Wie ein Rollstuhl-Parcours der Pflege Aufmerksamkeit bringen soll

Bremens Pflegekräfte kämpfen heute beim "Walk of Care" für bessere Arbeitsbedingungen. So lustig die Aktionen auf dem Marktplatz teils sind, so ernst ist die Lage.

Eine Pflegefachkraft mit Maske, im Hintergrund ein Schild mit der Aufschrift "Es geht auch um Eure Gesundheit"
Am Tag der Pflege gehen deutschlandweit Pflegekräfte auf die Straße, um sich für ihre Belange einzusetzen.(Symbolbild) Bild: DPA | Ole Spata

Sie wurden als Helden gefeiert. Und dabei auch angeprangert, unter welchen schlechten Arbeitsbedingungen Pflegekräfte ihren Job verrichten. Daran erinnert heute deutschlandweit der "Walk of care", dessen Bremer Ableger ab 16 Uhr eine corona-konforme Demonstration auf dem Bremer Marktplatz abhalten wird. Um dort teils auch augenzwinkernd auf die Misere hinzuweisen.

Wer sich traut, kann sich zum Beispiel von Pflege-Azubis und -Studierenden in einem Rollstuhl durch einen Hindernisparcours um Infusionsständer herum schieben lassen – und am Ende erleben, wie viel Papierkram Pflegende nach der eigentlichen Arbeit noch erledigen müssen. Das Ganze findet unabhängig vom Wetter statt. Denn schließlich arbeiten Pflegekräfte auch sonst manchmal unter widrigen Umständen.

Hoffnung auf bessere Bedingungen für den Nachwuchs

Die Arbeitsbelastung in dem Beruf bleibt hoch – und das ist auch Berufsneulingen bewusst. Sie entscheiden sich oft mit viel Idealismus für die Laufbahn als Pflegekraft. Der Dienst am Menschen – und was man zurückbekommt – steht auch für Joanna Hezel im Fokus: Vor einem Jahr startete die 22-Jährige ihre Ausbildung als Pflegefachkraft, mitten im ersten Lockdown.

Ich habe mich dafür entschieden, weil ich gern mit Menschen arbeite. Keiner wird freiwillig krank, und wenn jemand in einer unangenehmen Lage im Krankenhaus ist, möchte ich diejenige sein, die ihm ein gutes Gefühl und Sicherheit gibt.

Joanna Hezel, Auszubildende zur Pflege-Fachkraft

Im Sommer 2020 sagte sie uns: "Ich habe mich dafür entschieden, weil ich gern mit Menschen arbeite. Keiner wird freiwillig krank, und wenn jemand in einer unangenehmen Lage im Krankenhaus ist, möchte ich diejenige sein, die ihm ein gutes Gefühl und Sicherheit gibt."

Ein Jahr nach Beginn ihrer Ausbildung ist Hezel trotz Pandemie noch zufrieden mit ihrer Wahl. Mittlerweile ist sie durchgeimpft – und erleichtert darüber. Auch deshalb sagt sie, es habe sich eigentlich nichts geändert für sie. Die Konfrontation mit der Praxis habe ihre Entscheidung für den Pflege-Beruf nur bestätigt.

Bremer Studiengang für eine Akademisierung der Pflege

Mit dabei beim "Walk of Care" auf dem Marktplatz sind auch Lehrende und Studierende des Fachs "Internationale Pflege" der Hochschule Bremen. Der Studiengang vereint die Ausbildung zur Pflege-Fachkraft mit einem Studium, das akademische Grundtechniken vermittelt. Noch gibt es keine Absolventen, der älteste Jahrgang ist zurzeit im vierten Semester.

Claudia Stolle ist Professorin im Studiengang. Sie sagt: "Wir bilden nicht für den Schreibtisch aus." Die Absolventen sollen die Pflege akademisieren und trotzdem später regulär in der Pflege arbeiten. Sie sollen außerdem Aufgaben übernehmen, die zurzeit in Deutschland noch wenig ausgeprägt sind. Mögliche Einsatzfelder: die Qualitätssicherung in der Pflege umzusetzen oder neueste Forschungsergebnisse im Alltagsgeschäft unterzubringen. Stolle hofft auch, dass sich so die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte insgesamt verbessern.

Stolles Studierenden haben schon vor dem eigentlichen Tag der Pflege auf Facebook und Instagram mobil gemacht und regelmäßig Statements veröffentlicht. Das Thema: "Pflegende sind entscheidend, weil..."

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Am Tag der Pflege beteiligen sich die Studierenden der Internationalen Pflege auch an den Aktionen am Marktplatz. Für sie ist es auch eine Möglichkeit, trotz Corona etwas Studentenleben zu genießen, hofft Professorin Stolle. Die jungen Leute sehen ihre Beteiligung aber durchaus politisch.

Lena Schlömer ist Studentin im vierten Semester und sagt: "Ich möchte, dass sich die Pflege in Deutschland ändert. Ich wünsche mir, dass Deutschland sich an internationale Standards anpasst und die Pflege dadurch besser wird. Die Beteiligung am "Walk of Care" ist für mich deshalb wichtig, um damit auch berufspolitischen Leuten einen Anstoß zu geben, damit die auch sagen: 'So geht das hier nicht weiter!'"

Ich möchte, dass sich die Pflege in Deutschland ändert. Ich wünsche mir, dass Deutschland sich an internationale Standards anpasst und die Pflege dadurch besser wird.

Lena Schlömer, Studentin im Fach Internationale Pflege

Auch Nicht-Politiker seien aber willkommen, sich die Aktionen anzusehen, mitzumachen – und Fragen zu stellen. "Wir sind da, um gesehen zu werden – und wir wollen jeden ermutigen, sich das anzuschauen. Wir sind für alles offen – und wir haben genauso Redebedarf", sagt Pia Geuenich stellvertretend für alle.

Gerade machten ausnahmsweise erfreuliche Nachrichten die Runde: In der Pandemie haben Krankenhäuser offenbar zusätzliche Pflegekräfte eingestellt. Wie das "Redaktionsnetzwerk Deutschland" berichtet, arbeiteten im Oktober 2020 18.500 Pflegekräfte mehr in deutschen Krankenhäusern als noch 2019.

Rückblick: Studie sagt, Ex-Pflegekräfte wollen zurück – unter Bedingungen

Video vom 15. November 2020
Eine Hand in blauen Handschuhe an einem medizinischen Gerät.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Die Vier am Morgen, 12. Mai 2021, 8:40 Uhr