Pendeln in Zeiten gesperrter Strecken

Normal eine kurze Bahnfahrt – nach Xavier eine kleine Odyssee: Das hat unsere Kollegin Sophie Labitzke im Schienenersatzverkehr zwischen Oldenburg und Bremen erlebt.

Schild Schienenersatzverkehr Oldenburg
Die Anzeige, die niemand sehen möchte, wenn man den Bahnsteig betritt: Kein Zugverkehr in Oldenburg. (Archivbild)

Auf einer Internetseite markieren rote Kreuze die ausfallenden Verbindungen. Ergebnis: Zug is' nich'. Ein Busnotverkehr sei eingerichtet worden. Wann der abfährt? Dazu gibt es keine Informationen. Na dann lege ich mir wohl selber eine Puffer-Zeit zurecht – eineinhalb Stunden werden hoffentlich reichen, um irgendwie von Oldenburg nach Bremen zu kommen. Bei meiner Ankunft am ZOB hinter dem Oldenburger Hauptbahnhof um 7 Uhr früh stehen auch schon ungefähr 40 Leute im näheren Umkreis eines improvisierten Schildes, das zum Schienenersatzverkehr weist. Dort wende ich mich einem Mann zu, der eine Warnweste trägt, weil ich davon ausgehe, dass er für die Organisation des Notverkehrs zuständig ist. Ist er auch, aber leider kann er mir keine Auskunft darüber geben, wann der nächste Bus in Richtung Bremen abfährt – etwas enttäuschend, aber es geht ja gerade auch drunter und drüber.

30 Minuten Wartezeit später rollt ein Bus an, in dem ich mir einen Sitzplatz sichern kann. Fünf enttäuschte Gesichter betreten den Bus nach mir, weil sie wissen, dass sie stehen müssen – wie lange, erfahren sie vom Busfahrer erst auf Nachfrage: Wir werden in Wüsting, Hude, Bookholzberg, Schierbrok, Hoykenkamp, Delmenhorst und Heidkrug halten. Es werden wohl deutlich mehr als die üblichen 38 Minuten Zugfahrt werden. Das bestätigt sich auch direkt bei der Ankunft an Stop Nummer 1: Wüsting. Bis dahin hat uns der Busfahrer 20 Minuten lang über verlassene Landstraßen gefahren. Mit dem Zug wären wir jetzt wohl kurz vor Delmenhorst. Genervt rechne ich mir aus, wann wir in Bremen sind: Pünktlich wird das wohl nicht werden.

Schild Schienenersatzverkehr Oldenburg
Es ist nicht das erste Mal, dass hier kein Zug mehr fährt...

Mit jeder angefahrenen Haltestelle füllt sich der Bus weiter. In Hude steigen besonders viele Leute ein. Sie stehen dicht an dicht gedrängt im Gang. Deswegen müssen in Bookholzberg auch drei Pendler an der Straße stehen bleiben. Eine Frau mit Kinderwagen will wissen, wie lange noch gewartet werden müsse, bis hier der nächste Bus hält – der Fahrer weiß es nicht. Mit jedem Mal "Ich weiß es nicht" oder "Leider keine Information" schraubt sich meine persönliche Nerv-Skala nach oben – mittlerweile müsste doch mal miteinander kommuniziert worden sein?!

Nach Delmenhorst und Heidkrug kommt der Bremer Hauptbahnhof in Sichtweite: zwei Stunden für eine Strecke, für die ich normalerweise eine gute halbe Stunde brauche. Uff. Was ich von dieser Fahrt lerne? Gesegnet sind die, die Kollegen vor Ort haben, die bereit sind, Dienste zu tauschen. Außerdem kann man nie genug Essen und Kaffee bei sich haben, denn wer weiß, wie lang die Reise dauert. Eine Erkenntnis: Auf seine pendelnden Mitmenschen kann man sich verlassen. Während der Fahrt wechseln sich die Fahrgäste hin und wieder mit dem Sitzen ab – schön zu sehen, wie die Leute sich gegenseitig helfen.

  • Sophie Labitzke

Dieses Thema im Programm: Hörfunknachrichten, 10. Oktober 2017, 6 Uhr