Interview

Ein Bremer in der berühmtesten Geisterstadt der Welt

Der Bremer Maler Marc Krug hat ein besonderes Hobby: Er fotografiert verlassene Orte, sogenannte Lost Places. Sein Traumziel: die Stadt Prypjat bei Tschernobyl.

Verlassener Autoscooter in Tschernobyl.
Bild: Importer

Als Maler und Lackierer gestaltet, saniert und restauriert Marc Krug Räume. In seiner Freizeit fotografiert er Orte, um die sich schon lange keiner mehr sorgt. Vergessene, geheimnisvolle Orte. Malerische Industrie-Ruinen, stillgelegte Militär- und Gleisanlagen, ein ehemaliges Gefängnis: morbide Zeitzeugen unserer Zivilisation. Der heimliche wie unheimliche Star unter diesen Lost Places ("verlassene Orte") ist die Stadt Prypjat in der Ukraine. Gegründet mit dem Bau des Kernkraftwerks Tschernobyl 1970 und geräumt nach dem Reaktorunfall 1986.

Lost places: ein Bremer Fotograf in Tschernobyls verlassener Stadt
Marc Krug hat sich mit der Foto-Reise nach Tschernobyl einen Traum erfüllt.

Ausgerüstet mit Kamera und Geigerzähler hat Marc Krug nun die berühmte Geisterstadt für zwei Tage besucht, kurz vor dem 33. Jahrestag der Atomkatastrophe. Fast 50.000 Menschen lebten früher dort. Heute ist die Wahrscheinlichkeit groß, in der verlassenen Stadt auf andere Touristen zu treffen. Die – wie Marc Krug – die Faszination solcher Orte magisch anzieht.

Was waren die ersten Lost Places, die Sie fotografiert haben?
Ich war mit meiner Familie in Wilhelmshaven spazieren, und wir sind an der Südzentrale vorbeigekommen. Da habe ich sofort gedacht: "Da ist ein Lost Place, den muss ich fotografieren!". Ich war auch schon in den Heilstätten in Beelitz und in der Bunkerstadt in Wünsdorf. Es waren aber auch kleinere Lost Places, die man irgendwo gesehen hat, beispielsweise an der Autobahn. Man findet so gesehen keinen Lost Place, der Lost Place findet dich selbst.
Was macht den Reiz von diesen Orten aus?
Zum einen der Zerfall und zum anderen die Geschichte dahinter. Man fragt sich, was passiert ist. Viele Gebäude sind durch Brand oder Naturkatastrophen zerstört worden. Andere sind einfach verlassen, weil sie nicht mehr gebraucht wurden. Das finde ich dann irgendwie auch schade, wenn selbst Schlösser oder Burgen Lost Places sind, weil sie nicht mehr bewirtschaftet werden und vor sich hingammeln.
Was spürt man an diesen Orten?
Definitiv Kälte, wenn man die Geschichte zu den Orten kennt. Wir waren mal an einem Lost Place, der hieß "House Of Pain". Das war früher ein Kinderheim, und unten im Keller wurden (früher) die toten Kinder aufgebahrt und anschließend beseitigt. Es herrschte das Gerücht, dass die Leichen eingemauert wurden. Geschichten gibt es immer, und ich glaube, dass an Geschichten auch immer etwas Wahres dran ist.
Warum macht man trotz solcher Geschichten weiter? Ist das eine Faszination für das Morbide?
Es ist die Faszination, dass man einen Ort oder Raum betritt, hinter dem eine extreme Geschichte steht. Wenn man die Geschichte etwas an sich heranlässt und ein bisschen darüber nachdenkt, dann hat man Lust auf mehr. Man will immer mehr sehen und reist überall hin.
Wo waren Sie denn schon überall?
Bisher nur in Deutschland und Österreich. Ich würde gerne nach Frankreich reisen: Dort gibt es schöne Chalêts, die aber schwer bewacht sind. Lost Places sind ja immer so ein legal-illegaler Weg. Es ist immer so ein Zwiespalt, was man da macht. Wir werden nie irgendwelche Türen aufbrechen, Fenster aufhebeln oder uns sonst irgendwie Zugang verschaffen. Viele Lost Places sind legal. Es gibt legal geführte Touren, wie jetzt in Tschernobyl zum Beispiel. Dort kann man sich frei bewegen und alles anschauen.
Wo wir gerade bei Tschernobyl sind: Was reizt Sie daran?
An Tschernobyl reizt mich allein schon Prypjat. Von heute auf morgen sind die Leute aus der Stadt evakuiert worden. Alles ist noch genauso wie 1986. Natürlich ist der Verfall mittlerweile schon weit fortgeschritten, baulich wurde nichts verändert. Da wird auch streng drauf geachtet.
Wie kam es zu der Idee, nach Tschernobyl zu fahren?
Die Idee ist schon mal vor Jahren entstanden. Wir haben mit Freunden darüber geredet, ob wir nicht mal nach Tschernobyl fahren wollen, weil es eben ein Lost Place ist. Man bekommt dort unzählige Motive: Es gibt ein Schwimmbad, eine Schule, ein Kinderheim und ein Krankenhaus – es ist ja die ganze Stadt. Man hat so viele Spots auf einem Fleck, die interessant sind. Wir haben uns damals aber dagegen entschieden, weil die Familie nicht dahinter stand.
Wie finden Ihre Freunde und Familie das denn?
Das ist ziemlich unterschiedlich. Mein Bruder findet es cool, dass ich das mache. Meine Mutter sagt natürlich, dass ich verrückt bin. Sie möchte nicht, dass ich das mache. Ich musste sie erst mal darüber aufklären, was es mit der radioaktiven Strahlung genau auf sich hat. Bei den älteren Leuten ist das noch anders im Kopf, die haben das Ganze anders erlebt als wir.
Tschernobyl gilt mittlerweile als Urlaubsziel. Finden Sie den Trend gut?
Urlaub würde ich dort nicht machen. Man kann Touren buchen, wo man mit Kalaschnikows schießen kann. Man kann auch Wodkatouren machen. Aber wir machen halt nur die Tour durch Tschernobyl.
Steht denn nach Tschernobyl schon das nächste Ziel fest?
Ja, Island. Ich liebe die Natur, Landschaften, Wasserfälle. Das alles habe ich in Island. Die Natur dort ist einmalig.
  • Dag Befeld

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. April 2019, 19:30 Uhr