Fragen & Antworten

Lkw-Unfälle: Deswegen kracht es immer wieder auf der A1 bei Bremen

In den letzten Tagen gab es auf der A1 mehrere Unfälle. Immer waren Lkw beteiligt. Ist die Autobahn dort besonders gefährlich? Die Polizei sieht einen anderen Grund.

Ein Unfall-Schild steht auf der Fahrbahn.
In den vergangenen Tagen kam es immer wieder zu Unfällen auf der A1 (Symbolbild). Bild: DPA | Ostalb Network

Gleich drei Mal hat es in den letzten Tagen auf der A1 bei Oyten geknallt: Am Montag hatte ein Lkw dort ein Stauende übersehen und war auf einen anderen Wagen aufgefahren. Kurz darauf fuhr einige Kilometer weiter ein Lkw in das Stauende. Und nur einen Tag später kam es an fast der gleichen Stelle erneut zu einem Auffahrunfall.

Ist die Strecke bei Oyten besonders gefährlich?
Eigentlich nicht. Die Autobahn hat dort keine Kurve sondern führt geradeaus. Allerdings: "In Richtung Bremen ist kurz nach der Anschlussstelle Oyten eine Baustelle. Dadurch entsteht schon mal ein Rückstau", erklärt Sarah Humbach, Sprecherin der Polizeiinspektion Verden/Osterholz. Und mit dem Rückstau gibt es natürlich auch ein Stauende – und auf dieses sind die Lkw bei den Unfällen laut Polizei aufgefahren.
Warum sind Stauenden so gefährlich – gerade für Lkw?
"Das liegt vor allem an den Fahrern selbst, die sich ablenken lassen", sagt der Bremer Fahrlehrer Stefan Wigard. Er saß früher selbst 13 Jahre lang hinter dem Steuer eines Lkw und weiß, wie schnell die Gedanken bei den langen Fahrten abschweifen. Außerdem sei die Selbstüberschätzung der Fahrer ein Problem. "Die fahren jeden Tag ewig lange Strecken und trauen sich dann zu, andere Dinge zu tun: Sich zum Beispiel ein Brötchen aus der Dose oder eine Zigarette aus der Schachtel zu holen", sagt Wigard. Gefördert werde dieses Verhalten durch die Hilfssysteme wie den Tempomat oder Spurhalteassistenten. Nach Wigrads Ansicht, bleibt den Fahrern damit viel Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen und sich in falscher Sicherheit zu wiegen.

Ein weiterer Grund für die Auffahrunfälle mit Lkw ist laut Fahrlehrer Jörg Thomsen, dass einige Fahrer – oft aus osteuropäischen Ländern – länger als die erlaubten neun bis zehn Stunden am Stück hinter dem Steuer sitzen. Und wegen der Übermüdung werde der Stau dann übersehen. Außerdem staut sich der Verkehr nach Angaben der Polizeisprecherin Humbach auf der Lkw-Spur häufig schon eher als auf den linken Spuren. Deswegen werde das Stauende dort übersehen.
Was kann man denn dagegen tun?
Auch, wenn Stefan Wigard die negativen Seiten der Hilfssysteme kennt: Zur Verhinderung von Unfällen seien einige technische Hilfsmittel doch sinnvoll, unter anderem die Notbremsassistenten. Diese bremsen den Lkw automatisch ab, wenn sie ein Hindernis auf der Fahrbahn erkennen oder der Abstand zum Vordermann zu gering ist. Doch lange nicht alle Lkw sind mit dieser Technik ausgestattet. Und selbst, wenn sie es sind: Einige Fahrer schalten die Anlage bewusst aus, sagt Jörg Thomsen. "So können sie dann dichter auffahren, in den Windschatten fahren und Überholen. Und dann können sie die zwei oder drei Stundenkilometer schneller fahren, als die anderen Lkw."

Um die Situtation langfristig zu verbessern, müsse die gesamte Transportbranche sich wandeln und die Politik Maßnahmen ergreifen, meint Stefan Wigard. Denn aktuell sei der Preisdruck dort so hoch, dass viele Fahrzeuge zum Beispiel nur mit einem Minimum an Hilfssystemen ausgestattet würden.
Video vom 7. Juli 2020
Einsatzkräfte nach einem Unfall auf der A1
Bild: NonStopNews

Weitere Informationen:

Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: buten un binnen um 6, 7. Juli 2020, 18 Uhr