Schwerer Schicksalsschlag: So fand ein junger Mann zurück ins Leben

Den 5. Oktober 2011 vergisst Christoph Hesse nie – damals ermordete sein Vater seine Mutter. Eine Bremer Psychologin erklärt, wie Menschen so ein Trauma verarbeiten.

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einem Sofa und schauen gemeinsam in ein Fotoalbum.
Neun Jahre nach seinem Schicksalsschlag kann sich Christoph Hesse mit seiner Freundin Zoé Fotos seiner Mutter anschauen – von seinem Vater hat er kein einziges Bild mehr. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

Es ist spät, eigentlich sollte Christoph schon lange im Bett sein. Aber er kann nicht einschlafen. Mama schreit so laut im Wohnzimmer. Leise schleicht er von seinem Zimmer rüber und lugt um die Ecke. Papa steht hinter Mama – und schlägt ihr mit beiden Händen ins Gesicht. Das ist Christophs erste Erinnerung. Er ist sechs Jahre alt.

12 Jahre später ist Christophs Mama tot. Christoph Hesses Vater hat sie erschlagen – mit einem Hammer. Ein Femizid. In Christophs altem Kinderzimmer.

Für meine Verhältnisse war ich in meiner Kindheit schon glücklich. Aber rückblickend betrachtet war sie schon schwierig.

Christoph Hesse

Geprägt haben ihn die Gewalt und Alkoholabhängigkeit des Vaters – und Geld. Davon hatte die Familie nämlich nie genug. Zunächst arbeitet seine Mutter als Schneiderin, gibt ihren Beruf aber auf. Sein Vater behält keinen Job länger als ein paar Monate. Christoph, seine sechseinhalb Jahre ältere Schwester und die Eltern leben in Vienenburg, einem Stadtteil von Goslar. Es ist eine sozial schwache Region. Die Sozialhilfe reicht kaum – das meiste Geld geht für den Alkohol, die Schrebergärten und Kaninchenzucht des Vaters drauf. Erst dann kommt die Familie. Mit sieben Jahren lernt Christoph, sich Spaghetti zu kochen und ein Ei zu braten. "Meistens bin ich aber zu meiner Oma oder meinem Kumpel Kevin rübergefahren, wenn ich etwas essen musste", sagt der heute 28-Jährige.

Der 5. Oktober 2011 ändert für Christoph alles

Früh zieht seine Schwester zu ihrem damaligen Freund – von da an ist Chris der einzige, der hört, wenn sein Vater seine Mutter prügelt. Er wird mit Flaschen beworfen, wenn er etwas sagt. Und trotzdem: Nach außen wahren seine Mutter und er den schönen Schein. Das gelingt mal besser und mal schlechter. Chris fliegt von vielen Schulen. Geht nach der 8. Klasse ab. Einen Schulabschluss hat er nicht.

Die Bundeswehr rettet Chris davor, wie seine alten Freunde zu enden – zwei sind mittlerweile an Überdosen gestorben: Sein Kumpel Kevin, dessen Mutter immer für Chris gekocht hat, ist auf Crystal Meth hängen geblieben. Chris nicht. Als sein Einberufungsbescheid kommt, kann gar nicht schnell genug fliehen. Bis die Gewalt ihn wieder einholt. Es ist der 5. Oktober 2011. Er ist in der Kaserne. Seine Schwester ruft ihn an – ihre Stimme bricht: "Mama ist tot!"

Nachbarin findet seine Mutter im Garten

Die Polizei holt Chris ab – ein Nachbar hat behauptet, ihn in der Nacht zu Hause mit seinem Vater gesehen zu haben. Er soll geholfen haben, seine Mutter zu ermorden. Schnell lässt sich das klären. Chris hat die Kaserne nicht verlassen. Was in der Nacht wirklich passiert ist, wird er erst viel später im Detail erfahren. Die anderen Nachbarn erzählen es ihm.

Schon den ganzen Abend über hörten sie Geschrei aus der Wohnung – doch das waren sie nach all den Jahren gewohnt. Nachts wachte eine Nachbarin auf und hörte ein seltsames Klopfen in regelmäßigen Abständen. Später ist klar: Das war der Kopf von Chris Mutter, der auf den Stufen des Treppenhauses aufschlug. Sein Vater schleifte sie aus dem Reihenhaus, wickelte sie in Folie und legte sie in den Garten. Dort wurde sie früh morgens gefunden – von ihrer Nachbarin. 

Noch Jahre nach dem Mord wacht Chris nachts auf und bildet sich ein, ebenso ein Klopfen zu hören. Dankbar ist er seiner Nachbarin trotzdem, dass sie die Kraft hatte, ihm das zu erzählen. Es hilft ihm, die Situation zu realisieren.

Bundeswehr und Therapie geben Halt nach schwerem Schicksalsschlag

Ein Portrait von Christoph Hesse. Der junge Mann aus Cloppenburg steht vor einer Backsteinwand.
Christoph Hesse hat das schwere Trauma neun Jahre nach der Tat verarbeitet und blickt positiv in die Zukunft. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

Christophs Vater wird am Mittag festgenommen, die Polizei findet ihn in seinem Schrebergarten. Chris sieht ihn erst vor Gericht wieder – dort kann sein Vater ihm nicht in die Augen schauen. Er wird verurteilt: wegen Mord. Jetzt, neun Jahre später, hat er Ausgang und besucht das Grab seiner Frau. Er bringt ihr Blumen mit – eine belastende Situation für Christophs Schwester und Oma, die beiden immer noch in Vienenburg leben. Und obwohl Christoph mittlerweile 250 Kilometer weit weg in Cloppenburg wohnt, macht ihn das wütend. Denn der Friedhof und das Grab seiner Mutter liegen genau gegenüber von dem Haus, in dem sein Vater den Mord begangen hat. 

Wie ist es möglich, nach so einem Schicksalsschlag zurück ins Leben zu finden? Für Christoph ist klar: "Diese Tat wird für immer ein Teil von mir sein  – aber sie bestimmt nicht über mich." Ein großer Halt direkt nach der Ermordung seiner Mutter: die Bundeswehr. Er wird sofort psychologisch betreut, bekommt eine Checkliste und kann die abarbeiten, und er darf seine Vorgesetzten zu nachtschlafender Zeit anrufen, wenn es nötig ist. In einer Tagesklinik lernt er Techniken des autogenen Trainings.

Das nutze ich noch heute, wenn ich einen 'typischen Montag' habe, an dem alles schief gelaufen ist.

Christoph Hesse

Sport helfe auch, um den Kopf frei zu bekommen. Und reden. Reden mit Menschen, denen er vertrauen kann. Bei denen er weinen kann, wie bei seiner Freundin Zoé. Neben seinem Beruf, der für ihn eine Berufung ist, ist sie sein größter Halt. 

Das, was Chris beschreibt, können Psychologen bestätigen – wie Katrin Rautenberg. Sie ist Traumapsychologin und leitende Oberärztin am Ameos Klinikum in Bremen.

Jeder Mensch reagiert anders auf ein Trauma

Es ist sicher hilfreich, viele Kraftquellen zu haben, um ein Trauma zu verarbeiten. Das sind gute Freunde, Hobbys, eine sinnstiftende Tätigkeit, aber auch Religion.

Katrin Rautenberg, Traumapsychologin und leitende Oberärztin an der Amoes Klinik in Bremen

Wie gut jemand ein einschneidendes Erlebnis verkrafte, habe aber auch mit dem Trauma selbst zu tun, erklärt Rautenberg. So seien wiederholte Traumata schwerer zu bewältigen als ein einzelnes Trauma, sagt die Psychologin. Unfallbedingte Trauma oder Naturkatastrophen seien leichter zu bewältigen als von Menschen verursachte Traumata – und frühe Traumatisierungen hätten meistens schwerwiegendere Effekte als Traumata bei ausgereiften Persönlichkeiten. "Aber Ausnahmen gibt es natürlich auch immer", sagt Rautenberg.

Jeder Mensch reagiert anders auf Traumata – und wie gut er damit fertig werde, sei auch unterschiedlich. Abhängig ist das von seiner Resilienz: "Die Gesamtheit der hilfreichen Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten, um ein Trauma zu verarbeiten, nennen wir Resilienz. Der Resilienz wird ein Schutz vor den chronischen Nachwirkungen von Extrembelastungen zugeschrieben", erklärt Rautenberg.

Für viele Traumatisierte könne eine Psychotherapie sehr hilfreich sein. "Insbesondere wenn länger andauernde Schlafstörungen, Ängste, Albträume und unwillkürliche Erinnerungen dazukommen, die den Alltag behindern", sagt Rautenberg.

Als Angehöriger in Kontakt bleiben und Trost spenden

Nachdem ein Mensch etwas Traumatisches erlebt hat, ist es als Angehöriger oder Freund gut, in Kontakt zu sein und Trost zu spenden. Man sollte gesprächsbereit sein, aber nicht zu sehr auf die Menschen eindringen. Auch Schuldzuweisung sind nicht hilfreich, denn das kränkt die Menschen noch zusätzlich.

Katrin Rautenberg, Traumapsychologin und leitende Oberärztin an der Amoes Klinik in Bremen

Einander Trost spenden, gemeinsam Dinge besprechen und für einander da sein: Auf diesen Dingen fußt auch die Beziehung zwischen Chris und Zoé. So wollen sie zusammen ihre Zukunft gestaltet. Chris sagt, er lerne ganz viel von Zoé und ihrer Familie. Da sind die Weihnachtstraditionen wie Bratapfel essen oder Geschenke würfeln – so etwas gab es in seiner Familie nicht. Ein Ausflug in diesem Jahr soll in den Zoo gehen. Da war Chris auch noch nie. 

Autorin

  • Lina Brunnée

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 13. März 2020, 23:30 Uhr