Trauern um Verstorbene: Für viele in Bremen jetzt eine Extremsituation

Angehörige und Freunde zu Grabe zu tragen, ist in Zeiten einer Pandemie ein doppelt schwerer Gang. Betroffene Bremer teilen ihre Erfahrungen vom Abschiednehmen.

Video vom 11. Dezember 2020
Eine Frau kniet an einem Grab
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Familie Nolte aus Bremen fühlt sich durch Corona um den Abschied von lieben Familienangehörigen gebracht. Innerhalb von nur drei Monaten sind sein Vater, seine Mutter und seine Schwiegermutter gestorben, berichtet Frank Nolte. Sein Vater war im März das zweite Bremer Corona-Opfer. Der 89-Jährige und seine 92 Jahre alte Frau waren erst im Januar wegen beginnender Demenz in einem Pflegeheim untergebracht worden. Als der Lockdown begann, hatte Nolte keine Möglichkeit mehr sie zu besuchen: Wegen der Corona-Vorgaben waren im Pflegeheim und auch in der Klinik, in der sein Vater zuletzt lag, Besucher verboten. Vorwürfe macht er dem Personal deswegen aber nicht. "Das war korrekt. Die Pflegekräfte und das Krankenpersonal waren extremst bemüht", lobt er die Pfleger und Pflegerinnen.

Stühle mit Schildern
Den Noltes hat unter anderem die begrenzte Zahl der Trauergäste zu schaffen gemacht. Bild: Radio Bremen

Trotzdem: Nolte hätte sich gewünscht, dass man Ausnahmen erlaubt hätte. "Wir fanden das damals sehr extrem ausgelegt vom Heim. Menschlich gesehen war das sehr schwer", sagt er. "So gut die Vorgaben sind, gibt es doch Situationen, wo es nicht passt und wo man sich wünscht, dass mal ein Auge zugedrückt wird." Seine Mutter sei letzten Endes an Einsamkeit gestorben. Er habe sie in der Corona-Zeit bis zu ihrem Tod Anfang Juni nur drei Mal besuchen können, beklagt Nolte.

Trauer in Etappen

Der 23. Oktober war ein Schock für Katja Streuber. Die Bremerin erfuhr an diesem Tag, dass ihr 52-jähriger Bruder überraschend gestorben war. "Das war ein Anruf, der hat alles verändert", sagt sie buten un binnen. Für sie besonders schwer: Zur Trauer um den Bruder kamen auch noch die Einschränkungen durch die Corona-Vorgaben für die Beisetzung hinzu. Erst nach und nach wird ihr jetzt klar, welche Einschnitte das bedeutet für den endgültigen Abschied von ihrem Bruder. "Bei der Beisetzung habe ich das am meisten empfunden." Weil auf dem Friedhof nur 20 Personen in die Trauerhalle durften, musste sie mit ihrer Familie entscheiden, wer draußen bleibt. Man habe so teilweise ganze Familien trennen müssen: Der eine Teil durfte in die Trauerhalle, andere mussten draußen warten. Kein schönes Gefühl, so Streuber. "Das fand und finde ich auch heute noch schlimm."

Man hat ja schon seine eigene Ausnahmesituation. Und dann kommt auch noch die von außen dazu.

Eine Frau schaut in die Kamera
Katja Streuber

Zusätzlich bedrückte Streuber die Maskenpflicht während der Trauerzeremonie und der anschließenden Beisetzung: Sie fühlte sich regelrecht von den Gefühlen der anderen Trauergäste abgegrenzt, weil sie deren Gesichter nicht erkennen konnte. "Die Mimik zu sehen hätte mir schon geholfen", erklärt die Bremerin. Und auch die Kontaktbeschränkungen machten ihr zu schaffen. Für sie wäre es wichtig gewesen, neben ihrer Familie auch die Freunde ihres Bruders drücken oder ihnen zumindest die Hand geben zu können. "Das sind jahrhundertealte Riten, die dann einfach wegfallen. Auch wenn man die nachholen kann, ist es doch nicht dasselbe. Es wäre alles anders gewesen ohne Corona."

Kein echter Abschied am Grab möglich

Wie Katja Streuber ist auch Familie Nolte der endgültige Abschied bei den Beisetzungen schwer gefallen. Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen hätten die gemeinsame Trauer deutlich erschwert, sagt Tochter Laura. Beispielsweise bei der Beerdigung der Großmutter: "Wenn es Corona nicht gegeben hätte, hätten auch viel mehr Leute die Chance gehabt, an der Bestattung teilzunehmen und man hätte sich auch innerhalb der Familie viel enger trösten und umarmen können. Das geht auf Distanz einfach nicht so gut."

Eine Erfahrung, die auch viele Bestatter in der Corona-Zeit gemacht haben. Es falle den Leuten schwer, angemessen von ihren Lieben Abschied zu nehmen, sagt Christian Stubbe, der Vorsitzende des Bestatterverbandes Bremen.

Die größte Belastung für die Trauernden ist, dass das gemeinsame Beisammensein nach der Beerdigung wegfällt. Denn das hat ja auch einen Sinn und ist meist der etwas fröhlichere Teil. Die Familien müssen nach der Beerdigung nach Hause fahren. Das schränkt die Trauernden eigentlich am meisten ein.

Christian Stubbe, Vorsitzender des Bestatterverbandes Bremen e.V.

Ute Schalz-Laurence hat erlebt, dass man trotz der Corona-Einschränkungen richtig Abschied nehmen kann. "Ich glaube, wenn man gut nachdenkt, kriegt man das hin." Sie habe viel mit ihrer Familie und den Freunden kommuniziert. Wichtig war dabei, deutlich und frühzeitig auf die Einschränkungen hinzuweisen und sich gut darauf einzustellen. In ihrem Fall sei dann niemand enttäuscht gewesen und die Beisetzung sei sehr harmonisch verlaufen.

Autor

  • Daniel Hoffmann Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, Next am Morgen, 11. Dezember 2020, 8:50 Uhr