Interview

Uni-Alltag während Corona: "Ich verstehe Studierende, die sauer sind"

Thomas Hoffmeister, Konrektor an der Universität Bremen, hoffte bis vor kurzem auf Präsenzprüfungen. Jetzt müssen sich Lehrende und Studierende umstellen. Ein Kraftakt.

Dunkelhaariger Mann, Anfang 60, mit Hornbrille posiert für Portrait vor einer Mauer
Thomas Hoffmeister ist seit 2014 Konrektur für Lehre und Studium an der Bremer Universität. Bild: Universität Bremen | Harald Rehling

Die Corona-Pandemie wirkt sich auf den gesamten Alltag aus – auch an den Universitäten und Hochschulen in Bremen und Bremerhaven läuft es seit rund einem Jahr sehr anders als zuvor. War zu Beginn dieses Wintersemesters noch die Hoffnung, dass es ein Hybrid-Semester geben könne, in dem Teile in Präsenz und andere online gelehrt werden, so ist daraus jetzt ein beinahe reines Online-Semester geworden.

Doch nicht nur die Lehre ist verändert, auch die Prüfungen können meist nicht so stattfinden wie geplant. Kein Grund für Studenten und Studentinnen, jetzt ihr Studium aufzugeben, meint Thomas Hoffmeister. Er ist Konrektor für Lehre und Studium an der Universität Bremen.

Herr Hoffmeister, wie schätzen Sie die Lage an der Universität aktuell ein?
Ich würde sagen, es ist für uns allesamt anstrengend an der Universität Bremen – für die Lehrenden wie für die Studierenden. Wir haben jetzt eine wichtige Entscheidung getroffen und müssen das Prüfungssystem umstellen und online gehen. Das birgt für alle viele Unsicherheiten und viel Arbeit. Auf der anderen Seite: Wir sind an der Hochschule nicht in unseren Existenzen bedroht und das Studium kann man online weiterführen. Auch, wenn es nicht so schön ist wie sonst.
Für die Studierenden ist sicher das Schlimmste, dass der soziale Aspekt des Studiums wegfällt. Eigentlich trifft man sich mit Kommilitonen uns Kommilitoninnen, arbeitet zusammen, tauscht sich aus, ist in einer Gemeinschaft – das geht aktuell alles nicht. Für die Lehrenden ist es schwierig, dass sie so wenig mit den Studierenden im direkten Kontakt sind. Der Austausch fehlt einfach. Nicht alles lässt sich mit Zoom-Konferenzen tatsächlich umsetzen.
Die Prüfungsphase hat offiziell diese Woche angefangen. Jetzt wurden viele Prüfungen spontan umorganisiert. Anstelle der Präsenzprüfungen gibt es jetzt oft Open Book-Klausuren oder auch mündliche Prüfungen. Warum der Sinneswandel in letzter Minute?
Ganz einfach: Wir haben im vergangenen Sommer im akademischen Senat die Entscheidung getroffen, in ein Hybrid-Semester zu gehen – mit möglichst viel Präsenz. Das hat sich jetzt zerschlagen. Wir sind seit Mitte November mehr oder weniger im Lockdown. Aktuell ist eine Rückkehr zur Präsenz nicht möglich. Jetzt musste die Entscheidung getroffen werden. Da gab es nur zwei Optionen: Entweder wir verschieben alles und hoffen auf eine bessere Situation oder wir machen digitale Prüfungen. Keiner weiß, ob die bessere Situation auch kommen wird. Deshalb stellen wir jetzt weitestgehend auf Online-Prüfungen um. Das macht eine Wahnsinnsarbeit. Ich kann alle verstehen – auch die Studierenden – wenn sie im Moment total sauer sind. Aber können wir so weitermachen wie geplant? Da ist die einfache Antwort: Nein. Deswegen müssen wir was tun. Unsere Studierenden müssen ihre Prüfungen ablegen können und ihr Studium weiterführen. Wenn wir immer wieder verschieben und dann Pech haben, sind wir irgendwann mitten im Sommersemester. […]Man hätte früher anfangen können, aber wir haben uns darauf ausgerichtet, bestimmte Sachen in Präsenz zu machen. Das hat nicht geklappt.
Viele Studierende haben das Gefühl, in der Luft zu hängen, weil sie ihre Termine noch nicht haben.
Zunächst war die Hoffnung, dass die Uni ab dem 15. Februar wieder vermehrt in die Präsenz gehen kann. Deshalb haben wir erst ab diesem Zeitpunkt mit den Studiendekanen und Studiendekaninnen geredet. Bis dann alles auch wirklich umgesetzt ist und bei allen angekommen ist, dauert es immer ein bisschen. Jetzt beschäftigen sich die Prüfungsausschüsse gerade damit, zu prüfen, welche Klausuren unbedingt in Präsenz stattfinden müssen und welche nicht. Da sind die Fachbereiche gefragt. Sie müssen abschätzen, wie viele Studierende habe ich, welche Prüfung war eigentlich geplant und ist vielleicht auch eine mündliche Gruppenprüfung oder eine Open-Book-Klausur mit Unterlagen möglich. Und es gibt auch Prüfungsleistungen, die nur vor Ort stattfinden können. Das sollen aber maximal 20 Prozent sein. Bis zum 15. Mai wollen wir alle Prüfungen beendet haben. Wir versuchen alles damit das klappt. Aber es kann sein, dass es nicht möglich ist, das Studium wie geplant mit dem Wintersemester zu beenden.
Einige Studenten denken jetzt drüber nach, abzubrechen. Was sagen Sie dazu?
Auf keinen Fall sollten die Studenten und Studentinnen jetzt abbrechen. Wenn ich jetzt abbreche, habe ich vielleicht viel schlechtere Alternativen, weil ein normales Arbeitsleben auch nicht vorhanden ist. Ich würde sagen: Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Haltet eure sozialen Kontakte und stützt euch gegenseitig. Wenn es gar nicht anders geht, legt vielleicht ein Urlaubssemester ein. Wobei die Alternative vielleicht auch nicht wirklich besser ist. Wichtig ist, dass die Politik jetzt nachsteuert. Es muss wirklich allen Studierenden ermöglicht werden, die verlängerte Regelstudienzeit in Anspruch zu nehmen. Das hat zuvor nicht gut geklappt. Diese Verlängerung kann wichtig sein, damit die Studierenden ihren Bafög-Anspruch nicht verlieren. Der Gesetzgeber arbeitet dies aber jetzt noch einmal für das Bremer Hochschulgesetz nach.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Uni Bremen?
Bei mir gibt es zwei Wünsche. Das eine ist Uni in Corona-Zeiten. Das andere ist Uni nach Corona-Zeiten. Wir gehen jetzt in ein Sommersemester und da hoffe ich, dass es wirklich ein Hybrid-Semester wird. Mich interessiert aber auch, was wir nach Corona machen. Wir sollten das mitnehmen, was in der Pandemie gut gelaufen ist und neuen Formen des Lernens und Lehrens entwickeln. Wie können wir die Präsenzzeiten, die wir haben, besser nutzen und sie kommunikativer machen? Wie können wir den Wissenserwerb anders machen, indem wir Vorlesungsformate verändern, vielleicht Videos anbieten. Aber dafür mehr miteinander diskutieren. Uns auf den Fortschritt konzentrieren, das fände ich wichtig. Wenn wir das schaffen, haben wir was Richtiges mit der Corona-Pandemie gemacht.

Rückblick: Was erwartet Studierende im Corona-Wintersemester?

Video vom 25. Oktober 2020
Thomas Hoffmeister, Konrektor für Lehre und Studium an der Uni Bremen, zu Gast bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Sophie Labitzke

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, Next am Morgen, 25. Februar 2021, 6:50 Uhr