Interview

Luftballon-Aktion im Bremer Viertel: "Hilfe, uns geht die Puste aus!"

Mit einer bunten Aktion wollen Ladenbesitzerinnen und andere Selbstständige im Bremer Viertel auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen. Bei vielen wird das Geld knapp.

Video vom 5. Februar 2021
Einzelhändler Jens Schuhmacher steht vor seinem Laden Art n Card in Bremen.
Bild: Radio Bremen

Friseurin Sabine Langeworth hatte die Idee – und jetzt machen viele mit. Am 5. Februar sollen bunte Luftballon-Sträuße und Girlanden die Geschäfte, Restaurants und anderen Läden im Bremer Ostertor- und Steintor-Viertel zieren. Eine Aktion, die Aufmerksamkeit beim Bremer Publikum erzeugen soll – und Druck auf die Politik. Ein Interview zu den Hintergründen mit Sabine Langeworth und Anna-Rosa Dickreuter.

Ein Aufkleber, der auf die Viertel-Aktion aufmerksam machen soll. "All we need is love and money" steht darauf.
Dieser Aufkleber soll die Solidarität der Geschäfte und anderen Einrichtungen im Viertel zeigen. Bild: Matthias Ramsch | Ramschdesign.de

Sabine Langeworth hat seit 18 Jahren ihren Friseursalon im Bremer Ostertor-Viertel. Sie schätzt dort besonders die Vielfalt – Blumenladen trifft Pop-Up-Store, faire Mode trifft Kneipe und Optiker. Sie sagt: "Wir sind hier so bunt aufgestellt, das gibt es nicht mehr oft. Das ist ein Viertel, das geschützt werden muss."

Anna-Rosa Dickreuter gehört seit zwölf Jahren das Modegeschäft "Tadellos". Für sie ist es etwas Besonderes, dass es im Viertel "noch echten Einzelhandel gibt". Und sie schätzt den Zusammenhalt: "Hier gibt es Überzeugungstäter mit viel Einsatz und Ideen – auch im Lockdown. Solidarisch zu sein mit den anderen Geschäften finde ich sehr gut."

buten un binnen: Wie sieht die geplante Aktion im Viertel aus?
Sabine Langeworth: Wir haben vor, jeder einen großen Strauß Luftballons zu binden und den außen an unsere Geschäfte zu hängen. Wir wollen deutlich machen: Wir haben noch Puste, aber sie kann uns auch bald ausgehen. Wir wollen sagen: Wir brauchen Aufmerksamkeit.

Anna-Rosa Dickreuter: Wir wollen zeigen, dass es bei uns noch Gesichter gibt. Wir sind Menschen. Menschen, denen gerade die Exitenzgrundlage entzogen wird. Viele gehen davon aus, dass wir finanzielle Hilfen bekommen und dass es uns gut geht. Das stimmt aber nicht. Viele bekommen gar nichts. Im Moment fallen viele aus den Programmen der Bundesregierung heraus. Alle, die ich kenne, werden aus unterschiedlichen Gründen ausgeschlossen.
Was macht die aktuelle Situation so schwierig?
Sabine Langeworth: Wir sind Kleinst- und mittelständische Unternehmen. Wir schaffen auch Arbeitsplätze, aber wir haben nicht diese Lobby. Wir sind die Faszien, die viele Sachen zusammenhalten. Wir sind nicht der Bizeps wie Amazon, aber wir halten alles zusammen. Wir würden hier nicht klappern und Alarm machen, wenn es nicht schlimm wäre. Wir wollen das tun, damit wir hier bleiben können.

Anna-Rosa Dickreuter: Wir sind der Bereich, in dem die Innovationen passieren. Viele Ideen für Nachhaltigkeit sind im ganz Kleinen entstanden. Auch große Labels wie Armedangels gäbe es gar nicht ohne uns. Und jetzt werden wir in eine bedeutungslose Ecke gedrängt. Und mal wieder sind besonders viele Frauen davon betroffen – wie in anderen Bereichen auch, die unter der Pandemie besonders leiden.
Was – oder wen – wollen Sie mit der Aktion erreichen?
Sabine Langeworth: Wir wollen Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit dafür, dass wir wirklich mit dem Rücken zur Wand stehen. Wir erhoffen uns, dass schnellere und unbürokratische Schritte eingeleitet werden. Die Anträge sind kniffelig – und es ist auch auf eine Art und Weise demütigend. Uns wird viel Misstrauen entgegen gebracht.

Anna-Rosa Dickreuter: Wir wollen, dass die Bremer Politik uns sieht. Wir haben das Gefühl, da ist der Fokus nur auf der Innenstadt. Wir sind nicht präsent. Uns wird gesagt: 'Wieso, du bekommst doch Harz IV.' Aber das stimmt nicht.
Gibt es etwas, das die Bremerinnen und Bremer tun können?
Anna-Rosa Dickreuter: Jeder Einkauf, jede Solidarität ist uns willkommen. Bei vielen Geschäften gibt es die Möglichkeit, online zu bestellen und die Ware dann im Geschäft abzuholen.

Sabine Langeworth: Bei uns Dienstleistern ist jedes nette Wort willkommen. Jetzt ist die Situation eine ganz andere als im vergangenen Jahr. Es gab damals viel mehr Solidarität. Jetzt sind alle fertig mit der Welt – und es kommt nicht mehr so viel. Es gibt viele Momente böser Einsamkeit. Das ist viel schlechter zu ertragen. Uns geht bald die Puste aus!

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Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Feburar 2021, 19:30 Uhr