Nach Skiurlaub Corona: Zwei Bremer erzählen ihre Geschichte

Überfordertes Klinikpersonal, gute medizinische Betreuung und ganz unterschiedliche Krankheitsverläufe: So haben zwei Radio-Bremen-Mitarbeiter ihre Corona-Erkrankung erlebt.

Video vom 9. April 2020
Familienvater mit seinen zwei Kindern auf der Couch
Inzwischen ist der böse Corona-Spuck vorbei, sitzt der Familie aber noch in den Knochen.

Wie ist es, Corona zu haben? Wie wurde es bemerkt? Was waren die ersten Anzeichen? Wie lange ging die Erkrankung? Fragen, die die oft zu hören bekommen, die es "hinter sich haben". In Bremen sind offiziell 451 Personen an Corona erkrankt (Stand 9. April) und rund 211 wieder genesen. Zwei davon arbeiten bei Radio Bremen und erzählen, wie sie die Krankheit erlebt und überstanden haben.

Im Ski-Urlaub angesteckt

Beide fuhren am 7. März in den Ski-Urlaub. Sportredakteur Axel Pusitzky gemeinsam mit seiner Frau nach Ischgl, Regionalreporter Jens Otto mit seiner Familie in das Zillertal. So ähnlich die Geschichten beginnen, so verschieden ist der weitere Verlauf.

Schon während des Urlaubs hat Pusitzkys Frau erste Symptome: Halsschmerzen. "Wir dachten, das läge daran, dass wir mit offenem Fenster geschlafen haben." Ihn spricht jemand an, ob er schon von der Corona-Ausbreitung in Ischgl gehört habe. Ein Barkeeper in der Après-Ski-Bar "Kitzloch" sei positiv auf das Virus getestet worden. Als das Ehepaar an der Bar vorbeiläuft, sieht es, dass sie geschlossen hat. "Ab da ging es rasend schnell." Einen Tag später steht bereits an den Gondeln, dass nur noch vier statt 25 Menschen mitfahren dürfen. Dann heißt es, der Skibetrieb sei zum Wochenende eingestellt. Kurz darauf wird die Regelung sogar auf ganz Tirol ausgeweitet.

Erste Symptome: Fieber, Lungen- und Gliederschmerzen

Sie reisen einen Tag früher als geplant nach Hause. "Auf der Rückfahrt bekamen wir die Info von einem Bekannten, der vier Tage mit uns Ski gefahren war, dass sein Test positiv ausgefallen sei. Ab diesem Zeitpunkt galten wir als Kontaktperson und begaben uns in Quarantäne", erzählt Pusitzky. Bereits einen Tag später, am 14. März, bemerkt er erste Symptome bei sich: Fieber, Lungen- und Gliederschmerzen. Er fühlt sich matt, verliert den Appetit. "Ohne Paracetamol ging das gar nicht mehr. Ich hatte dauerhaft eine Temperatur zwischen 38,5 und 39,5 Grad", erzählt er.

"Mörder-Schlange" beim Corona-Test

Als sich das Ehepaar Pusitzky schließlich am 16. März im Klinikum Mitte testen lassen will, ist bereits um halb acht eine "Mörder-Schlange" vor dem Gebäude. Keiner hält sich an den Sicherheitsabstand.

Wenn die Menschen nicht vorher krank waren, dann sind sie es da geworden.

Axel Pusitzky, Radio Bremen Sportredakteur

Nach drei Stunden darf das Paar endlich ins Gebäude. Dort herrscht nach seiner Beschreibung "Chaos". Erst beim Arzt fühlt sich Pusitzky gut aufgehoben. Das Paar macht den Test, doch auf das Ergebnis wird es lange warten müssen.

Axel Pusitzky ist 56 Jahre alt, ist sportlich aktiv und nach eigener Aussage durchaus robust. Aber das Virus streckt ihn nieder: Nach knapp einer Woche geht es ihm so schlecht, dass er auf Rat eines Arztes ins Krankenhaus geht. "Allerdings war das ziemlich schwierig. Bei der kassenärztlichen Vereinigung waren alle Leitungen besetzt, wir haben keinen Krankenwagen bekommen." Vor der Klinik muss er eine halbe Stunde in der Kälte warten, bis eine vollmaskierte Ärztin kommt, ihn kurz untersucht und an die Isolierstation verweist. Den Weg dorthin muss er alleine finden. Ohne Gesichtsmaske, ohne Handschuhe. "Die Aufnahmeprozedur war gefühlt eher widerwillig. Ich wies darauf hin, dass die Ärztin mich hierher geschickt habe. Davon wusste man nichts", erzählt der Sportredakteur.

Testergebnis erst nach einer Woche

Familienvater mit seinen zwei Kindern auf der Couch
Inzwischen ist der böse Corona-Spuk vorbei, sitzt der Familie aber noch in den Knochen.

Erst im Krankenhaus erfährt er sein Testergebnis: Es ist positiv. Fast eine Woche ist seit dem Test vergangen. Als man bei ihm Fieber messen will, wird festgestellt, dass das Thermometer kaputt ist. Das zweite misst einen Wert von 36,8. "Ich wusste, das konnte nicht stimmen." Er behält recht: Nach drei Stunden bekommt er fiebersenkende Mittel. Auf der Röntgenaufnahme ist zwar eine Verklebung erkennbar, aber die Lunge ist voll funktionsfähig. Ab da bekommt Pusitzky ein Antibiotikum. Obwohl es ihm in den Folgetagen schlechter als bei der Einlieferung geht, bittet er seine Frau, ihn wieder abzuholen. "Aber ich habe mich einfach nicht gut versorgt gefühlt." Ab da kuriert er sich zuhause aus. Mit viel Paracetamol.

Ab diesem Zeitpunkt kam mein Körper zur Ruhe.

Axel Pusitzky, Radio Bremen Sportredakteur
Familie Pusitzky
Nach einem Monat wieder vereint: Familie Pusitzky Bild: Axel Pusitzky

Am 28. März setzt Pusitzky die fiebersenkenden Tabletten ab und bleibt fieberfrei. Ganz fit ist er heute noch immer nicht. Zwar hat er keine Symptome mehr, jedoch ist er noch immer geschwächt. Und auch gewichtsmäßig ist er weit entfernt von seinem Normalgewicht von 73 Kilo. Der niedrigste Wert während der Erkrankung waren 67 Kilo. "Ich bin jetzt einfach jeden Tag dankbar, dass ich wieder in den Garten gehen und mit meiner Familie grillen kann". Seit Montag ist die Familie wieder vereint. Nach Ostern will Pusitzky versuchen, wieder zu arbeiten.

Der Schreck sitzt ihm und seiner Familie doppelt in den Knochen: Denn nicht nur er und seine Frau waren an Corona erkrankt, zwischenzeitlich war auch sein Sohn ins Krankenhaus gekommen mit Covid19. Er und seine Schwester waren während des Ski-Urlaubs der Eltern bei ihren Großeltern zu Besuch und blieben dort auch während der Quarantäne-Zeit der Eltern – hatten nur über Facetime mit ihnen Kontakt. Wo sich der Junge angesteckt hat, ist unklar. Glück im Unglück: Schwester und Großeltern haben sich nicht infiziert.

Gesundheitsamt erkundigt sich nach Erkranktem

Bärtiger Mann sitzt am Laptop vor Schallplattenregal
Jens Ottos Wohnung: Erst Ort der Quaratäne, dann Krankenlager, jetzt Arbeitsplatz. Bild: Jens Otto

Eine ganz andere Geschichte erzählt Jens Otto. Während des Urlaubs im Zillertal habe man nichts von der Ausbreitung des Virus bemerkt. Doch schnell ist ihm klar, dass er ein Sicherheitsrisiko als Urlaubsheimkehrer sein könnte: "Sicherheitshalber haben meine Freundin und ich uns von der Autobahn direkt in Quarantäne begeben", erzählt der 36-Jährige. Am 18. März spürt auch er ein erstes Kratzen im Hals, bekommt Schüttelfrost. Einen Tag später kommt Fieber, Husten und Schnupfen hinzu. Otto lässt sich direkt im Klinikum Mitte bei der Ambulanz testen. Dabei macht er ganz andere Erfahrungen als Pusitzky: "Das war ganz easy." Der Test habe keine zehn Minuten gedauert, er sei der einzige Patient gewesen. Die Sicherheitsvorkehrungen beschreibt er als umfassend: Er habe sich sechs oder sieben Mal die Hände desinfizieren und eine Gesichtsmaske aufziehen müssen. Um ihn herum seien alle in Schutzkleidung gewesen. Und schon am selben Abend erhält er das Test-Ergebnis: positiv.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Twitter anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Schon am nächsten Tag meldet sich das Gesundheitsamt bei ihm, erklärt, was er in der Quarantäne beachten müsse und beantwortet seine Fragen. Noch zwei weitere Male rufen sie bei ihm an, fragen nach, wie es ihm geht und erklären ihm, dass er 48 Stunden nach Symptomfreiheit wieder aus der Isolation raus dürfe.

Keine Meldepflicht für Genesene

Seit dem 30. März geht Jens Otto wieder "vor die Tür". Zwar teilte er seinem Hausarzt das mit, eine Meldepflicht gibt es jedoch nicht. In der Redaktion begegnen ihm die Kollegen mit Anteilnahme, Freude und vor allen Dingen vielen Fragen. "Ich kann mich selbst zwar kaum noch drüber reden hören, aber ich beantworte die Fragen – soweit ich kann – trotzdem gerne", sagt der Hörfunk-Reporter. Man habe ihm sogar ein Immunitäts-Abzeichen gebastelt und kündige ihn des Öfteren mit den Worten an: "Ihr dürft ihn jetzt wieder anfassen." Zwei "angestaute Umarmungen" habe er schon "abbekommen", erzählt Otto schmunzelnd.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Twitter anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Covid19 – und dann?

Nach dem, was man bisher weiß, geht man davon aus, dass Patienten, die die Covid-19-Erkrankung überstanden haben, eine Immunität gegen den Erreger entwickeln. Man hofft, dass die als neutralisierende Antikörper bezeichneten Immunglobuline im Blutserum bald gespendet und als passiver Impfstoff künftig zur Behandlung eingesetzt werden können. Dazu gibt es bereits erste Studien in China. Jens Otto hat sich deswegen schon an die Medizinische Hochschule Hannover gewandt. Bisher habe er nur eine automatisierte Antwort bekommen. Vorsichtig bleibt er dennoch: "Auch wenn ich mir jetzt keine Sorgen mehr machen muss, werde ich mich an die aktuellen Regelungen halten. Ich möchte kein schlechtes Beispiel sein."

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. April 2020, 19:30 Uhr