Prüfungs-Chaos während Corona: Bremer Studierende sind überfordert

An der Uni und den Hochschulen im Land Bremen ist der Alltag durch Corona ein anderer. Das betrifft auch Prüfungen – viele sind jetzt digital. Obwohl dies kaum möglich ist.

Eine Studentin im Home-Office schaut verzweifelt und erschöpft auf ihren Laptop
Besonders zum Ende des Semesters fällt auf, wie schwierig es in einigen Bereichen ist, auf die Präsenz in der Universität zu verzichten. (Symbolbild) Bild: DPA | Franziska Gabbert

Prüfungsstress zum Ende des Semesters – den kennt jeder, der selbst einmal an der Uni oder Hochschule war. Und in Zeiten von Corona wird es nicht einfacher: Viele Klausuren werden jetzt spontan ins Netz verlegt – zum Teil auch solche, bei denen es eigentlich nicht sinnvoll ist. Die Studierenden haben zwar Verständnis dafür, machen sich aber trotzdem Sorgen. Wir haben mit drei von ihnen gesprochen.

Konzertprüfungen sind online kaum möglich

Nils erinnert sich noch gut an seine letzte Prüfung, die halb in Präsenz und halb online stattgefunden hat. Die ist erst wenige Tage her. Nils studiert an der Hochschule für Künste in Bremen Jazzklavier. Für sein Nebenfach musste er eine Prüfung in klassischer Musik ablegen – also fuhr Nils zur Hochschule, setzte sich mit seinem Nebenfachlehrer in einen Konzertsaal und spielte sein vorbereitetes Stück an einem Steinway-Flügel. Neben seinem Lehrer stand ein Laptop. Und der zweite Prüfer sollte Nils Vorspiel per Internet-Liveschalte bewerten.

Die Diskrepanz von der Audio-Qualität und dem Instrument ist sehr groß. Wozu spiele ich auf einem Steinway-Flügel, damit es aufgezeichnet wird und in räudiger Qualität an irgendwelche Leute geht, die es dann bewerten sollen? Katastrophe! Es geht bei klassischer Musik um Nuancen und super Feinheiten. Die werden in jeder Übertragung völlig weggecuttet, wenn es nicht sogar stockt.

Nils, Student für Jazzklavier an der Hochschule für Künste in Bremen
Ein junger Mann mit blauer Mütze schaut frontal in die Kamera.
Nils fehlt der Austausch mit anderen Studierenden und Musikern. Gerade im Jazz sei der unersetzlich. Bild: Radio Bremen

Immerhin spielt Nils ein Instrument, auf dem er auch zuhause üben kann, weil er ein E-Piano hat. Da ist die Lage seiner Kommilitonen und Kommilitoninnen, die Schlagzeug oder Kontrabass spielen, schon anders. "Die sind ja akustisch schon auffällig für die Nachbarschaft", sagt er. Natürlich macht es auf seinem E-Piano nicht so viel Spaß zu üben, aber es ginge schon. Und Nils hat Glück: Er darf in die Hochschule, um dort auf dem Steinway-Flügel zu spielen. Jedoch nur, weil er Ende des Semesters seine Prüfungen ablegt. "Leute, die keine Prüfung ablegen müssen, können gar nicht in die Hochschule. Das finde ich ziemlich hart", erzählt er.

Aber auch für diejenigen, die ihren Abschluss eigentlich in diesem Semester angestrebt haben, ist es schwer. Für ihren Bachelor-Abschluss bereiten die Studierenden normalerweise Stücke für eine Big-Band vor. Jetzt dürfen sie maximal ein Trio einplanen. Viele würden ihre Abschlussprüfung deshalb lieber verschieben. Der Frust unter seinen Kommilitonen sei groß. Der Austausch fehle. Dabei basiere Jazz auf Zusammenspiel: "Vieles lerne ich nur, wenn ich mit anderen zusammenspiele. Mein Hauptfachlehrer sagte kürzlich zu mir: 'Hey, ich glaube, du musst mal mehr mit Saxophonisten zusammenspielen.' Jo, aber wie aktuell?"

Lehrende geben sich viel Mühe – schwierig bleibt es trotzdem

Doch nicht nur für Nils ist das Studium derzeit frustrierend. Auch in anderen Fächern kämpfen viele Studierende mit mangelnder Motivation und chaotischen Prüfungssituationen.

Eine junge Frau schaut frontal in die Kamera.
Celine hofft, dass die Hochschulen und Unis künftig nicht ganz so lange warten, bis sie sich eine Alternative für die Präsenzprüfungen überlegen. Bild: Radio Bremen

Celine studiert Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Hochschule in Bremerhaven. Wegen der Corona-Ausbrüche in Bremerhaven konnten die Prüfungen in Präsenz nicht mehr stattfinden, da auch einige Studierende betroffen waren. "Das ist ja auch verständlich", sagt Celine. Wofür sie weniger Verständnis hat: "Erst vier Tage vor der Prüfung wurde die Klausurform dann geändert." Erst einen Tag vor der Prüfung erfuhr sie, wann und in welcher Gruppe die mündliche Prüfung stattfindet. "Das war natürlich sehr sportlich, aber man muss schon sagen, dass sich die Lehrenden sehr bemüht haben", sagt die 26-Jährige. Ihrer Meinung nach wurde zu lange gehofft, dass die Prüfungen in Präsenz stattfinden. Und entsprechend war keiner richtig darauf vorbereitet, als es doch anders kam.

Trotzdem rät sie allen, die in diesen Pandemiezeiten an Universität oder Hochschule ein Studium starten wollen, das auf jeden Fall zu tun.

Wenn du wirklich studieren willst, warum sollte Corona dich dann abhalten?

Celine, BWL-Studentin an der Hochschule Bremerhaven

Viele Studierende fühlen sich überfordert

Noch ein wenig chaotischer als bei Celine lief der Beginn der Prüfungsphase bei Kristina. Sie ist ebenfalls BWL-Studentin, aber an der Universität Bremen. "Wir haben vor ein paar Tagen eine Mail bekommen, dass die Klausuren in den April geschoben werden. Da haben wir uns gefreut – mehr Zeit zum Lernen", erzählt sie. Doch dann kam kurze Zeit später wieder eine Mail mit der Ankündigung dass es jetzt sogenannte Open-Book-Klausuren werden – und zwar wie geplant Anfang März. Die Studierenden fühlten sich überfordert, sagt Kristina.

Ich weiß nicht, ob ich die bestehen werde und mache mir Sorgen. Aber gut, die Situation gibt es nicht anders her.

Kristina, BWL-Studentin an der Universität Bremen
Eine Studentin schaut frontal in die Kamera.
An der Universität Bremen sind laut Kristina viele Studenten doch sehr verunsichert. Bild: Radio Bremen

Bei Open-Book-Klausuren im Onlineformat dürfen die Studenten und Studentinnen zuhause alle Unterlagen und hilfsmittel verwenden – was erst einmal so klingt, als sei das keine echte Prüfung. "Aber in sechs Minuten kann man nicht das ganze Buch durchsuchen. Und pro Aufgabe haben wir halt sechs Minuten Zeit", erklärt Kristina. Außerdem dürfen die Studenten nicht zwischen den Aufgaben hin und herspringen. Das würde die Klausur ihrer Meinung nach eher schwerer als leichter machen. Und dann wäre da ja noch das Internet. Das sei bei ihr zuhause nicht sonderlich gut.

Wenn ich eine Klausur nicht bestehe, weil mein Internet zu schlecht ist, dann wäre das wirklich sehr ätzend. Ich werde die Klausuren also vermutlich in der Firma schreiben, in der ich jobbe und wo das Internet stabiler ist.

Kristina, BWL-Studentin an der Universität Bremen

Was ihre Zukunft angeht, versucht Kristina sich nicht zu viele Sorgen zu machen. Zwar hänge sie "ziemlich in der Luft" und wisse oft nicht, wie es weitergehen soll. Aber Corona helfe ihr trotzdem in gewisser Weise am Studium dran zubleiben. "Ich würde aktuell ja vermutlich eh keinen Job finden. Deshalb bleibe ich lieber an der Uni", sagt sie.

Rückblick: Was erwartet Studierende und Universität im Corona-Wintersemester?

Video vom 25. Oktober 2020
Thomas Hoffmeister, Konrektor für Lehre und Studium an der Uni Bremen, zu Gast bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Lina Brunnée Redakteurin und Autorin
  • Sophie Labitzke

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, Next am Morgen, 25. Februar 2021, 6:50 Uhr