Warten auf bessere Zeiten: Wie Bremer Theater die Krise meistern

Theater dürfen seit Freitag in Bremen wieder aufmachen. Es gelten jedoch strenge Auflagen. Werden die Zuschauer diesen Sommer die Spielstätten besuchen können?

Im GOP-Theater gibt es jetzt nach Corona-Auflagen mehr Platz zwischen den Tischen.
Im GOP-Theater soll es jetzt entsprechend den Corona-Auflagen mehr Platz zwischen den Tischen geben. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Wer schon mal bei einer Probe im Theater war, weiß, dass die Hektik, die Geräusche so was wie ihr Markenzeichen sind. Die Künstler reden miteinander, kommen und gehen auf der Bühne, der Regisseur oder die Regisseurin gibt die Anweisungen laut und schimpft leise, die Ton- und Lichttechniker melden sich gegebenenfalls ab und zu aus der Kabine. Vielleicht liegt es an der Situation und der Art der Performance, dass es im Bühnenraum des GOP-Theaters gerade so ruhig ist. An der Tatsache, dass der Saal leer ist und die Künstlerinnen, die gerade auf der Bühne üben, ein Akrobatik-Stück vorbereiten. Es ist noch ein Training, keine offizielle Probe. Doch diese Ruhe, diese Stille, könnte symbolisch für die Corona-Zeit stehen.

Das Theater und die darstellende Kunst sind durch das Virus ihres vielleicht wichtigsten Elements beraubt worden: des Publikums. Und so ist ihre Stimme über die vergangenen Monate gedämpft worden – wenn nicht versiegt. Jetzt aber ändert sich was. Seit Freitag dürfen Theater in Bremen wieder Publikum empfangen. Doch so leicht ist das nicht.

Die Corona-Krise hat die Show-Branche auf eine harte Probe gestellt

Die Stille im Raum wird immer wieder von den Sprüngen der Künstlerinnen unterbrochen, die von ihren Trapezen auf den dicken Weichbodenmatten kontrolliert landen. Und von Hintergrundmusik. Es ist schwer, darin keine Parallele zur aktuellen Lage der Veranstaltungsbranche zu erkennen. Der Versuch, selbst unter widrigen Umständen nicht aufzugeben. Sich hören zu lassen, dem Stillstand der Corona-Zeit nicht zu erliegen.

Die Auflagen für die Wiedereröffnung der Spielstätte sind jedoch streng. Aus den Aufführungen dürfen keine Massenveranstaltungen werden. Der Mindestabstand von 1,5 Meter muss gewährleistet werden. Auf der Bühne und im Publikum – so wie in Cafés und Restaurants. Das bedeutet, sich umstellen zu müssen. Für Theaterbetreiber sowie Regisseure und Künstler. Für die meisten heißt es: Sitzplätze sperren, Tische aufstellen oder raustragen, weniger Zuschauer reinlassen. Damit schwinden auch die Einnahmen. Kein Wunder, dass die meisten Bremer Theater so schnell nicht wieder starten wollen oder können.

Das GOP-Theater will bereits im Juli wieder aufmachen

Einer, der es trotzdem wagt, ist Philipp Peiniger. Rentabel sei das nicht, sagt er mit einem Lächeln. Aber es geht offenbar in der aktuellen Lage nicht mehr so sehr um den Profit, sondern schier um das Überleben. Der junge Mann ist Direktor des GOP-Theaters in Bremen. "Wir machen das, um die Künstler in Lohn und Brot zu bekommen. Und um sichtbar zu sein, für die Gäste." Und so habe sein Team Markierungen auf den Boden geklebt, die Stühle umgeräumt und die Tische so eingerichtet, dass statt 400 nur 200 Gäste im Publikum Platz finden.

Philipp Peiniger steht neben einer Plexiglasscheibe.
Die Vorbereitungen sind im Saal des GOP-Theaters noch nicht abgeschlossen, erzählt der Direktor, Philipp Peiniger. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Noch sind die Renovierungsarbeiten im Gange, Plexiglaswände sollen naheliegende Tische voneinander trennen. "So wie diese", sagt Peiniger und zeigt mit der Hand auf eine Glasscheibe, die am Geländer bereits angebracht ist. Die untere Etage des Raums ist auf mehreren Stufen aufgebaut, die von verzierten Balustraden voneinander getrennt sind. Oben befindet sich ein offener Balkon. Das Licht im Saal ist während des Trainings gedimmt, einige Stühle aus rotem Samt liegen noch umgekippt neben den gelben Tischlampen auf den Holztischen, ein Stapler steht wie vergessen in einer Ecke. Auf dem roten Boden zeigen blauen Pfeile auf A4-Blättern die korrekte Laufrichtung. "Die sind noch provisorisch, sie werden dann durch feste, professionelle Markierungen ersetzt", erläutert Peiniger.

Künstler-Trio wurde in Bremen vom Lockdown überrascht

Vorne auf der Bühne trainieren drei Künstlerinnen für die Wiedereröffnung am 9. Juli. Vor einem riesigen schwarzen Vorhang hängt ein Trapez in mehreren Metern Höhe. Zwei Frauen sitzen entspannt auf der dünnen Stange, die Beine gekreuzt. So, als ob sie gerade ein bisschen plaudern möchten. Dann lassen sie sich synchron nach vorne fallen, die Beine um die Seile geschlungen, fassen die dritte Frau an den Händen, während sie gerade von der Matte hochspringt, und ziehen sie hoch. Sie schwingt die Beine in die Luft, überschlägt sich und erreicht das Trapez, auf dem sie nun steht. So, als ob es das Normalste der Welt wäre.

Das Akrobatiktrio "Wise Fools" übt am Trapez.
Das Akrobatiktrio "Wise Fools" soll bei der Wiedereröffnung des GOP-Theaters im Juli auftreten. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

"Es ist ihr Job, das leicht aussehen zu lassen", sagt Peiniger mit einem Schmunzeln. Die drei Künstlerinnen sind Jaimee Allen, Maria Peltola und Valpuri Kaarninen. Auf der Bühne nennen sie sich die "Wise Fools", die weisen Narren. Seit ihrem Abschluss an der Hochschule für Zirkuskünste in Brüssel vor sechs Jahren touren die drei Künstlerinnen aus Finnland und Südafrika um die Welt. "Frankreich, Südafrika, Australien – in den vergangenen Jahren waren wir ununterbrochen unterwegs", sagt Peltola auf Englisch. Sie ist diejenige, die auf das Trapez hochgezogen wurde. Sie tragt ein türkises Shirt und die langen, dunkelblonden Haare gebunden, auf ihrem Gesicht ist kaum eine Spur von Anstrengung zu erkennen.

Bremen sollte nur eine weitere Etappe sein in ihrer scheinbar endlosen Reise. Doch dann kam Corona, und die zwei geplanten Monate haben sich verdreifacht. Am 11. März hatte das Trio seine Premiere, an vier Tagen konnten sie spielen, eher der Betrieb eingestellt werden musste. Das Virus hat alles zum Halt gebracht. Zum Stillstand. Vorübergehend, zumindest.

Wer zusammen wohnt, darf zusammen trainieren

Die drei Künstlerinnen sagen, sie hätten trotzdem Glück gehabt. "Wir durften hier [in einem Künstlerhaus des Theaters] bleiben und an neuen Aufführungen arbeiten", sagt Kaarninen. Zu Beginn der Pandemie hätten sie sonst nicht viel tun können, außer durch die leeren Straßen zu skaten und in Parks Menschenpyramiden zu üben. "Wir haben versucht, etwas aus dieser Freizeit zu machen", sagt sie und lächelt. "Bremer ist der Ort, an dem wir in den vergangenen sechs Jahren am längsten geblieben sind."

Die drei Mitglieder der "Wise Fools" posen für die Kamera.
Mehr oder weniger freiwillig in Bremen gestrandet: Die "Wise Fools". (Valpuri Kaarninen, Jaimee Allen, Maria Peltola) Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Das Leben in der neuen, einigermaßen erzwungenen Heimat war am Anfang nicht leicht. "Alles war zu, wir konnten auch nicht Freunde oder Verwandte in anderen Bundesländern besuchen", erzählt Peltola. Gleichzeitig hatten sie so die Ruhe, um an neuen Performances zu arbeiten. Und da sie zusammen wohnen, müssen sie auf der Bühne keinen Mindestabstand einhalten. Das ist für ihre Kunstform – Trioakrobatik – ein großer Vorteil.

Andere Künstler müssen in der Corona-Zeit ihre Shows umgestalten. "Die Shows dauern jetzt 90 Minuten ohne Pausen, statt zweimal 50 Minuten mit Pause dazwischen. Und wir vermeiden dramaturgisch, dass sich die Darsteller auf der Bühne zu nah kommen, es gibt keine Ensemble-Szenen", erläutert Peiniger.

Für kleinere Theater ist die Lage noch viel schwieriger

Ähnliche Vorkehrungen müssen die Schauspieler und Schauspielerinnen des Hafen Revue Theaters treffen. Die Einrichtung bleibt noch eine Weile geschlossen, mindestens bis Ende des Sommers, doch die Künstler treten seit einigen Tagen auf der Open-Air-Bühne des Auto-Lust-Spiels in Walle auf. Claudia Geerken und Janina Schwarz proben gerade kurz vor dem Auftritt. Schwarz – in grünen, kurzen Hosen, Sweater und Baseball-Cap – spielt auf einer Seite der Bühne den kleinen Jungen. Geerken singt gerade auf der anderen Seite ins Mundmikro ein Lied über Glück. Und Glück haben sie gehabt, das kann man wohl sagen.

Ulrich Möllmann sitzt in einem Sessel auf der Bühne.
Ulrich Möllmann hofft, das Hafen Revue Theater im September wieder öffnen zu können. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Als das Theater seinen Betrieb einstellen musste und seine Miete nicht mehr bezahlen konnte, so erzählt es der Produktionsleiter Ulrich Möllmann, hatte der Vermieter eine Idee: Auf einem Gelände unweit des Theaters hat er eine Bühne aufgebaut und sie professionellen Künstlern zur Verfügung gestellt, damit sie etwas verdienen. Denn die Veranstaltungsbranche lag wie die Fläche – brach. Möllmann läuft auf dem noch leeren Gelände im Kostüm herum. Eine braune Ballonmütze auf den grauen Haaren und eine rote, verschmutzte Hose trägt sein fiktiver Charakter.

Konzerte und Theater-Shows durch die Frontscheibe

Bald sollen die Autos kommen. Ja, Autos, denn das Publikum darf nicht im Freien sitzen, sondern verfolgt die Aufführung aus den Wagen. So wie in einem Autokino. Der Ton sickert in die Fahrzeuge nicht nur durch die offenen Fenster, sondern wird über eine Radiofrequenz übertragen. Die meisten hören das Theaterspiel durch ihre Autoradios. Auf zwei digitale Bildschirme vorne werden die Szenen von der Bühne übertragen. Es darf geblinkt werden, aber nicht gehupt, sagt die Schauspielerin im Jungen-Kostüm. Auch für sie ist dies im Vergleich zu einem geschlossenen Raum eine Umstellung. Schwarz sagt, sie habe Angst gehabt, dass die Verbindung zum Publikum nicht aufgebaut werden könnte. Denn die Glasscheiben der Wagen stehen wie ein Filter zwischen Schauspielern und Publikum. Doch am Ende sei alles anders gekommen. "Die Leute geben sich noch mehr Mühe", sagt sie.

Auf dem Gelände des Auto-Lust-Spiels haben sich schon die ersten Autos versammelt.
Auf dem Gelände des Auto-Lust-Spiels warten die ersten Familien schon in ihren Wagen auf die Show. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Gut zwanzig Meter weiter befindet sich die ursprüngliche Spielstätte – das Hafen Revue Theater. Im Bühnenraum auf der ersten Etage riecht es angenehm nach Holz. Einige wenige Tische und Stühle sind auf der Fläche verteilt, leere Pizzakartons liegen herum. Der Raum wird jetzt für die Bearbeitung am Computer benutzt. Möllmann fährt die Bühnenlichter langsam hoch. Die Ecke am Ende des Saals färbt sich in blaue und rosa Töne. Langsam sieht der Raum wieder wie Theater aus.

Der Betrieb stand abrupt still

Auf der Bühne liegen noch die Requisiten der letzten Show, die Ende März anfangen sollte und das Tageslicht (noch) nicht sehen konnte: ein Tisch mit einem roten Schnurtelefon, einer Tasse Kaffee, zwei schwarze Plastikstühle und zwei beigefarbene Sessel. "Schlagerflut" hieß sie. Es sieht alles noch so aus, als ob jemand gerade auf die Bühne gehen sollte. "Wir hatten gerade Proben, als es plötzlich hieß, es ginge nicht mehr", erzählt Möllmann. Ob alles seitdem so geblieben sei – eine Erinnerung an den Augenblick, in dem sich alles geändert hat? Als die "Bombe" eingeschlagen hat wie die Küchenuhr in der Erzählung von Wolfgang Borchert? "Mehr oder weniger", sagt Möllmann und lacht.

Ulrich Möllmann sitzt im Sessel auf der Bühne des Hafen Revue Theaters.
Normalerweise sind die Stühle im Hafen Revue Theater reihenweise aufgestellt. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Möllmann hat trotz der komplizierten Lage den Sinn für Humor nicht verloren. Er sitzt in seinem Kostüm, das ihn viel älter erscheinen lässt, auf einem Stuhl und erzählt, dass normalerweise 90 Zuschauer in dem engen Raum passen würden. Hält man den 1,5-Meter-Abstand, sind es nur noch 15. Wieder aufzumachen, lohnt sich für ihn nicht. "In keiner Art und Weise", sagt er. So wie ihm geht es vielen anderen Bremer Kleintheatern.

Viele Theater wollen erst in zwei, drei Monate wieder eröffnen

Mehrere haben auf Nachfrage mitgeteilt, dass sie bis Anfang der nächsten Saison nicht aufmachen werden. Einige wollen Open-Air-Aufführungen organisieren. Andere – das Theaterschiff und das Fritz – planen, im größeren Metropol-Theater zu spielen. Möllmann sagt, er hätte Fördermittel bekommen, man hätte aber viel mehr gebraucht. Jetzt spielt das Ensemble erstmal für die Zuschauer in ihren Autos. Um 16 Uhr stehen die ersten schon da. Viele sind es nicht, aber die Uhrzeit und das Wetter spielen auch gerade nicht mit. Es wird langsam Sommer, bei 24 Grad im Auto unter der Sonne zu sitzen ist nicht einfach. Ein Kind fächelt sich mit der Hand auf dem Rücksitz Luft zu.

Darstellerinnen Claudia Geerken und Janina Schwarz singen auf der Bühne.
Darstellerinnen Claudia Geerken und Janina Schwarz treten beim Auto-Lust-Spiel auf. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Der Bremer GOP-Theater-Direktor, Philipp Peiniger, sagt, Theater und Varieté seien etwas, das man nicht primär zum Überleben brauche. Am Ende seien sie jedoch für die Seele und das Miteinander relevant – und so wiederum doch wichtig. Er sagt, das Ziel momentan sei, den Menschen einen kurzen Urlaub vom Alltag anzubieten. Von Ansteckungsgefahren, von Kontaktverboten und Problemen bei der Kinderbetreuung. Ob so etwas möglich sei – trotz Abstandsregeln, Mundschutz und Desinfektionsmittel, die auch im Theater angewandt werden müssen, bleibt abzuwarten. Er sei überzeugt, dass er das schaffen wird. Sicher ist: Menschen wie er, Möllmann und ihre Künstlerteams werden nicht aufhören, es zu versuchen.

Theater und Corona: Wie können Aufführungen in Zukunft aussehen?

Video vom 9. Juni 2020
Eine Bühne, auf der mehrere Darsteller in bunten Kostümen ein Stück proben. Im Hintergrund ist in großen Leuchtbuchstaben der Satz "What is past" zu lesen.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Juni 2020, 19:30 Uhr