Als die erste Zeitbombe der Welt 81 Menschen in Bremerhaven tötete

Im Jahr 1875 explodierte am Hafen die erste Bombe mit einem Zeitzünder. Ein Roman erzählt nun die Geschichte der "Thomas-Katastrophe" und die unglaublichen Hintergründe.

Journalistin Silke Böschen liest aus ihrem Roman über die "Thomas-Katastrophe" vor.

Der Sprengstoffanschlag, der als "Thomas-Katastrophe" traurige Berühmtheit erlangen sollte, ereignete sich am 11. Dezember 1875 im Bremerhavener Neuen Hafen. Zahlreiche Menschen hatten zuvor zugesehen, wie die "Mosel" beladen wurde, ein Dampfer des Norddeutschen Lloyd. Sie hatten auswandernde Angehörige verabschiedet oder einfach die geschäftige Atmosphäre an diesem strahlenden Dezember-Vormittag im Hafen genossen. "Plötzlich sahen die entfernter stehenden Augenzeugen eine mächtige Flamme emporschießen, welcher ein Donner ähnlicher Knall folgte, während eine dicke, schwarze Rauchwolke die 'Mosel' den Blicken verhüllte." So beschrieb die "Gestemünder Provinzialzeitung" am nächsten Morgen die verheerende Explosion an der Kaje, bei der 81 Menschen ums Leben kamen und über 200 verletzt wurden. Die "Nordsee Zeitung" schrieb damals über den Anblick des Unglücksortes:

Dem Auge bot sich das grauenhafte Bild der Zerstörung. Der Kai an der linken Seite des Hafenausgangs war mit mehr oder minder zerschmetterten Leibern, zerfetzten Kleidungsstücken, sonstigem Passagiergut, Schiffsgeräten und einzelnen Teilen eines Wagens übersäht. Einzelne menschliche Körperteile waren weit fortgeschleudert.

"Nordsee Zeitung" nach der "Thomas-Katastrophe"

Schon bald war klar: Anders als zunächst vermutet, war die Ursache keineswegs ein geplatzter Kessel der "Mosel" – sondern eine Bombe. Augenzeugen hatten beobachtet, wie ein Fass, das noch kurz vor der Abfahrt verladen werden sollte, die Katastrophe ausgelöst hatte. Es war offenbar abgerutscht und durch den Aufprall explodiert.

Attentäter wollte Schiff rechtzeitig verlassen

Ein Schwarz-Weiß-Bild zeigt einen Mann mit Halbglatze, Vollbart und Nickelbrille.
Der Attentäter William Thomas hieß eigentlich Alexander Keith und stammte aus Kanada. Bild: Stadtarchiv Bremerhaven

Das Fass gehörte einem gewissen William Thomas, Kaufmann aus Dresden. Er hatte kurz nach der Explosion versucht, sich in seiner Kabine auf der "Mosel" zu erschießen, lebte danach aber noch einige Tage. In dem Fass, das Thomas hoch versichert hatte, war Sprengstoff und ein Uhrwerk – ein Zeitzünder. In der "Nordsee Zeitung" war zu lesen: "Den Sprengstoff hatte er vor einigen Monaten in Amerika selbst eingekauft. Die Uhr zum Zünden dagegen ist nach seiner Anweisung in Deutschland angefertigt. Die Uhr war auf acht Tage gestellt und die Explosion wäre also im Ozean erfolgt. Thomas selbst wollte in Southhampton das Schiff verlassen."

Erste Zeitbombe in Bremerhaven macht weltweit Schlagzeilen

Später wollte der Betrüger eiskalt die Versicherungssumme für sein absurd hoch versichertes Fass kassieren. Thomas hieß übrigens gar nicht Thomas. Der richtige Name des stark übergewichtigen, rotblonden Mannes aus Kanada war Alexander Keith. Er hatte undurchsichtige Geschäfte gemacht, führte ein teures Leben, galt als spielsüchtig und hatte jede Menge Schulden. Um sie zu begleichen plante er den Versicherungsbetrug. Die von ihm konstruierte Höllenmaschine gilt als erste Zeitbombe der Welt. Der Vorfall machte weltweit Schlagzeilen.

Bremerhavenerin schreibt Roman aus Sicht zweier Frauen

Eine blonde Frau lächelt für ein Porträt in die Kamera.
Silke Böschen stieß zufällig auf die "Thomas-Katastrophe" und machte daraus ihren ersten Roman: "Träume von Freiheit – Flammen am Meer". Bild: Gmeiner Verlag | Mirjam Knickriem

Die gebürtige Bremerhavenerin Silke Böschen hat die "Thomas-Katastrophe" nun als Vorlage für ihren Roman "Träume von Freiheit – Flammen am Meer" genutzt. Sie erzählt die Geschichte aus Sicht zweier Frauen, die sich bei einem Begräbnis nach dem Unglück treffen. Eine hat soeben fast ihre ganze Familie verloren, die andere ist die Ehefrau des Attentäters. Jahre später steht die eine plötzlich bei der anderen vor der Tür und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Böschen absolvierte ein Zeitungsvolontariat, studierte Journalistik und arbeitete viele Jahre als Fernseh-Moderatorin beim ARD-Politikmagazin "Kontraste" und der "Sportschau". Auf die "Thomas-Katastrophe" stieß sie in einer alten Chronik ihrer Geburtsstadt Bremerhaven. "Ich hörte zum ersten Mal davon. Dann begann ich zu recherchieren", sagt Böschen, die sich mit ihrem ersten Roman einen lang gehegten Wunsch erfüllte. "Über den Massenmörder selbst wollte ich kein Buch schreiben, aber über seine Witwe und über eine Frau aus Bremerhaven, die bei der Explosion beinahe ihre gesamte Familie verlor."

Autoren

  • Joschka Schmitt
  • Catharina Spethmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Oktober 2019, 19:30 Uhr