Ein Bremer Spielsüchtiger erzählt: "Ich hatte keine Freunde, nichts"

Video vom 25. Juni 2021
Porträtfoto von André Knobloch vor dem Casino Bremen an der Schlachte
André Knobloch steht vor dem Casino Bremen an der Schlachte. Spielen darf er dort nicht mehr, nachdem er sich freiwillig ein Eintrittsverbot erteilt hat. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß
Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

Der Bremer André Knobloch ist glücksspielsüchtig. Die Folgen seiner Krankheit brachten ihn 2018 in Haft – seine Schulden zahlt er bis heute ab. Dies ist seine Geschichte.

Begänne diese Geschichte im Mai dieses Jahres, sie würde sich wohl so lesen. Der 33-jährige André Knobloch ist Junggeselle, frisch verliebt, denkt sogar über Familie und Kinder nach. Kommende Woche will er in ein Appartement in Bremen-Lesum umziehen. In seiner Freizeit steht er im Tor der vierten Herren der SG Findorff. "Fußball ist meine neue Leidenschaft", sagt er und lächelt. "Das habe ich wohl von meinem Vater geerbt."

Leider beginnt diese Geschichte anders – im Jahr 1988. Schon der Start ins Leben lief für André Knobloch nicht gut. Ärzte diagnostizierten ein Nierenleiden, Sozialtherapeuten und Psychologen attestierten ihm mangelnde Beschulbarkeit. Als Jugendlicher wuchs er in verschiedensten Heimen auf und flog von zahlreichen Schulen.

Mit zwei Euro zum Hauptgewinn

"Meine Mutter trank leider immer viel Alkohol", sagt Knobloch. Sein Vater starb 2004. Er war nicht nur Fußballer, sondern auch Boxer. "Da blieb leider auch ein bisschen die Aggression hängen", sagt der 33-Jährige rückblickend. "Wenn mir Sachen nicht gepasst haben, bin ich früher schnell ausgerastet." Als ein Heimbewohner ein Auto hatte und er nicht, zerkratzte er es einfach mit einem Schraubenzieher. So flog er aus dem nächsten Heim, wurde sogar kurz obdachlos.

Ein rechtlicher Betreuer, 60 Euro Taschengeld in der Woche und ein Platz in einer Werkstatt zur Ausbildungsvorbereitung sollten ihn fit für Leben und einen Beruf machen. Doch der 18-Jährige vertrieb sich die Zeit lieber in Internetcafés. Eines Tages landete er dabei in einer Spielothek im Bremer Hauptbahnhof. Das Surfen im Internet kostete da zwar das doppelte. "Aber irgendwie hat mich das auch gereizt", sagt Knobloch, der dann sah, wie andere Gäste die Spielautomaten bedienten. Neugierig kramte er irgendwann selbst zwei Euro aus der Tasche und warf sie in den Automatenschlitz. "Gleich nach der zweiten Drehung sind Freispiele gekommen. Dann verdoppelte sich das mit dem Multiplikator um drei. Dann hatte ich vier Könige. Und plötzlich hatte ich 778 Euro zusammen – auf einen Schlag!"

Einfach irgendwelche Knöpfe gedrückt

Auf einmal habe es überall am Automaten geklingelt. "Das war wie ein Kick!", sagt Knobloch, der einfach irgendwelche Knöpfe gedrückt hatte. Ein Mann neben ihm, der an mehreren Automaten spielte, sagte daraufhin zu ihm: "Du weißt schon, dass du gerade auf 50 Cent Freispiele hast? Das ist ganz schön viel!" Der Mann am Nachbarautomat stellte sich als Thomas (Name von der Redaktion geändert) vor. Und er erklärte ihm, was gerade passiert war.

"Ich hatte keine Freunde, nichts", sagt André Knobloch. Und da waren nun diese Menschen, die sich untereinander verstanden und mit denen man reden konnte, wenn der Automat mal eine Pause machte.

Wenn ich heute darüber nachdenke, warum ich das gemacht habe, dann war es wohl vor allem die Einsamkeit, die da vorher war.

André Knobloch

Knobloch, der sonst nichts zu tun hatte, begann schließlich damit, seinen neuen Bekannten Thomas beim Ausliefern von Päckchen für einen großen Paketdienst zu begleiten. War eine Tour mal schneller vorbei, hieß es dann oft nur: "Wollen wir einen Kaffee trinken gehen?" Und beide verbrachten ein oder zwei Stunden in der Spielhalle.

"So hat es langsam angefangen", sagt Knobloch. Und bald gab es kein Halten mehr. "Am Freitag habe ich mir meine 60 Euro abgeholt, dann aus der Tür raus, nächste Tür rein, und das Geld war weg." Knapp zwanzig Jahre alt, wusste er schließlich nicht mal mehr, wovon er sich Essen und Trinken kaufen sollte.

Inkassobriefe und Mahnbescheide blieben ungeöffnet

Eine Mitarbeiterin einer Merkur-Spielhalle in Düsseldorf sitzt an einem Spielautomaten.
In Spielhallen wie dieser verbrachte André Knobloch seine Zeit und verlor sein Geld. (Symbolbild) Bild: DPA | picture alliance / dpa | Federico Gambarini

Statt Bargeld, nutzte er an der Kasse irgendwann einfach eine EC-Karte. "Damals konnte man noch bis 150 Euro ohne Personalausweis mit Unterschrift bezahlen", sagt Knobloch. Als das funktionierte, begann er auch Zigarettenstangen zu kaufen, die er danach gegen Bargeld verhökerte. Inkassobriefe, Mahnbescheide und Schufaschreiben öffnete er einfach nicht.

"Ich habe immer irgendetwas hingekriegt, immer", sagt er. Sein nächster Weg, an Geld zu kommen: Er schloss über Wochen und Monate 180 Abos des Bezahlsenders Premiere ab, heute "Sky". Ein Verkäufer im Laden habe ihm diese verkauft und dabei seinen Namen immer wieder ein bisschen gedreht – Knobloch, Knoblauch, Knobel und so weiter. Die Decoder, die ihm mit jedem Abo nachhause geschickt wurden, verkaufte er dann zum Beispiel in türkischen Cafés.

Drei Jahre Haft und 17.000 Euro Schulden

Als die Sache aufflog, erwiesen sich die abgeschlossenen Abos als ungültig. Denn Knobloch hätte sie nie abschließen dürfen, ohne dass sein rechtlicher Betreuer ebenfalls unterschrieb.

Was blieb, war eine Bewährungsstrafe für den Täter. Um sich seine Spielsucht zu finanzieren, machte der jedoch nahtlos weiter. Sein nächster Trick: Er schloss Handyverträge mit den anderen Heimbewohnern ab und verkaufte die Handys. Die Verträge würden im Nachhinein ebenso null und nichtig sein wie die TV-Abos, so seine Logik. "Und der Ärger war mir egal", sagt Knobloch.

Als auch dieser Betrug aufflog, hatten die Richter kein Erbarmen mehr. "Beschaffungskriminalität mit Handy-Verträgen und EC-Karten – dazu noch ein paar andere Kleinigkeiten", erinnert sich Knobloch. Am Ende standen rund 17.000 Euro Schulden und drei Jahre und ein Monat Haft. Im August 2018 kam er in die JVA in Bremen-Oslebshausen.

Dass ich glücksspielsüchtig bin, wurde mir selbst eigentlich erst im Gefängnis klar.

André Knobloch

"Vier Wände. Du denkst: scheiße. Willst du, wenn du mal Freundin oder Kinder hast, dass sie dich hinter den Mauern besuchen?" Nein, das wollte er nicht. So suchte er aus der Haft heraus Hilfe – und fand sie bei der Fachstelle Glücksspielsucht in Bremen. Gemeinsam mit seiner dortigen Betreuerin begannen die Vorbereitungen Knoblochs auf die Zeit nach der Haft. Da er seit 2011 wegen seiner Nieren auf Dialyse angewiesen ist, war der Plan: tagsüber Therapie, abends Dialyse.

Am 7. Dezember 2020 durfte er das Gefängnis vorzeitig verlassen. Zehn Tage später begann er die 16-wöchige, stationäre Therapie. Seit Mai ist Knobloch nun in der ambulanten Nachsorge. "Rückfälle sind immer möglich", sagt er. "Wichtig ist nur, dass man nicht wieder in diesen Teufelskreis reinkommt." Nicht allein zu sein, sei wichtig. Auf seinem Smartphone sind daher auch die Notfallnummern seiner Beraterinnen und Betreuer gespeichert.

Neuer Glücksspielstaatsvertrag erleichtert Sperrungen

Der neue Glücksspielstaatsvertrag, der ab Juli in Kraft trete, helfe ebenfalls. Denn er erlaube ihm, sich als Spieler deutschlandweit sperren zu lassen. "Das haben ich und die Anderen aus meiner Therapiegruppe gemeinsam getan", sagt Knobloch. Selbst wenn das Verlangen zu spielen inzwischen weg sei.

Auch der Umgang mit Geld sei für ihn heute ein anderer. Früher sei er aggressiv gewesen, wenn er aus der Halle gekommen sei und ihn jemand fragte, ob er vielleicht 50 Cent übrig habe. "Damals habe ich dann gesagt: Komm, verpiss dich, geh arbeiten, ich hab selber nix." Heute freue er sich darüber, wenn er einer Obdachlosen mal eine kühle Flasche Wasser aus dem Rewe mitbringen könne. "Ich kenne ja deren Situation", sagt er.

330 Euro monatlich bleiben zum Leben

André Knobloch stehen heute 468 Euro im Monat an Geld zu. Das ist der Sozialhilfesatz und ein kleiner Aufschlag aufgrund seiner Dialyse. Zum Leben hat er allerdings weniger. Abzüglich der Geldstrafen, die er noch zahlen muss, bleiben ihm rund 330 Euro.

"Damit komme ich aber klar", sagt er. Seine Sucht heute seien Energy-Drinks. "Und wenn ich jetzt am Bahnhof bin und sehe, dass da eine Dose Red Bull zwei Euro kostet, sage ich mir einfach: Scheißegal, die kauf' ich mir!"

Neuer Glücksspielstaatsvertrag: Doppelmoral des Staates?

Audio vom 22. Juni 2021
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  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Juni 2021, 19:30 Uhr