erntehelfer

"Überall sterben die Wälder durch die starke Trockenheit. Wir brauchen die Samen um wiederaufzuforsten dringend.“ Jan Culemanns Gesicht legt sich in Falten, sein Ausdruck wird ernster: "Wir haben viel mehr erhofft". Wenig Regen und viel Wind hat auch bei den Douglasien weniger Zapfen wachsen lassen. 15 Tonnen Zapfen werden es wohl in ganz Niedersachsen sein, mit 30 Tonnen haben die Saatguternter gerechnet. Halb so viel "grünes Gold" wie erhofft. Für Culemann sind die Zapfen "grünes Gold", denn der Baum ist zäh und strotzt Wind, Starkregen und Hitze. Er kann vielleicht in den nächsten Jahrzehnten die Schäden des Klimawandels ausgleichen. Das ist die große Hoffnung der Baumretter.

Angst vor Saatgutschmuggel

"Sack fertig, der Baum hat gut geworfen", ruft Culemann von seinem Steiger und fährt mit dem Joystick langsam hinab. Unten wartet schon Andreas Preuß. Er ist Saatgutspezialist und kontrolliert die Ernte. Die Forstsaatgutberatungsstelle in Munster-Oerrel im Heidekreis in der Nähe von Soltau hat ihn in den Rotenburger Forst zur Douglasienernte geschickt. Die öffentliche Stelle ist extra gegründet worden, weil es in der Vergangenheit Saatgutschmuggler gab, die schlechte Baum-Samen nach Deutschland verkauft haben, unter anderem aus Ungarn. "Das hat verheerende Schäden ausgelöst. Die Folgen sind erst 20 Jahre nach dem Kauf sichtbar."

Ganze Eichenwälder sind nicht mehr weiter gewachsen oder gleich abgestorben.

Andreas Preuß, Saatgutstelle Niedersachsen
Andreas Preuß, Forstsaatgutberatungsstelle

Baumsterben so schlimm wie nie

Jetzt läuft die Ernte unter öffentlicher Kontrolle. Zu wichtig ist es, den Baumbestand auch in Zukunft zu sichern und für den Klimawandel zu rüsten. Seit zwei Jahren hat Andreas Preuß keinen anderen Gedanken mehr: " Überall sterben die Bäume durch Trockenheit. Insekten breiten sich aus, weil sich die heimischen Arten nicht mehr wehren können. Und die Bäume sterben reihenweise ab. Für das Klima und die Holzproduktion ist das eine Katastrophe“, sagt Preuß.

Douglasie bedroht durch Ungeziefer
Die Douglasien-Zapfen sind teilweise von Ungeziefer befallen.

Nacheinander öffnen der Saatgutexperte Culemann die Zapfen mit einer kleinen Axt. Fünf Samen finden sie. Das ist die Grenze, damit sich die aufwendige Ernte überhaupt lohnt. Um einige von ihnen hat sich eine krümelig-schwarze Masse gebildet. Als der Erntehelfer den Zapfen aufschneidet, bohrt sich eine kleine, fingernagelgroße Raupe ganz langsam durch die grüne Samen- und Zapfenschicht. "Das ist der Fichtennadelzünsler. Er macht uns zusätzlich das Leben schwer, denn er liebt die Samen genauso wie wir und frisst sie uns weg", erklärt der Samenexperte Preuß.

Borkenkäfer zerstört heimische Baumarten

Für die Baumretter ist es ein Wettlauf gegen die Zeit und für die Natur. Neue Insekten, immer extremeres Wetter und ganze Wälder, die wie im Harz wegsterben: All das macht eine richtige Planung der Baumbestände so wichtig. Eine falsche Entscheidung heute, mit schlechten oder anfälligen Baumsamen, kann für die Zukunft steppenartige Landschaften zur Folge haben. Ein Horrorszenario, das sich erst in 50 bis 100 Jahren auswirkt, sagen die Baumexperten. Also für die nachkommenden Generationen. Erst dann ist sicher, ob die Samen zu starken Bäumen herangewachsen sind.

Der Rotenburger Förster Henning Küper zeigt dem Saatspezialisten Preuß einen fußballfeldgroßes Waldstück. Ein Großteil der Bäume ist hier rot markiert. Sie müssen alle weg. Der Borkenkäfer hat hier zugeschlagen. Durch den ausbleibenden Regen fehlt den Fichten Flüssigkeit, den sie auch für die Harzproduktion brauchen. Mit dem Harz können sie Käfer verkleben, bevor sie befallen werden. Ohne diesen Schutz sind sie hilflos ausgeliefert. "Es ist fünf vor zwölf. Damit wir überhaupt in 20, 30 Jahren noch Wälder hier haben, müssen wir jetzt richtig entscheiden", sagt der Förster. Deswegen sollen auch auf diesem Waldabschnitt bald Douglasien stehen, die dem Wetter und dem Borkenkäfer besser standhalten.

Saatgut kann 20 Jahre gelagert werden

Douglasien-Ernte 2019
Die Hitze und der ausbleibende Regen hat die Samenernte halbiert.

In einer Halle ein paar Kilometer weit entfernt bedeckt das grünen Gold den Boden. Zweieinhalb Tage Ernte liegen hier: Eine Millionen Bäume können aus den Samen dieser Zapfen wachsen. Auf die dreifache Menge hoffen die Sammler dieses Jahr insgesamt. Die Zapfen gehen später zur Saatgutstelle in den Heidekreis, im Dezember werden sie auf 30 Grad erhitzt und so ein künstliches Frühjahr simuliert. Die Samen fallen heraus und werden dann wieder auf minus fünf Grad tiefgekühlt. So können sie bis zu 20 Jahre gelagert werden. "Eine ganze Baumgeneration wird bei uns für die Zukunft gesichert, für ganz Deutschland", erklärt der Saatgutexperte Preuß.

Zurück bei der Ernte: Jan Culemanns Tag steht wieder in seinem Steiger hoch oben in der Baumkrone, der vierte Plastiksack füllt sich. Fünf Tage noch wird er hier die wertvollen Zapfen ernten. Ob diese Samen am Ende die Wälder retten werden, das wird er selbst nie erleben. Erst in 100 Jahren sind die Douglasien ausgewachsen. Erst dann wird sich herausstellen, ob die Bäume wirklich auf Dauer Starkregen, Hitze und Sturm standhalten.

Autorin

  • Anna Berkhout

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. August 2019, 19:30 Uhr