Fragen & Antworten

Warum sich so viele Verschwörungstheorien um Corona verbreiten

Seit Ausbruch des Coronavirus machen Gerüchte die Runde. Auch die Bremer Corona-Hotline wird damit konfrontiert. Wer macht das – und wie geht man damit um?

Illustration der ultrastrukturellen Morphologie des neuartigen Coronavirus 2019-nCoV-Virus
Die Urheber von Verschwörungstheorien auch rund um das Coronavirus sind schwer zu finden. (Symbolbild) Bild: DPA | Cdc/ZUMA Press

Wie lange werden wir noch im Ausnahmezustand leben? Wann kommt der Impfstoff? Wer ist Schuld an der Pandemie? Auf Fragen wie diese haben auch Experten und Expertinnen keine gesicherte Antwort. Wo Wissen fehlt, da wachsen Spekulationen.

Auch in Bremen machen in Facebook-Gruppen und per Messenger-Apps Gerüchte bis hin zu Verschwörungstheorien die Runde. Deren Bandbreite ist groß. Die Theorien zum Teil widersprüchlich. So behaupten einige, es gäbe gar keine Pandemie, das Virus sei eine Erfindung. Andere sehen eine große Verschwörung, um die Bevölkerung zu kontrollieren.

Wer setzt solche Behauptungen in die Welt?
Prof. Dr. Katharina Kleinen-von Königslöw ist Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg. Sie sagt: "Es gibt Menschen, die wollen Meinungsführer in ihrem sozialen Netzwerk sein. Sie wollen in einer besonderen Position zu anderen stehen und Aufsehen erregen. Das ist eher der klassische Angebertyp." Es gebe aber auch Menschen, die es auf das Geld der Leute abgesehen hätten. Sie präsentierten dann nicht nur ein Problem, sondern gleich ein Wundermittelchen dagegen. Es könnten auch politische Interessen hinter diesen Theorien stehen.

Verschwörungstheorien werden von Menschen erfunden, um andere in die Irre zu führen, Unruhe zu stiften und Destabilisierungen anzustoßen.

Katharina Kleinen-von Königslöw, Universität Hamburg
Prof. Dr. Katharina Kleinen-von Königslöw
Laut Wissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königlöw sind die Urheber von Verschwörungstheorin selten zu finden. Bild: Universität Hamburg/Sebastian Engels
Kann man die Verbreiter problemlos finden?
Die Urheber von solchen wilden Spekulationen sind meist nicht nachzuvollziehen. Eines der wenigen bekannten Gesichter dieser Szene ist ein 62-jähriger Mann aus Worpswede. Er ist Anhänger der extrem rechten Reichsbürger-Bewegung und Esoteriker. Seit Jahrzehnten verbreitet er Verschwörungstheorien. Er betreibt einen YouTube-Kanal mit 50.000 Abonnenten. Wöchentlich stellt er Videos ins Netz. Er glaubt die Pandemie sei gesteuert von "dunklen Mächten". Diese wollten eine "neue Weltordnung" schaffen. Die Menschen müssten nun endlich "erwachen".

Wie gefährlich solche Verschwörungstheorien werden können, zeigt ein Video aus dem März. Der Mann aus Worpswede fordert zur "Selbstmedikation" auf. Angeblich helfe ein Bleichmittel gegen Corona. Dieses solle inhaliert werden, "um die Lunge zu reinigen".

"Ich halte das durchaus für gefährlich", sagt Jana Meixner. Denn das Mittel sei schleimhautreizend und solle daher grundsätzlich nicht in die Lunge gelangen. Für das Projekt "Medizin-Transparent" hat die Medizinjournalistin und Ärztin untersucht, ob das Gurgeln des Bleichmittels gegen Coronaviren hilft. Ihr Ergebnis: Dafür fehlen bislang wissenschaftliche Belege.

Angebot und Nachfrage nach Verschwörungstheorien sind gerade hoch. Je stärker die Unsicherheit, desto eher suchen die Menschen nach Erklärungen, die über das hinausgehen, was an Informationen in den klassischen Nachrichtenmedien da ist.

Katharina Kleinen-von Königslöw, Universität Hamburg
Warum glauben Menschen an solche Theorien?
Laut Kommunkationswissenschaftlerin Kleinen-von Königslöw neigen Menschen dazu Muster zu suchen und zu erkennen, um die Welt um sie herum zu erklären. "Gerade, wenn die Dinge nicht erklärbar und schwer zu verstehen sind." Dies sei ein Grundbedürfnis des Menschen und würde in Krisenzeiten wie durch Corona noch verstärkt. Angebot und Nachfrage nach Verschwörungstheorien sind gerade hoch. "Je stärker die Unsicherheit, desto eher suchen die Menschen nach Erklärungen, die über das hinausgehen, was an Informationen in den klassischen Nachrichtenmedien da ist."

In einer aktuellen Studie der Universität Münster haben Forschende untersucht, wie sogenannte "alternative Nachrichtenmedien" Verschwörungstheorien verbreiten. So bezeichnen die Wissenschaftler Angebote, die sich als Gegenstimme zu journalistischen "Mainstream-Medien" verstehen. Diese sind vor allem online aktiv. Sie behaupten laut Kleinen-von Königslow Chinesen hätten das Virus als Waffe entwickelt, um den Westen zu zerstören.

Auch die Bremer Corona-Hotline unter der Nummer 115 berichtet von Desinformationen und Verschwörungstheorien. Laut deren Leiter, Thomas Elsner, werden diese eher beiläufig und nur selten erwähnt. "In solchen Fällen reagieren wir mit Aufklärung auf Grundlage der verfügbaren Fakten und versuchen Verunsicherungen zu reduzieren."

In solchen Fällen reagieren wir mit Aufklärung auf Grundlage der verfügbaren Fakten und versuchen Verunsicherungen zu reduzieren.

Thomas Elsner, Leiter Corona-Hotline Bremen
Welche Argumente gibt es gegen Verschwörungstheorien?
Wissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königslöw sagt: "Mit einem reinen Faktencheck kann man Verschwörungstheorien nicht unbedingt aus der Welt nehmen. Auch bei den Verschwörungen zum Coronavirus ist das so. Viele der Informationen sind erst mal plausibel und stimmen, aber sie werden eben in einen falschen Kontext gestellt. Verschwörungstheorien enthalten meist auch gleichzeitig die Behauptung, warum Mainstream-Medien oder offizielle Stellen diese Information zurückhalten. Allein das kann ein Hinweis dafür sein, dass es sich um eine Verschwörungstheorie handelt. Ob es Sinn macht mit Argumenten auf solche Theorien zu antworten, sei abhängig davon, wer sie äußert. "In großen Whatsapp-Gruppen lohnt es nicht zu korrigieren." In der Regel sei das nicht effektiv. Es lohne sich aber bei Menschen, zu denen man ein gutes Verhältnis habe. "Wichtig ist es vor allem Verantwortung für Informationen zu übernehmen, die man selbst im Internet weiterverbreitet."

Autor

  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 17. April 2020, 23:30 Uhr