Bremer Haus- und Kinderärzte erreichen ihr Belastungslimit

Täglich melden die Gesundheitsämter Hunderte Neuinfektionen. Wie lange hält das Gesundheitssystem dem Stand? Manch niedergelassene Arzt stößt schon an seine Grenzen.

Doktor mit Stethoskop.
Bild: Imago | Aviation-Stock

Warteschlangen, die bis ins Treppenhaus vor den Praxen gehen oder sogar davor bis zum Parkplatz. Telefone klingeln pausenlos. Beratungen sind viel intensiver und länger, als es normalerweise der Fall ist. Und nach Dienstschluss wartet dann noch die Bürokratie.

Viele Hausärzte in Bremen arbeiten aktuell am Limit und sind von den Begleiterscheinungen der Pandemie nur noch genervt. Wie eine Hausärztin aus Obervieland. Zu einen Interview ist sie nicht bereit. Begründung: In der aktuellen Lage könne sie nicht mehr sachlich bleiben. Am liebsten würde sie schreiend weglaufen.

Arbeiten mit erhöhtem Aufwand

Eine Warteschlange auf dem Bürgersteig vor einer Arztpraxis in Berlin.
Früher ein eher seltenes Bild: Vor Arztpraxen bilden sich derzeit oft lange Warteschlangen. Bild: Imago | Travel-Stock-Image

"Mit diesem Gefühl ist sie nicht allein", sagt Hans-Michael Mühlenfeld. Er ist Hausarzt in Woltmershausen und Vorsitzender des Hausärzteverbandes Bremen. "Wir haben einen deutlich erhöhten Aufwand, der verschiedene Ursachen hat. Die Patienten sind leider auch weiterhin durch die verschiedenen Regelungen verunsichert, wissen es nicht und wenden sich dann natürlich – und das ist auch richtig so – an ihren Hausarzt." Doch das bedeute für die Ärzte einen enorm erhöhten Arbeitsaufwand, "wo wir als Hausärzte dann auch sehr drauf achten müssen, dass die wirklich kranken und Risikopatienten nicht dabei runterfallen", so Mühlenfeld.

Patienten sind verunsichert

Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom Arzt.
Bei Anruf Krankschreibung: Patienten mit leichten Atemwegserkrankungen können sich bis zu sieben Kalendertage krankschreiben lassen. Bild: Imago | Eibner

Diese Gefahr erkennt auch die Kassenärztliche Vereinigung Bremen. Sie verzeichnen in diesem Jahr beispielsweise deutlich weniger gemeldete Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Das kann zum einen daran liegen, dass weniger Menschen daran erkranken. Jörg Hermann, Vorsitzender der Vereinigung, vermutet allerdings auch, dass generell Patienten häufig nicht mehr zum Arzt gehen und Krankheiten einfach zu Hause aussitzen, auskurieren oder verschleppen. Das mündet in einem Paradoxon: "Insgesamt machen wir weniger Leistungen, für die die Ärzte Geld verdienen können. Aber sie arbeiten mehr dafür, weil sie unter den gegebenen Umständen vielmehr Aufwand haben als vorher."

Das heißt: Die Ertragslage ist weniger geworden, der Stress-Level ist aber auf jeden Fall gestiegen.

Jörg Hermann, Kassenärztliche Vereinigung Bremen
Jörg Hermann, Kassenärztliche Vereinigung Bremen

Neue Hürden für Hausärzte

Hausärzte leider derzeit unter einer Mehrfachbelastung: Der bürokratische Aufwand hat zugenommen. Ständig müssen sie sich mit neuen Entwicklungen befassen wie beispielsweise neuen Abstrichvorgaben. Obendrein ist es aber auch wichtig, die Praxen jetzt fit für die Zukunft zu machen: Mit die größte Herausforderung ist dabei die Digitalisierung. Nicht zu unterschätzen ist aber auch der Faktor Angst, mit dem die Ärzte jetzt eine Umgang finden müssen, meint Hermann von der Kassenärztlichen Vereinigung. Sei es die Angst der Patienten vor einer Möglichen Ansteckung, sei es die eigene des Arztes. Verbandschef Mühlenfeld warnt vor der Belastung: Würden Arztpraxen jetzt ausfallen, weil sie die Arbeit nicht mehr schaffen können, wäre das gefährlich für die Krankenhäuser. 

Die hausärztliche Versorgung ist der Schutzwall der Kliniken.

Hans-Michael Mühlenfeld vom Hausärzteverband Bremen  im buten un binnen Studio.
Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Bremen

Funktioniert dieser Schutzwall nicht, landen Menschen in den Kliniken, die eigentlich nicht dorthin gehörten. Deshalb fordert er von der Politik, die Hausärzte mehr zu entlasten. Von der Regelung, dass bis zum Jahresende wieder telefonische Krankschreibungen ausgestellt werden können, ist er alles andere als begeistert und hält sie nicht für durchdacht: "Die ist so dilettantenhaft konzipiert jetzt, dass ich Patienten, bei denen ich ein Verdacht auf einen Atemwegsinfekt habe, eine Woche telefonisch krankschreiben darf. Aber wenn ein Patient Migräne hat und mich anruft und sagt: 'Herr Doktor ich hab' wieder meine Migräne. Ich kenne das, zwei Tage falle ich aus.' – den muss ich dann in die Praxis einbestellen und ihn sehen. Völlig unnütz!" *) Er wünscht sich, dass bei den nächsten Gesprächen zwischen Bund und Ländern auch die hausärztliche Meinung mit einbezogen wird, denn das sei bislang nicht der Fall gewesen, so Mühlenfeld.

*) Zitat zur Erläuterung der Kritik nachträglich ergänzt

Autor

  • Fabian Metzner

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 6. November 2020, 7:35 Uhr