Kunst zum Ausleihen: So holen Sie sich in Bremen das Museum nach Hause

"Takeaway" geht nur beim Essen? Nein: Die Weserburg bietet während Corona Kunst zum Mitnehmen an: Für ein halbes Jahr kann man sich Bilder ausleihen – kostenlos.

Waltraud Wulff-Schwarz steht vor ihrem ausgeliehenen Bild
Bei ihrem Leih-Kunstwerk musste Waltraud Wulff-Schwarz sofort an ihren Urlaubsort Norderney denken. Bild: Privat

Noch eine kurze Unterschrift auf dem Leihvertrag und dann wird das Bild auch schon angereicht, gut verpackt in Luftschutzfolie. Sechs Monate lang wird das Kunstwerk nun die Wand von Waltraud Wulff-Schwarz und ihrem Mann schmücken. Die beiden haben sich ein Bild der Künstlerin Viktoria Binschtok ausgeliehen – aus der Bremer Weserburg. Dort läuft die Aktion "Take Away – Kunst zum Ausleihen". Waltraud Wulff-Schwarz und ihr Mann waren sofort davon begeistert.

Die Museen sind ja gerade geschlossen und mir fehlt es einfach, hier in die Weserburg zu kommen. Deshalb finde ich es total schön, dass ich mir jetzt einen Teil der Weserburg nach Hause holen kann.

Waltraud Wulff-Schwarz, Ausleiherin

Entstanden ist die Aktion in Folge der Corona-Zeit: "Während der Pandemie haben wir ja viele digitale Projekte entwickelt", sagt die Direktorin der Weserburg Janneke de Vries. Was aber fehle, sei die Direktheit: "Vor dem Kunstwerk zu stehen, sich direkt damit auseinanderzusetzen."

Zwölf Werke verschiedener Künstlerinnen und Künstlern

Und die Lust darauf scheint da zu sein: Von der großen Resonanz sei man regelrecht überrascht, sagt die Direktorin. Rund 17 Anfragen gebe es bereits. Selbst für die kommende Woche hätten sie bereits Termine zum Abholen vergeben. "Wir bieten die Takeaway-Aktion so lange an, bis alle Werke vergriffen sind. Nachproduzieren werden wir aber nicht", so de Fries.

Insgesamt zwölf Kunstwerke stehen bei der Aktion zur Auswahl. Sie stammen von Künstlerinnen und Künstlern, die mit der Weserburg verbunden sind und dort bereits Projekte hatten, darunter Horst Müller, Claudia Christoffel und Peter Piller. Die Bilder wurden bereits vor der Corona-Zeit, in Zusammenarbeit mit dem Museum, für den Verkauf produziert – in höherer Auflage: "Das heißt, kein Werk gibt es nur einmal, sondern dreimal, zum Teil auch fünf- oder sechsmal", so de Vries. Der Wert der Bilder liegt daher auch eher im niedrigstelligen Bereich: "Hier ist nichts dabei, was zum Beispiel 10.000 Euro kostet. Das würden wir dann auch nicht machen", sagt die Direktorin.

Waltraud Wulff-Schwarz nimmt ihr ausgeliehenes Bild entgegen
Übergabe in der Weserburg: Waltraud Wulff-Schwarz mit der noch verpackten Leihgabe. Bild: Radio Bremen

Versichert sind die Kunstwerke aber trotzdem: "Das läuft über die normale Haftpflichversicherung des Ausleihers, ist also ganz einfach geregelt", erklärt de Fries. Zusätzlich gebe es noch ein Zustandsprotokoll: "Das belegt, dass die Arbeit das Museum in einwandfreiem Zustand verlassen hat und wird vom Ausleiher unterschrieben." Sorgen um die Bilder macht sich die Direktorin nicht: "Wir haben ja extra nur Wandobjekte ausgewählt. So lange der Nagel in der Wand stark genug, kann eigentlich nichts passieren."

950 Euro: So viel würde das Bild kosten, das sich Waltraud Wulff-Schwarz und ihr Mann ausgesucht haben. "Sunset", zu deutsch: "Sonnenuntergang", nennt sich das Werk. Das Besondere: Den Sonnenuntergang hat die Berliner Künstlerin Viktoria Binschtok mithilfe von Farbkarten, wie es sie für Wandfarbe im Baumarkt gibt, nachgestellt. "Der Sonnenaufgang oder -untergang ist ja ein großes Thema in der Kunstgeschichte. Und mit den Farbkarten holt Binschtok dieses Thema in den Alltag", erklärt Direktorin de Vries.

Die Ausleiher entscheiden: Soll das Bild für immer bleiben?

Waltraud Wulff-Schwarz hatte bei dem Bild sofort eine ganz persönliche Assoziation: "Mich erinnert der Sonnenuntergang an Norderney. Da sind wir normalerweise sehr oft, aber gerade geht das ja wegen Corona nicht." Das Bild sei da auch eine Art Hoffnung: "Für mich ist das auch ein Sonnenaufgang. Alles ist so bunt. Das tut gerade sehr gut in diesen Zeiten, wo vieles grau ist. Mit dem Bild hole ich mir die Farbe nach Hause – und die Erinnerung."

Ob aus der temporären Leihgabe ein dauerhafter Besitz wird, können Waltraud Wulff-Schwarz und ihr Mann am Ende der sechs Monate selbst entscheiden. Die Weserburg bietet allen Ausleihern die Möglichkeit, das Kunstwerk zu kaufen – zu einem Vorzugspreis: Zehn Prozent Nachlass gewährt das Museum auf den Kaufpreis, wenn man sich das Bild vorher ausgeliehen hat. Eine Pflicht zum Kauf gebe es allerdings nicht, so Direktorin de Vries. Und: Das reine Ausleihen ist kostenlos.

Wir hoffen natürlich ein bisschen, dass sich die Leute in die Arbeiten verlieben und sie behalten möchten.

Janneke de Vries in der Weserburg
Janneke de Vries, Direktorin Weserburg

In ihre Leihgabe hat sich Waltraud Wulff-Schwarz bereits verliebt: "Ich bin total begeistert und kann mir sehr gut vorstellen, das Bild zu kaufen. Die nächsten sechs Monate spare ich auf jeden Fall. Mal schauen, ob so viel zusammenkommt."

In ihrer Wohnung habe das Bild bereits den perfekten Ort gefunden: "Es hängt jetzt direkt im Eingangsbereich und ist das Erste, was man sieht, wenn man in die Wohnung reinkommt, ein echter Hingucker", erzählt sie – und denkt bereits über eine zweite Leihgabe nach: "Platz an der Wand haben wir jedenfalls noch genug."

Museum auf Zeit: DiscART Kunstevent in der ehemaligen Coca-Cola Fabrik

Video vom 4. Dezember 2020
Eine Wand der ehemaligen Cola-Fabrik, die bunt angemalt ist.
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Heyko Habben
  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Dezember 2020, 19:30 Uhr