Kommentar

47 Millionen Euro ... und dann verrottet der Museumshafen weiter

Das klamme Bremerhaven erhält viel Geld vom Bund, unter anderem für einen "Seute Deern"-Nachbau. Problem gelöst? Nein, meint unser Kommentator aus dem Studio Bremerhaven.

Eine Gallionsfigur
Die Gallionsfigur der "Seute Deern". Einige alte Elemente des Schiffs sollen bei einer Rekonstruktion wieder verwendet werden. Das Original der Figur stand im Schiff und konnte geborgen werden. Bild: DPA | Ulrich Baumgarten

Was für eine Nachricht: 47 Millionen gibt der Bund für einen Quasi-Neubau der "Seute Deern" und den Museumshafen. Nun hatten sich gerade alle halbwegs an die Tatsache gewöhnt, dass das angebliche Wahrzeichen der Stadt bald Geschichte sein wird – dann das: Aus dem Dreimast-Zombie soll ein nagelneuer Prachtsegler werden.

Diese Riesen-Investition wurde am selben Tag bekannt, an dem Bremerhaven schon wieder zur Stadt mit den meisten überschuldeten Bürgern gekürt wurde. Die Stadt steht kaum besser da als ihre Bürger: Aktuell droht eine Haushaltssperre, weil "nur" sieben Millionen fehlen: etwa ein Siebtel des "Seute Deern"-Goldregens. Dass man mit den einen Geldern nicht das andere bezahlen kann, mag haushaltstechnisch begründbar sein. Fragen wirft es trotzdem auf.

Das Segelschiff Seute Deern

Aber sei's drum: Die vielen Berliner Millionen lösen nicht einmal das grundlegende Problem der "Seute Deern" und des Museumshafens. Stand jetzt ändert sich an der problematischen Grundstruktur nämlich gar nichts. Der Problem-Zähler wird nur wieder auf Null gesetzt.

Die erste Stunde Null war 1972, kurz nach der Eröffnung des Museums, die Stadt hatte dem Haus die "Seute Deern" geschenkt. Nach und nach kamen im Museumshafen dutzende weitere Exponate dazu – und begannen zu verrotten. Was bis heute niemals kam, ist ein Konzept, in dem die Verantwortlichkeiten für die Ausstellungsstücke klar geregelt sind.

Von Stadt und Land nur warme Bekenntnisse

Ja, die Freiluft-Exponate gehören zum Stiftungsvermögen des Museums. Doch das hatte zuletzt gerade mal 20.000 Euro Etat – wohlgemerkt: für den gesamten Museumshafen. Weitere Mittel aus seinen Forschungs-Millionen darf das Museum für seine "Hardware" nicht aufwenden. Was tat es stattdessen? Nicht viel außer warten. Kein echter Notruf, keine Überlastungsanzeige, kein Signal, dass man diese Verantwortung nicht mehr übernehmen kann. Man ließ die "Deern" verrotten.

Der Schlauch einer Pumpe auf der Seute Deern
Die "Seute Deern" ist marode, täglich müssen tausende Kubikmeter aus dem Schiff gepumpt werden.

Und Stadt und Land? Auch von ihnen sind keine Mittel zu erwarten: Sie haben schon die Daumen gesenkt, als es um 17 Millionen für eine mögliche Sanierung ging. Beide haben Jahre und Jahrzehnte zumindest finanziell nichts eingebracht, nur an schönen Worten und warmen Bekenntnissen sparte man nicht. Man ließ die "Deern" verrotten.

Jetzt regnet es unerwartet 47 Millionen für den Museumshafen, "organisiert" vom SPD-Bundestagsabgeordneten Uwe Schmidt aus Resten des Kulturhaushalts des Bundes. Das Geld kommt, bevor es konkret geplante Ideen für die neue "Seute Deern" gibt: Bekommen die Bremerhavener ihre alte "Deern" wieder, Restaurant an Bord inklusive? Wird es ein museumspädagogisches Lehr-Schiff sein? Wo genau wird es liegen?

Alle Fragen bleiben offen

Jeder, der auch nur einen Bruchteil der Summe für eine staatliche Kulturförderung beantragt, muss bis auf den letzten Millimeter beschreiben, wie sein Projekt aussieht und welchen Nutzen es bringt. Bei der "Seute Deern" sind alle Fragen offen, vor allem die der zukünftigen Finanzierung des laufenden Unterhalts.

Eine neue "Seute Deern": Das ist eine millionenteure Symbolpolitik mit maritimen Imponier-Stücken. In einigen Jahren, wenn das neue Schiff dann fertig ist, gibt es eine neue Stunde Null in Bremerhaven. Wenn man bis dahin keine neuen Strukturen schafft, lässt man die "Neue Deern" und ihre Geschwister im Museumshafen ab dann wahrscheinlich wieder: verrotten.

Rückblick: Was wird aus dem Museumshafen in Bremerhaven?

Mehrere Schiffe liegen im Museumshafen in Bremerhaven an.

Autor

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 15. November 2019, 9 Uhr