Fragen & Antworten

Personalmangel und Überkapazitäten: Die Gründe für die Geno-Misere

Seit Wochen kommt der Bremer Klinikverbund nicht aus den Schlagzeilen – das Minus droht immer größer zu werden. Wir erklären die Gründe der finanziellen Probleme.

Blick aus der Vogelperspektive auf den Neubau des Klinikums Bremen-Mitte vor der Eröffnung.
Das Klinikum Mitte gehört ebenfalls zur Geno. (Symbolbild)

Der kommunale Krankenhausverbund Gesundheit Nord (Geno) ist – so scheint es – ein Fass ohne Boden. Seitdem die Geno-Führung Anfang September verkündet hat, dass sie für dieses Jahr mit einem Minus von 17 Millionen Euro rechnet, wächst das Defizit immer weiter an. Vergangene Woche wurde bekannt, dass das Minus wohl doch eher 28 Millionen betragen wird. Und am Dienstag sagte die Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke), dass es auch 32 Millionen werden könnten.

Sicher ist wohl, dass die Stadt Bremen in den kommenden Jahren tief in die Tasche greifen muss, will sie ihren kommunalen Klinikverbund halten. Doch was ist der Grund für die Misere? buten-un-binnen-Reporterin Ramona Schlee hat nach den Ursachen gesucht.

Wo ist das Loch im Fass, wo rieseln die Millionen raus?
Die Geno bekommt ihr Angebot nicht an die Patienten. So könnte man das Problem zusammenfassen. Das liegt zum ganz großen Teil am Personalmangel – Stichwort Fachkräftemangel in der Pflege. Der hat zur Folge, dass Betten nicht genutzt werden dürfen. Mit diesen Betten verdient die Geno also kein Geld.

Im Klinikum Bremen-Mitte haben sich die Bettenschließtage zwischen 2018 und 2019 mehr als verdoppelt. Dort waren in diesem Jahr bisher mehr als 3.200 Betten gesperrt. Und richtig teuer wird es, wenn die Operationssäle zu bleiben müssen. Und auch da sind die Sperrzeiten drastisch nach oben gegangen. Die Geno kann ihre Leistung also nicht verkaufen.
Wenn die Patienten also nicht in Geno-Kliniken behandelt werden, wo dann?
Tatsächlich gibt es insgesamt weniger Krankenfälle. Das ist ein Phänomen, das es seit ungefähr drei Jahren gibt, erklären kann das noch niemand so recht. Außerdem werden immer mehr Menschen ambulant behandelt. Auf diese Entwicklungen hat die Geno zu spät reagiert. Die Geschäftsführung selbst spricht von einer Fehleinschätzung – man habe bis vor kurzem mit steigenden Patientenzahlen gerechnet, die Infrastruktur geschaffen und jetzt steht man da mit vielen Betten, teuren OP-Sälen und teurem Personal – wenn auch zu wenig davon.

Die Patienten, die nicht aufgenommen werden können, gehen dann in eines der anderen zehn Krankenhäuser in Bremen und Bremerhaven. Außerdem überweisen niedergelassene Ärzte ihre Patienten teilweise erst gar nicht mehr an die Geno, weil die wissen: Da warten wir ewig auf einen Termin, der dann wahrscheinlich noch drei Mal verschoben wird.
Müsste man dann nicht weniger Betten anbieten?
Ja, das ist ein möglicher Weg und den wird man sicherlich auch einschlagen. Besonders in der Grund- und Regelversorgung – also bei der Notfallaufnahme, der Chirurgie und der Inneren Medizin. Die gibt es in allen vier Geno-Häusern und zwar rund um die Uhr. Das ist sehr teuer und führt zu Überkapazitäten. Die Geno-Geschäftsführerin, Jutta Dernedde, hat schon entsprechende Veränderungen angekündigt.

Im Moment arbeitet Dernedde an einer Medizinstrategie. Im Dezember soll die vorliegen und dabei wird es um die Frage gehen, welches der vier Geno-Häuser künftig was macht. Das machen übrigens alle Krankenhäuser in Bremen gerade durch, sagt Gesundheitssenatorin Claudia Berhard. Die will schauen, wer welches Portfolio hat und fürchtet, dass das kein einfacher Prozess wird. Der Kuchen wird kleiner, der Druck größer. Da wird es in den kommenden Jahren also Verteilungskämpfe geben.

Dass die Geno als größter Gesundheitsversorger ihr Leistungsangebot einschränken wird, ist heute aber schon ziemlich sicher. Heißt: Es wird nicht bei den rund 2.500 Betten bleiben.
Man hört ja immer wieder von Krankenhäusern, die in Schwierigkeiten sind. Sind die Geno-Häuser ein Sonderfall?
Wenn man sich mit Experten unterhält sagen die, dass alle Krankenhäuser Probleme haben. Eben weil es weniger Patienten gibt. Dabei ist die Krankenhausfinanzierung auf Wachstum getrimmt. Das Geld im System bleibt nämlich relativ gleich. Die Kosten aber steigen – Tarifsteigerungen machen das Personal teurer und die Sachkosten steigen. Krankenhäuser können das nur kompensieren, indem sie mehr Leistungen verkaufen – sprich die Fallzahlen steigen. Das hat bis ungefähr 2016 auch recht gut geklappt. Seitdem brechen die Fallzahlen ein und die Krankenhäuser kommen ins Schleudern. Je nachdem mit wem man spricht, hört man, dass bis zu 50 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland in den nächsten Jahren zu machen werden – eben weil es den Bedarf gar nicht gebe.

Andere europäische Länder haben das schon hinter sich: Dänemark zum Beispiel hat massiv Klinikstandorte gestrichen und große Kliniken geschaffen. Das heißt zwar längere Anfahrtswege aber auch sehr konzentrierte Leistung in den einzelnen Häusern. Aber: Auch das gibt es nicht zum Nulltarif – ganz im Gegenteil, die Dänen haben dafür viele Milliarden ausgegeben. An der Frage, ob das ein Modell für Deutschland sein könnte scheiden sich im Moment die Geister.

Millionen-Defizit: Klinikverbund Geno stellt sich Deputation

Zu sehen ist die Geschäftsführerin der Gesundheit Nord Jutta Dernedde im Interview.

Autorin

  • Ramona Schlee

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 30. Oktober 2019, 8:20 Uhr