Kommentar

Zurück aufs Land? Niemals!

Diese Woche haben wir uns mit dem Bremer Speckgürtel beschäftigt. Unser Autor kennt das Leben auf dem Land. Zurück möchte er nicht. Er meint: Pendeln ist verschenkte Lebenszeit.

Ortsschild mit der Aufschrift Stadleben und darunter ein durchgestrichenes Landleben.

"Oh! Bemerkt ihr die schöne Landluft?", fragt unsere Lehrerin einst in der Grundschule. Ja, tun wir. Es stinkt nach Gülle, denke ich und verstehe schon damals die Romantisierung des Ganzen nicht. Wenn ich heute aus Bremen wieder aufs Land fahre, um meine Familie zu besuchen, dann muss ich oft an diesen Moment denken. Schöne Landluft. Pah! Sobald ich einen gewissen Radius um mein Heimatdorf erreicht habe, kriecht sie mir wieder in die Nase, diese "schöne Landluft". Ich bin ein Stadtmensch geworden.

Zwar stinkt es auch in Bremen hin und wieder. Nach Abgasen oder durch einige verbliebene Bauern im Stadtgebiet zum Teil sogar recht ländlich. Aber das ist kein Vergleich mit der ewig präsenten Dunstglocke aus Silage-Duft und anderem Odeur, die manche Landbewohner zu ertragen haben. Kotze lieber als Kuhmist sozusagen.

Raus aus der Gemeinschaft, rein in die Freiheit

Aber der Zusammenhalt der Menschen auf dem Dorf sei doch viel besser, sagen viele Verfechter des Landlebens. Ja, jeder kennt jeden. Jeder grüßt jeden. Und jeder weiß auch so ziemlich alles über jeden. Ich habe die Anonymität der Stadt zu schätzen gelernt. Freunde und nette Menschen findet man auch hier zu Hauf. Und lebt ohne die Enge der dörflichen Gemeinschaft, aus deren Deutungshoheit auszubrechen schwer fällt. Wer etwas aus der Reihe tanzt, sich mit dem Kola-Korn-Gelage auf dem Schützenfest nicht so recht anfreunden kann, wird schnell abgestempelt: "Bisschen seltsam ist der ja schon." Und wer von außerhalb kommt, hat es schwer, überhaupt in der Dorfgemeinschaft akzeptiert zu werden. Manche Bekannte in meinem Dorf wohnen seit mehr als 30 Jahren in dem Ort. Aber im Neubaugebiet. Zugezogene.

Da kann man in der Stadt doch ganz anders leben. Hier erfährt es auch nicht gleich das ganze Umfeld, wenn man in der Drogerie einen Schwangerschaftstest für die Freundin einkauft. Auf dem Land fährt man für manche Besorgungen besser etwas weiter.

Ohne Auto sitzt man fest

Eine grüne Sitzbank
Aus der Not eine Tugend: Mitfahrerbänke verhelfen zu Mobilität, wenn der ÖPNV nur spärlich ausgebaut ist.

Doch was soll man machen? Man arrangiert sich. Weg kommt man als Jugendlicher aus vielen kleinen Dörfern ja leider kaum. Wenn der erste Bekannte aus dem Freundeskreis ein Auto hat, wird die kleine Welt plötzlich groß. Denn der ÖPNV ist zwar vorhanden. Aber in manchen Orten kommt der Bus nur zweimal am Tag. Morgens und abends. Schön, dass die Einwohner sich zu helfen wissen und in immer mehr Orten Mitfahrerbänke aufgestellt haben. Aber ich springe lieber in die Straßenbahn, schnappe mir ein Leihfahrrad oder miete ein Car-Sharing-Auto, um zum Einkaufen zu fahren. Statt auf einer Bank auf die Gunst der vorbeifahrenden Autofahrer angewiesen zu sein. Ohne Auto ist man auf dem Land eben oft aufgeschmissen.

Ich bemitleide in diesem Zusammenhang regelmäßig Pendler aus meinem Freundeskreis. Jeden Tag 45 Minuten zur Arbeit fahren, dann 45 Minuten zurück, das sind für mich jeden Tag eineinhalb Stunden verschenkte Lebenszeit. Wenn man das mal hochrechnet! Klar, das kann auch in der Stadt passieren. Aber in der Regel ist man hier doch schneller. Gerade mit dem Fahrrad in Bremen.

Noch mal schnell ins Konzert

Orchester in der Glocke
Hochkultur wie bei Konzerten in der Bremer Glocke findet sich auf dem Dorf kaum.

Es ist eben alles etwas dichter dran und erlaubt dadurch auch mehr Spontanität in der Stadt. Erst recht, wenn es um die Kultur geht. Die Welt jenseits von Posaunenchor, Zeltdisco und Landjugend, kannte ich vor meinem Auszug in die Metropole kaum. Manche Daheimgebliebene sind bis heute nicht darüber hinaus gekommen. Aber Konzerte in der Glocke zu besuchen, schnell noch ins Programmkino zu gehen oder im Sommer Freiluftpartys zu feiern – all das will ich heute nicht mehr missen. Dafür nehme ich gern den städtischen Verkehrslärm und den zugegebenermaßen manchmal etwas ruppigen Umgangston mancher Mitbürger in Kauf.

Dafür trifft man Menschen aber auch noch abends auf der Straße. Das Leben pulsiert, sage ich, zu viel Trubel, sagen manche meiner alten Freunde. Es ist wohl eine Geschmacks-, vielleicht eine Charakterfrage. Zum Glück gibt es beide Welten. Ich freue mich, dass ich beide kennengelernt habe und auswählen konnte.

buten un binnen-Wochenserie

  • Bastian Mojen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. März 2019, 19.30 Uhr