Wie Bremen über das "Unwort des Jahres" den Kopf schüttelt

Mit "Klimahysterie" soll die Klimadebatte laut Unwort-Jury diskreditiert werden. Das verbinden Bremer Politiker, Aktivisten und Wissenschaftler mit dem Unwort.

Eine Hand schreibt das Wort "Klimahysterie" als "Unwort des Jahres" 2019 auf ein Tablet
Ein Jury wählte "Klimahysterie" zum Unwort des Jahres 2019. Bild: DPA | Frank Rumpenhorst

Nach "Anti-Abschiebe-Industrie" (2018) und "alternative Fakten" (2017) in den Vorjahren wurde in diesem Jahr das Wort "Klimahysterie" von einer Jury aus Sprachwissenschaftlern der Technischen Universität Darmstadt zum Unwort des Jahres gekürt. Es werde genutzt, um die Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung zu diffamieren und wichtige Debatten zum Klimaschutz zu diskreditieren, begründet die Jury ihre Wahl.

Außerdem verurteile es "das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als eine Art kollektiver Psychose", sagte Jury-Sprecherin Nina Janich. Vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Klimawandel sei das Wort zudem irreführend und stütze in unverantwortlicher Weise wissenschaftsfeindliche Tendenzen.

Unwort ist nah am Galgenhumor

Antje Boetius, Direktorin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) hat jüngst das Bundesverdienstkreuz erhalten, weil sie fundierte Forschungsergebnisse gut vermittle. Ihr Reaktion auf das Unwort 2019: "Wenn ich die wissenschaftlichen Fakten zu den brennenden Wäldern, den sterbenden Korallenriffen und der schmelzenden Arktis zusammen denke mit der Wahrscheinlichkeit der Erreichung des 1.5° C Ziels, dann spüre ich erste Anzeichen von Klimahysterie."

Hoffentlich gibt es bald Abhilfe und nicht nur den Preis des „Unwortes 2019".

Prof. Dr. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts.
Antje Boetius, Direktorin des AWI in Bremerhaven

Sönke Hofmann vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) wird da deutlicher: Bei ihm löst das Unwort "Klimahysterie" regelrecht Aggressionen aus. "Es setzt die wissenschaftlich bewiesenen, ja ständig von der Wirklichkeit übertrumpften Befürchtungen vieler Menschen als psychische Krankheit herab."

Es ist in Diskussionen das Totschlagargument aller, die aus Dummheit oder Ignoranz oder Bequemlichkeit ihr Leben nicht umweltgerechter gestalten wollen und auf purem, als "Freiheit" getarnten Egoismus bestehen.

Sönke Hofmann, Geschäftsführer Nabu Bremen
Sönke, Hofmann, Geschäftsführer Nabu Bremen

Auch Bremens Umweltsenatorin Maike Schaefer betont die Wichtigkeit des Klimaschutzes. Dabei gehe es eben nicht um Hysterie, sondern um eine "gewaltige Herausforderung". Der Begriff "Klimahysterie“ sei für sie ein Begriff der Klimaleugner und -skeptiker.

Der Klimawandel ist real und hat dramatische Folgen. Er ist durch wissenschaftliche Fakten belegt. Wir müssen klimapolitisch alles tun, um dessen Folgen so gering wie möglich zu halten. Das ist keine Hysterie, sondern das Wahrnehmen von Verantwortung.

Maike Schäfer blickt in die Kamera.
Maike Schaefer, Umweltsenatorin Bremen (Grüne)

Das sieht auch Frederike Oberheim so. Sie ist eine Organisatorin der Bremer Fridays for Future-Demonstrationen und begrüßt die Verurteilung des Begriffs. "Das ist ein Narrativ, um uns als emotional abzustempeln. Auch, wenn die wissenschaftlichen Fakten uns Recht geben", sagt die Studentin.

Uns in Anbetracht dieser Sachen, die von Wissenschaftlern geprüft und erarbeitet wurden, als emotional abzustempeln, zeigt, dass die Leute wenig Einsicht haben für das, was gerade passiert.

Friederike Oberheim schaut in die Kamera
Frederike Oberheim, Fridays for Future Bremen

"Klimaschutz sollte mit Verstand angepackt werden"

Dass das Wort zu Recht Unwort des Jahres geworden ist, findet auch der Sprecher der Industrie- und Handelskammer Bremen, Stefan Offenhäuser.

Das Wort läuft dem entgegen, was eigentlich wichtig ist: Klimaschutz sollte angesichts seiner Wichtigkeit mit Verstand angepackt werden, nicht mit Hysterie und der damit verbundenen Planlosigkeit.

Stefan Offenhäuser, Sprecher der Industrie- und Handelskammer Bremen

Der Branchenverband der Automobilindustrie, Automotive Nordwest, sieht die Klimadebatte nicht als "Hysterie" an. "Die Debatte regt zum Nachdenken an, und das finde ich gut. Aber es ist keine Hysterie. Sondern eine natürliche Korrektur unseres Verhaltens", sagt der Sprecher des Clusters, Christian Geier.

Jury: Viele Einsendungen zum Thema Umwelt

"Klimahysterie" war laut der Unwort-Jury nicht die einzige Einreichung zum Themengebiet "Ökologie, Klima, Umweltschutz". Die Zahl hätte im Vergleich zum Vorjahr stark zugenommen, sagte Sprecherin Nina Janich. Neben dem finalen Unwort kritisierten die Jury-Mitglieder auch die Begriffe "Umvolkung" und "Ethikmauer".

Seit 1991 wird jedes Jahr ein Unwort des Jahres gewählt. Nach eigenen Angaben möchte die Aktion den Blick auf Wörter und Formulierungen lenken, "die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen" – und damit die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern.

Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Nachrichten, 14. Januar 2020, 11:00 Uhr