Interview

Überseefestival sammelt wichtige Erfahrungen für Bremens Eventbranche

Es ist ein Testballon: Mit dem Musikfestival in der Bremer Überseestadt soll auch gezeigt werden, wie Konzerte derzeit durchführbar sind. Eine erste Zwischenbilanz.

Eine Band spielt vor Publikum. Die Zuschauer stehen in kleinen Gruppen beieinander.
Halbzeit: Letzte Woche lief das Festival bereits von Mittwoch bis Sonntag. Jetzt geht es in die zweite Runde. Bild: Finigan Rasch | Finigan Rasch

21 Bands an zehn Tagen: Wie soll das gehen während einer Pandemie? Fast alle Festivals konnten in diesem Jahr nicht stattfinden, doch die Organisatoren vom Überseefestival wollten sich von ihrem Wunsch nach Konzerten nicht abbringen lassen. Ihre Lösung: ein Corona-konformes Konzept, aus dem bestenfalls auch die ganze Bremer Veranstaltungsbranche hilfreiche Lehren ziehen kann.

Was das Konzept beinhaltet und welche Erfahrungswerte schon auf dem Festivalgelände vor dem ehemaligen Zollamt gemacht wurden: Andrea Rösler, Projektkoordinatorin des veranstaltenden Vereins „Musikszene Bremen“, gibt eine erste Zwischenbilanz und ihrer Sicht auf die Zukunft der Bremer Kulturszene und Veranstaltungsbranche.

Hatten Sie keine Angst, dass Sie das Überseefestival 2020 absagen müssen?
Wir haben sehr lange abgewartet. Genau sieben Wochen vor dem ersten Veranstaltungstag haben wir uns dafür entschieden. Währenddessen wurde die zweite Welle angekündigt und die Urlaubsrückkehrer kamen heim. Natürlich hatten wir die Sorge, dass es nochmal einen zweiten Lockdown gibt und unsere Arbeit umsonst wäre. Aber wir sind Kreative. Und kreative Lösungen sind momentan gefragt.
Die ersten fünf Tage sind geschafft. Hat alles so geklappt, wie Sie sich es vorgestellt haben?
Die erste Woche lief großartig. Sowohl das Wetter als auch der Zuspruch vom Publikum waren toll. Unsere größte Sorge war es, ob die Leute das Hygienekonzept, das wir ausgearbeitet haben, annehmen. Doch bisher hat das wirklich super funktioniert: Am Sonntag waren wir ausverkauft mit 300 Gästen. Die Menschen haben sich an alle Bitten und Regeln sowie die Maskenpflicht gehalten. Und der Großteil hat sein Ticket – wie empfohlen – online gekauft.
Wie wirken sich die Auflagen konkret aus?
Mit dem Konzept der festgelegten Gruppenbereiche begegnen sich die Menschen nicht viel. Und wenn jemand seinen Platz verlässt, setzt er die Maske auf. Die größte Gruppengröße ist zehn Personen – beim Ticketbuchen kann man bereits vorab einsehen, was es für Möglichkeiten es gibt. Dabei war es die größte Herausforderung, den Menschen mitzuteilen, dass sie einen Tisch gemeinsam mit ihren Freunden buchen müssen. Auch das bargeldlose Zahlen hat bisher super funktioniert: Mit Wertchips, die die Besucher am Merchandise-Stand kaufen können, werden die Getränke bezahlt. Und um für ausreichend Hygiene zu sorgen, wurden Desinfektionsständer aufgestellt und die Toiletten in erhöhter Frequenz gereinigt. Obwohl wir in diesem Jahr 300 statt 2000 bis 3000 Besucher haben, haben wir genauso viele Toiletten.
Eine kleine Gruppe von Festival-Besuchern tanzt.
Tischkonzert: Zum Konzept gehört, dass man sich im Freundeskreis trifft. Bild: Finigan Rasch | Finigan Rasch
Haben Sie während des Festivals nochmal Korrekturen vorgenommen?
Die Anstehbereiche am Tresen wurden nochmal optimiert, die Tische etwas verrückt. Aber seit Freitag hat sich eigentlich nichts mehr verändert.
Zum ersten Mal nehmen Sie Eintritt.
Zwar sind wir ein Verein, der institutionell gefördert wird, aber ein Outdoor-Festival mit 300 Personen ohne Förderung kostendeckend zu veranstalten, ist unmöglich. Um alle Auflagen einzuhalten, muss deutlich mehr Geld investiert werden. Deswegen sind wir auf Sponsoren und Spenden angewiesen.
Wie viele arbeiten an der Realisierung des Festivals mit?
Insgesamt sind es ungefähr 40 Personen. Wir arbeiten überwiegend mit Ehrenämtern, was oft schwierig ist. Aber in diesem Jahr hatten viele Zeit, die zwar gar nichts mit dem Verein zu tun hatten, aber sonst bei den Festivals mithelfen, die in diesem Jahr ausgefallen sind. Auch da spüren wir so eine Freude – das betrifft mich ja auch. Veranstaltungen, Feste, Konzerte – das fehlt sehr. Das waren ganz schlimme fünf, sechs Monate. Jetzt sind wir alle wieder in unserem Element.
Keine Konzerte, keine Messen: Der Bremer Veranstaltungsbereich liegt komplett darnieder. Glauben Sie, dass sich in absehbarer Zeit für die Eventbranche alles wieder halbwegs normalisiert?
Natürlich hoffen wir, dass es wieder so wird wie vorher. Aber das wird es nicht. So viele Veranstalter und Verleiher stehen vor der Insolvenz. Wenn der Herbst einsetzt und wir nicht mehr die Möglichkeit haben nach draußen zu gehen, wird es noch schwieriger. Clubs wie die "Lila Eule" wissen nicht, ob sie je wieder öffnen. Die Kulturbranche wird gerade zerstört. Kulturtreibende orientieren sich beruflich um, da sie irgendwie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. 2021 ist Corona vielleicht vorbei, aber die Kulturbranche nachhaltig geschädigt.
Was fordern Sie?
Die Politik muss sich etwas überlegen. Die Soforthilfen, die es gab, sind jetzt vorbei. Außerdem fallen in dem Bereich der Freiberufler und Musiker viele durchs Raster. Deswegen fordern wir unbürokratisch Lösungen. Projekte wie im "Pier 2" (Anm. d. Red.: Die Idee besteht aus einer Kombination von Live-Events mit kleinem Publikum und paralleler Online-Übertragung) sind wichtig: Die zeigen, dass auch Veranstaltungen drinnen zu ermöglichen sind. Dennoch: Die aktuellen Konzepte rechnen sich nicht. Langfristig geht das nur mit Rettungspaketen und staatlichen Förderungen. So wie das bei der Lufthansa möglich ist, sollte das auch im Musikbereich gehen.
Tim Bendzko hat kürzlich ein Konzert gegeben, bei dem mögliche Indoor-Konzertvarianten untersucht wurden. Weckt das Ihre Hoffnung?
Natürlich gibt das Hoffnung. Doch bis die Ergebnisse ausgewertet sind, das wird dauern. Studien brauchen einfach Zeit.

Bremer Überseefestival findet trotz Corona statt

Video vom 15. August 2020
In der Überseestadt stehen einige Schiffscontainer, dazwischen Personen, die handwerklich arbeiten.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Johanna Ewald

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Mittag, 19. August 2020, 12:15 Uhr