"Mein Sohn ist überall besser aufgehoben als bei mir"

Nicht für alle ist die Mutterschaft das Glück auf Erden. Viele Frauen leiden nach der Geburt unter Wochenbettdepressionen. Ein Bündnis sagt, die Versorgung für sie sei in Bremen lückenhaft.

Nadja Niemczyk im Interview.

Wenn Nadja Niemczyk mit ihrem Sohn heute Hausaufgaben macht, dann ist das für sie fast ein kleines Wunder. Denn vor sieben Jahren hätte sie sich das nicht vorstellen können. Mit Anfang 30 wurde sie das erste Mal Mutter. Die Welt schien in Ordnung zu sein. Die Geburt ihres Sohnes war nicht schlimm, wie sie sagt. Die ersten Wochen zu dritt seien schön und fröhlich gewesen.

"Als wenn sich eine dunkle Wolke über das Gehirn legt"

Eine junge Frau
Nach ihrer Erfahrung mit der Depression gründete Nadja Niemczyk eine Selbsthilfegruppe.

Doch das änderte sich schleichend. Nach sechs Wochen ging ihr Mann wieder arbeiten: "Auf einmal saß ich hier mit so einem kleinen Säugling und wollte die perfekte Mutter sein. Aber gar nichts war perfekt. Der Kleine war ein liebes Kind, nur ich habe nicht mehr funktioniert."

Nadja Niemczyk erkrankte an einer Wochenbettdepression — auch postpartale Depression genannt.

Ich mochte morgens nicht aufstehen. Ich mochte nichts mehr essen. Ich war nicht mehr in der Lage, mich um einen Sohn zu kümmern und war so hoffnungslos. Als wenn sich eine dunkle Wolke über das Gehirn legt und man nur noch negativ denkt.

Nadja Niemczyk

So etwas kannte sie nicht von sich. Eigentlich sei sie ein lebensfroher, positiver Mensch, erzählt sie. Umso heftiger trafen sie die Trauer und Verzweiflung.

Wenn die Traurigkeit bleibt

Die junge Mutter war sich sicher: Ihr Sohn sei überall besser aufgehoben als bei ihr. Ein Gedanke, den vermutlich viele andere junge Mütter kennen.

Studien schätzen, dass jährlich zwischen vier und zwanzig Prozent aller Mütter während oder nach der Geburt an einer Depression erkranken. In Bremen wären das an die 1.400 Frauen — genauere Zahlen gibt es nicht. Die Krankheit ist kaum erforscht.

Nadja Niemczyk suchte sich Hilfe im Internet, bei der Ambulanz für Psychiatrie, versuchte es bei Psychotherapeuten. Die hatten meist lange Wartelisten. Sie wäre gern in eine Klinik gegangen. Zusammen mit ihrem Sohn. Aber so etwas gibt es in Bremen nicht.

Behandler fordern Angebot für Kinder und Frauen

In anderen Städten können Frauen, die an einer postpartalen Depression erkrankt sind, zusammen mit ihren Säuglingen oder Kleinkindern in eine Tagesklinik gehen. Dort werden sie gemeinsam mit ihrem Kind behandelt: Bekommen Psychotherapiestunden, lernen die Bindung zu ihrem Kind aufzubauen oder zu verbessern und wie sie mit Stress umgehen können. Hamburg hat gleich mehrere solcher Tageskliniken. Und auch in Oldenburg gibt es eine Einrichtung. In Bremen können junge erkrankte Mütter nur ohne ihr Kind in eine Klinik gehen.

Therapeutin Jette Rasmussen vom Netzwerk seelische Gesundheit rund um die Geburt im Interview
Jette Rasmussen ist aktiv im "Netzwerk seelische Gesundheit rund um die Geburt".

Das "Netzwerk seelische Gesundheit rund um die Geburt" sieht genau darin ein Problem. Der Zusammenschluss aus Bremer Psychiatern, Psychologen, Ärzten und Hebammen fordert deswegen ein spezielles Angebot für Frauen und ihre Kinder. Denn gerade junge Mütter bräuchten einen Ort, an dem sie sich zusammen mit ihrem Kind entwickeln könnten. Sie bräuchten das Gefühl, dass sie sich eben nicht zwischen ihrer Gesundheit und der Versorgung des eigenen Kindes entscheiden müssen.

Psychotherapeutin Jette Rasmussen vom "Netzwerk seelische Gesundheit rund um die Geburt" sieht hier Handlungsbedarf: "Es ist ein Bereich, bei dem es sehr lohnenswert ist zu helfen. Denn es betrifft immer mindestens zwei Menschen — meistens auch drei oder noch mehr. Außerdem haben wir es mit sehr verletzbaren Personen zu tun, nämlich Babys." Diese müssten immer in der Situation mitgedacht werden.

Austausch tut gut

Nadja Niemczyk hat damals über eine Telefonliste mit anderen betroffenen Frauen in Deutschland telefoniert: "Ich habe bestimmt mit fünf verschiedenen Frauen, teilweise aus Süddeutschland telefoniert. Die konnten genau verstehen, was ich gedacht und durchgemacht habe. Und ganz wichtig war es, von ihnen zu hören: Es wird wieder gut."

Das sei nämlich eine ganz besonders wichtige Botschaft: Das Wissen, dass die Erkrankung vorbei geht. Bei postpartalen Depressionen ist die Chance auf komplette Heilung sehr viel höher als bei anderen Formen der Depression.

Bei Nadja Niemczyk hat es gut ein Jahr gedauert, dann ging es ihr wieder relativ gut. Kurz nach ihrer Depression hat sie eine Selbsthilfegruppe in Bremerhaven gegründet. Auch das habe ihr geholfen, sagt sie. Und das tut es bis heute: "Es ist immer wieder schön durch die eigene Erfahrung, anderen zu helfen. Auch wenn man wieder gesund ist."

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Autorin

  • Maren Schubart

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. Dezember 2019, 19:30 Uhr