Unerfüllter Kinderwunsch: "Was, wenn nie jemand Mama zu mir sagt?"

Jedes Jahr sind in Bremen mehr als 1.000 Paare in Kinderwunsch-Behandlung. Was macht das mit den Beteiligten? Und was, wenn am Ende trotzdem kein Baby kommt?

3D-Visualisierung eines Kinderzimmers mit Wolken an der Wand und Flugzeugen, die von der Decke hängen.
Besonders, wenn im Freundeskreis die Kinder nur so purzeln, ist es für ungewollt kinderlose Paare oft schwierig, sich mitzufreuen. Bild: DPA | paolo de santis/PantherMedia

Ein Café in Schwachhausen in Vor-Corona-Zeiten: Rebecca Gebert* ist optimistisch. Vielleicht ist sie ja jetzt gerade in diesem Moment schon schwanger, ohne es zu wissen. Sie habe das "optimistisch Sein" geübt, erzählt sie, denn ihr früherer Pessimismus habe sie zu sehr runtergezogen. "Ich denke jetzt einfach immer: Es hat geklappt!", sagt sie und lächelt.

Vor drei Jahren waren sie und ihr Freund bereit für ein Kind. Doch das wollte sich nicht einstellen – und das, obwohl Rebecca Gebert damals erst Anfang 30 war. Jetzt ist die Ärztin 35 – und seit einem Jahr in Kinderwunsch-Behandlung. "Eigentlich hat in meinem Leben immer alles so funktioniert, wie ich es wollte", sagt sie. Die Situation jetzt anzunehmen, sei deshalb besonders schwer.

Ich kann mir ein Leben ohne Kind nicht vorstellen.

Rebecca Gebert, 35

Wie Rebecca Gebert und ihrem Freund geht es jedes Jahr Tausenden Paaren in Deutschland. Wie viele es genau sind, ist unklar. Es gibt Schätzungen, wonach jedes siebte bist zehnte Paar ungewollt kinderlos bleibt.

Zwei Kinderwunsch-Zentren in Bremen

In Bremen gibt es zwei Kliniken, die Paare mit unerfülltem Kinderwunsch medizinisch begleiten. Mehr als 1.000 Paare behandeln sie jedes Jahr – Tendenz steigend. Darunter sind auch immer mehr lesbische Paare, die hier Hilfe suchen. "Die meisten Frauen kommen zu spät zu uns", sagt Christoph Grewe vom Kinderwunsch-Zentrum in Bremen-Schwachhausen, nämlich mit durchschnittlich gut 37 Jahren.

Ein Schwangerschaftstest zeigt: "Nicht Schwanger"
Ein Jahr in Kinderwunsch-Behandlung heißt auch: rund zwölf Mal nicht schwanger geworden zu sein. Bild: Imago | Jochen Tack

Dann aber sei die Fruchtbarkeit bei manchen Frauen schon deutlich eingeschränkt, so Grewe. Statistisch gesehen gibt es ab dem 35. Lebensjahr einen deutlichen Knick in der Fruchtbarkeitskurve. Aber auch bei Männern werden die Spermien mit dem Alter weniger – oder langsamer. Manche Paare brauchen deshalb medizinische Hilfe. Hinzu kommen lesbische Paare, die sich ebenfalls behandeln lassen.

Ein existentieller Wunsch

Antonia Palladino* hatte schon eine zehnjährige Tochter aus erster Ehe, als sie mit Mitte 30 erneut versuchte, schwanger zu werden. Doch es klappte nicht. Für die Kulturmanagerin und ihren Mann war ein gemeinsames Kind ein "existenzieller Wunsch". Eine Kinderwunsch-Behandlung kam für Palladino zunächst trotzdem nicht in Frage, sie fand, bei ihr sei schließlich alles "normal". Als Naturheilmittel und die Überwachung ihres Zyklus aber keinen Erfolg brachten, war für die beiden klar: Die nächste Station würde eine künstliche Befruchtung sein – auch in-vitro-Fertilisation (IVF) genannt. "Wir wussten, wir hatten nicht mehr so viel Zeit", sagt Palladino. Schließlich war sie da schon 37.

Für Susanne Kemper* war an diesem Punkt Schluss. Die Historikerin war mit Mitte 30 eineinhalb Jahre in Kinderwunsch-Behandlung. Einen medizinischen Grund für ihre Kinderlosigkeit ließ sich damals nicht finden, doch eine künstliche Befruchtung wollte sie nicht. "Man muss nicht alles machen, was möglich ist", entschieden sie und ihr Partner damals – und nahmen Abschied vom Traum eines gemeinsamen Kindes. Ein schmerzhafter Prozess, für den sich Susanne Kemper Hilfe holte.

Psychologische Begleitung hilft

In Bremen ist Sabine Weißinger-Tholen darauf spezialisiert, Betroffene vor, während oder nach einer Kinderwunsch-Behandlung zu begleiten. Denn die Situation ist für viele belastend – ganz egal, wie die Behandlung ausgeht. Denn selbst, wenn sich der Traum erfüllt, ist der Weg dorthin für viele kraftraubend. Weißinger-Tholen hilft dann mit Gesprächen weiter, die den Paaren Luft verschaffen. Bei ihr können sie ihre Sorgen und Ängste lassen – und ihre Wut. Denn gerade, wenn im Freundeskreis "die Kinder nur so purzeln", müsse man den eigenen Frust auch mal irgendwo abladen können, erzählen die Betroffenen.

Und wenn eine Frau überhaupt nicht schwanger wird? "Das ist für viele eine Situation wie wenn jemand gestorben ist", sagt die Familientherapeutin. Sie gebe dann eine Anleitung für die Trauerarbeit und helfe dabei, in die Zukunft zu blicken.

Die mikroskopische Aufnahme zeigt eine menschliche Eizelle, die in einem Speziallabor zu Demonstrationszwecken injiziert wird.
Bei einer künstlichen Befruchtung (in-vitro) werden Ei- und Samenzelle außerhalb des Körpers zusammengebracht. Bild: DPA | Ralf Hirschberger

Susanne Kemper fand bei Sabine Weißinger-Tholen einen Raum für ihre Trauer – und den Mut für ein Leben ohne eigene Kinder. "Was, wenn nie jemand Mama zu mir sagt?", fragte sie sich damals. Heute hat sie darauf eine Antwort gefunden: Sie mache Dinge bewusst für sich, habe engen Kontakt zu ihrer Stieftocher und den Kindern ihrer Schwester, erzählt sie. Sie sagt: "Das ist und bleibt etwas anderes, bedeutet aber Lebensqualität." Für Kemper war klar: Sie würde nicht alles für ihren Kinderwunsch opfern.

Über die Belastungsgrenze hinaus

Antonia Palladino und ihr Mann entschieden sich anders. Sie nutzten jede medizinische Möglichkeit, die sie fanden: verschiedene Arten der künstlichen Befruchtung, genetische Untersuchungen, experimentelle Immuntherapien, zusätzliche Diagnostik... Palladino wollte neben einem Kind vor allem eins: eine Antwort, warum es nicht klappte. In einer Hamburger Klinik bekam sie wenigstens so etwas ähnliches wie eine Antwort: Das Fenster, indem sich eine Eizelle in ihrer Gebärmutter einnisten kann, war im Vergleich zu einem durchschnittlichen Zyklus leicht verschoben. Mit Hilfe der künstlichen Befruchtung sollte das kompensiert werden.

Ich hatte alles andere ausgeblendet und war wie in einem Tunnel. Aber ich wusste auch: Wenn es dieses Mal nicht klappt, ist es vorbei.

Antonia Palladino, 39

Die Hormonbehandlung brachte Palladino an ihre seelischen und körperlichen Grenzen. Im Laufe der Behandlung verlor sie sogar einen ihrer beiden Eileiter und auch sie holte sich psychologische Unterstützung. Bei der letzten möglichen künstlichen Befruchtung war es dann endlich so weit: Palladino wurde schwanger.

Heute gibt sie das Interview mit ihrem kleinen Sohn auf dem Schoß. Giulio* ist vier Monate alt und brabbelt munter vor sich hin. Schwangerschaft und Geburt waren unauffällig. Für Palladino sind die Strapazen der Kinderwunsch-Behandlung deshalb schon "weit weg". Sie und ihr Partner genießen jetzt das Leben mit ihrem Sohn. Ein zweiter Embryo liegt noch auf Eis – und könnte schon bald zu einem Geschwisterchen für Giulio werden.

Die Hoffnung bleibt

Und Rebecca Gebert? Die hat in diesen sonst so angespannten Zeiten gute Neuigkeiten: Sie ist tatsächlich schwanger.

Für Gebert nahm auch ein Gedankenspiel den Druck aus der Kinderwunsch-Behandlung. Irgendwann sagte sie sich: "Das freie Zimmer in unserer Wohnung wird irgendwann ein Kinderzimmer sein – egal, wie." Neben einem leiblichen Kind hätte sie sich auch eine Adoption oder ein Pflegekind vorstellen können. Nun hofft sie, dass Ende des Jahres ihr Baby dort einziehen wird.

*Das Thema Kinderwunsch-Behandlung ist so persönlich, dass alle Interviewten ihre echten Namen lieber für sich behalten wollten. Die Namen wurden deshalb von der Redaktion geändert.

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 8. April 2020, 7:35 Uhr