Tatort-Faktencheck: Die Polizei an der Grenze des Gesetzes

Letzter Fall für Lürsen und Stedefreund: Der Bremer Tatort "Wo ist nur mein Schatz geblieben?" verstrickt sich in einem Netz aus Korruption in den eigenen Reihen. Das Ende: ein emotionaler Knall.

Die Bremer Ermittler stehen mit Rechtsmediziner Dr. Katzmann vor einem Loch.
Der letzte Bremer Tatort stellt die Beziehung der beiden Ermittler Lürsen und Stedefreund auf eine harte Probe. Bild: Radio Bremen/ ARD Degeto | Christine Schroeder

Es war der letzte Fall für die Bremer "Tatort"-Kommissare Inga Lürsen und Nils Stedefreund. Ein Fall, in dem ihre langjährige Dienstbeziehung auf eine harte Probe gestellt wird. Mit "Wo ist nur mein Schatz geblieben" verabschiedet sich das Bremer Duo mit einem überhöhten Freundschafts-Thriller. Von Polizei-Interna über Luftbestattung bis zu tschetschenischen Mafiastrukturen: Wir haben bei Experten nachgefragt, wie realistisch der letzte Fall von Lürsen und Stedefreund ist.

Darf man "verdeckte Ermittler" einfach ansprechen?

Von den BKA-Ermittlern Maller (Robert Hunger-Bühler) und Kempf (Phillip Hochmair) werden Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) recht früh in ihrer Arbeit gestoppt, da sie eine verdeckte Ermittlung gefährden. Denn Roger Stahl (Kostja Ullmann), der Lürsen und Stedefreund ins Visier gerät, hat sich als verdeckter Ermittler für das Bundeskriminalamt Zugang zu einem tschetschenischen Familienclan verschafft. Trotzdem tritt das Bremer Team mehrmals wissentlich an ihn heran und setzt ihn unter Druck. Im realen Arbeitsalltag von Kriminalbeamten wäre das kaum vorstellbar.

Ein verdeckter Ermittler riskiert Gesundheit und Leben. Den kann man nicht einfach ansprechen.

Lüder Fasche, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei

Kontakte wie im Bremer Tatort sind eher fiktiv, erklärt Lüder Fasche, Bremer Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP): "Wer als verdeckter Ermittler arbeitet, ist selbst bei der Polizei ein großes Geheimnis. Das wissen zum Schutz des jeweiligen Kollegen nur ein bis zwei Personen – und normalerweise bleibt das so." Selbst wenn im Umkreis der verdeckten Ermittlung von unwissenden Kollegen in einem anderen oder ähnlichen Fall ermittelt werde, bliebe die Identität in der Regel geschützt, so Fasche.

Wie weit geht das Doppelleben eines Ermittlers?

Kostja Ullmann hält ein Baby vor der Brust.
Roger Stahl hat als "Verdeckter Ermittler" eine Familie gegründet. Bild: Radio Bremen/ ARD Degeto | Christine Schroeder

Im Film wird Roger Stahl nicht nur mehrfach von den eingeweihten Bremern konfrontiert, sondern gründet im Zuge seiner Ermittlungsarbeit sogar eine Familie und beteiligt sich an den illegalen Geschäften seiner Frau und deren Bruder. "Da befinden wir uns eindeutig im Bereich der Fiktion. So eine Verstrickung ist in der Realität höchst unwahrscheinlich", sagt Fasche. Zwar sei es denkbar, dass der Aufbau persönlicher Beziehungen die Ermittlung begünstige und daher als Mittel zum Zweck diene, dass ein verdeckter Ermittler sich aber an schweren Straftaten beteiligt, könne und dürfe nicht passieren, so der GdP-Landesvorsitzende.

Ist die dargestellte Korruption realistisch?

Wie viel Polizist in Maller und Kempf wohl noch steckt? Zumindest weniger als so manche illegale Substanz oder Moral. Im Film lassen sich die beiden BKA-Kollegen mehrfach zu schweren Straftaten hinreißen, was jahrelang unentdeckt bleibt. Am Ende stellen sie sich sogar als die gesuchten Mörder heraus.

Das Verhalten der beiden ist absolut unvorstellbar.

Lüder Fasche, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei
Bild aus dem Bremer "Tatort": "Wo ist nur mein Schatz geblieben?"
Stedefreund, Lürsen mit den BKA-Ermittlern Maller und Kempf. Bild: Radio Bremen / ARD Degeto | Christine Schroeder

Lüder Fasche bezieht Stellung: "Grenzüberschreitungen sind im Bereich der verdeckten Ermittlungen durchaus vorstellbar, aber im Film ist das Ganze sehr überzeichnet dargestellt." Da laut Fasche bei einer verdeckten Ermittlung möglichst wenige Personen eingeweiht sind, genießen die Kollegen einen ungewöhnlich großen Vertrauensvorschuss. "Der ist auch unbedingt notwendig, damit weder der jeweilige Ermittler noch die Ermittlung an sich gefährdet wird, denn diese spielt sich nicht selten in einem schwerkriminellen Umfeld ab – so ja auch im aktuellen Fall", erklärt der GdP-Landesvorsitzende. "Die verdeckte Ermittlung spielt sich stets in einem Spannungsfeld an der Grenze zum rechtlich Vertretbaren ab. Das ist eine große Herausforderung für die Kollegen. Es handelt sich hierbei um einen exotischen Bereich der Polizeiarbeit, der mit dem normalen Alltag nicht mehr viel zu tun hat."

Gibt es kriminelle tschetschenische Strukturen in Bremen?

Ein tschetschenischer Familienclan wäscht im Bremer "Tatort" seine illegalen Geldeinnahmen im großen Stil über ein Immobilienprojekt. Die Schwester spielt dabei den Strohmann für den strippenziehenden Bruder, der kurzerhand sieben Millionen Euro "reinwaschen" will. "Es ist nicht ungewöhnlich, dass Geldwäsche in der Größenordnung über Immobiliengeschäfte abgewickelt wird. Grundsätzlich ist das sogar über jeden Einzelhandel denkbar, besonders beliebt ist die Gastronomie", erklärt Fasche. Aber: Welche Rolle spielen Tschetschenen in der Organisierten Kriminalität? Laut Bundeskriminalamt handelten Tatverdächtige aus Tschetschenien früher vor allem als Dienstleister für andere kriminelle Gruppierungen, mittlerweile übernehmen sie aber vermehrt selbst kriminelle Geschäftsfelder, vor allem im Bereich der Schutzgelderpressung und des Rauschgifthandels. "Sie sind in der Lage, im Konfliktfall mit anderen konkurrierenden Clans oder Netzwerken in kurzer Zeit große und schlagkräftige Gruppen aus Deutschland und dem europäischen Ausland zusammenzuziehen. Schwerpunkte der Organisierten Kriminalität durch Tschetschenen werden vor allem in Nord- und Ostdeutschland gesehen", so ein Pressesprecher des BKA.

Ist eine Leiche ohne jegliche Spuren realistisch?

Bild aus dem Bremer "Tatort": "Wo ist nur mein Schatz geblieben?"
Ledigleich der Mageninhalt kann den Ermittlern noch als Hinweis dienen. Bild: Radio Bremen / ARD Degeto | Christine Schroeder

Bei Kanalarbeiten finden die Bremer die Leiche einer jungen Frau. Spuren, die auf den Täter hindeuten, sind ihr nicht mehr zu entnehmen. Aber nicht etwa, weil sie schon so lange dort liegt, sondern weil sie höchstprofessionell in Formalin getränkt und unter der Erde verscharrt wurde. Formalin ist eine wässrige Formaldehyd-Lösung, die DNA-Spuren binnen kürzester Zeit abtötet. "Formalin dringt von außen nach innen in den Körper ein und schon nach 14 bis 21 Tagen sind zumindest von außen keinerlei Spuren mehr zu finden", erklärt Klaus Lüninghake, medizinischer Präparator der Pathologie Bremen.

Formalin wirkt sofort, das geht ruckzuck mit dem Spuren zerstören.

Klaus Lüninghake, medizinischer Präparator der Pathologie Bremen

Nach rund vier bis fünf Wochen fixiert Formalin einen Körper komplett und es sind keinerlei DNA-Spuren mehr nachweisbar. Die säurehaltige Lösung sorgt außerdem dafür, dass die Haut komplett an Farbe verliert. "Mechanische Spuren, zum Beispiel Wollfasern oder Glassplitter, zerstört Formalin allerdings nicht", ergänzt Lüninghake.

Kann man den dargestellten Autounfall überleben?

Inga Lürsen und Nils Stedefreund schauen sich nach einem Autounfall in die Augen.
Kaum verletzt überleben Lürsen und Stedefreund den Autounfall. Bild: Radio Bremen / ARD Degeto | Christine Schroeder

Der Schreck fährt dem nichtsahnenden Zuschauer durch die Glieder, als Nils Stedefreund seiner Kollegin Inga Lürsen im Streit ins Lenkrad greift und das Auto von der Straße abkommt. Es fliegt den Deich hoch, überschlägt sich mehrfach und landet verbeult auf dem Autodach. War es da um die Kommissare geschehen? Verabschieden sie sich mit einem tragischen Unfall aus ihrem letzten Tatort? Nein. Sie überleben den Autounfall und mehr noch: Stedefreund krabbelt aus eigener Kraft aus dem Gefährt, Inga Lürsen kommt mit Nasenbluten davon. Schon kurz darauf stehen beide ohne Probleme neben dem Wagen und widmen sich wieder dem Fall. "Mit einer normalen Mittelklasse einer neueren Bauart kann man so einen Unfall tatsächlich überleben", sagt Nils Linge, Pressesprecher des Bremer ADAC. Denn die Kabine des Wagens sei geschützt, der Gurtstraffer hält einen im Normalfall auf dem Platz und der Airbag öffnet sich, so der Experte. Er hält die Szene durchaus für realistisch: "Wenn man Glück hat, kommt man nur mit ein paar Kratzern davon. Bei einem älteren Modell hingegen oder aber festen Gegenständen, gegen die das Auto prallen, könnte das Ganze schon wieder anders aussehen."

Asche im Himmel verstreuen – ist das erlaubt?

Es ist der emotionale Abschied des Bremer "Tatort"-Teams aus dem Sonntagabendprogramm: Stedefreund hat den finalen Schusswechsel im letzten Fall der beiden nicht überlebt, darf aber mit seiner trauernden Kollegin Inga Lürsen als feiner Theaterstaub in einer Urne trotzdem noch einmal Fallschirmspringen. Und so endet der Film, wie er begann: Mit beiden Bremer Kommissaren im Himmel über Bremen. Weil Stedefreund seine Kollegin erst zum Fallschirmsprung ermutigt hat, scheint dies der richtige Ort für den Abschied zu sein. Inga Lürsen verstreut die "Asche" im Sprung. Sieht schön aus, kommt gut rüber, ist in Deutschland aber in Wirklichkeit absolut verboten. "Es gilt die Bestattungspflicht. Das heißt, der Bestatter ist dafür verantwortlich, dass der Tote angemessen beerdigt wird. Deshalb würde man die Urne gar nicht erst aushändigen, auch wenn wir solche Anfragen häufiger bekommen", erklärt Ursel Stenzel-Zeller vom Bremer Bestattungsinstitut Vialdie. Wäre Inga Lürsen bloß ein paar Meter weiter mit Stedefreunds Asche aus dem Flugzeug gesprungen: "Man muss nur über die Grenze nach Holland, Frankreich oder auch in die Schweiz fahren. Dort werden Luftbestattungen zum Beispiel aus einem Heißluftballon angeboten." Deutschland hingegen legt die Regeln für Bestattungen per Gesetz wesentlich strenger aus. Und auch, wenn Bremen sich als einziges Bundesland von der Friedhofspflicht verabschiedet hat: Das Verstreuen von Asche, wie es im Film gezeigt wird, bleibt vorerst Fiktion.

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Ist Stedefreunds heißgeliebte Lederjacke zerstört?

Hauptkommissare Inga Lürsen und Stedefreund
Die Kommissare gehen, aber die Kostüme bleiben?

"Ja natürlich, sie ist blutig und zerschossen!", bestätigt Kostümbildnerin Astrid Karras den bösen Verdacht. Und das Schlimmste: "Das Theaterblut lässt sich nicht so einfach abwaschen, denn es ist ja Leder." Aber die Kostümbildnerin gibt Entwarnung für alle Fans der schicken Stedefreund-Lederjacke: Auch wenn der Bremer Ermittler nun passé ist – zumindest die Ersatzjacke hat überlebt. "Ich kaufe alles doppelt und dreifach, schon allein für Double-Szenen oder wenn zum Beispiel etwas zerschossen oder anderweitig zerstört wird. Bei einem Krimi hat man per se alles mehrfach da", erklärt Karras, die die Bremer Ermittler zuletzt ausgestattet hat – und die neben Stedefreunds Ersatz-Lederjacke natürlich auch Inga Lürsens dunkelblauen Mantel sicher verwahrt. Was mit den treuesten Kleidungsstücken der Bremer "Tatort"-Ermittler jetzt passiert, ist noch unklar. Aber wer weiß: Vielleicht dürfen sie sich neben Loriots Sofa im Radio-Bremen-Funkhaus einreihen und auch in Zukunft abseits des Bildschirms im wohlverdienten Ruhestand bewundert werden?

Mehr zum Tatort:

  • Charlotte Schumacher

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. April 2019, 19:30 Uhr