So starten Erstsemester im Land Bremen während Corona ins Studium

Keine Kneipentour, keine Party – dafür ganz viel digital: Für Erstsemester ist alles anders und herausfordernd. Was erwartet Studierende zum Beginn des Studiums?

Eine Studentin steht auf dem Campus der Hochschule Bremerhaven.
Helen hat gerade ihr BWL-Studium an der Hochschule Bremerhaven begonnen. Bild: Radio Bremen

Schon von weitem ist der blaue Container gut zu erkennen. "Chaos Office" prangt in großen Buchstaben auf dem Dach: Ein chaotisches Büro in chaotischen Zeiten. Ein pinkes Sonnensegel erinnert an vergangene Sommertage, dazu erklingt tanzbare Musik aus den Boxen. Das "Chaos Office", gegenüber der Hochschule für Künste (HfK) in der Überseestadt, ist in diesen Tagen eine der wichtigsten Anlaufstellen für die sogenannten Erstis. Also all jene Studierende, die jetzt ihr Studium beginnen. An der HfK in Bremen und an der Hochschule Bremerhaven hat die Einführungswoche für die neuen Studierenden bereits am Montag begonnen. Nächste Woche folgt der Start an der Uni Bremen.

Studienstart mit Sperrstunde und Kontaktbeschränkungen

Die Einführungs- oder Orientierungswoche, kurz O-Woche genannt, ist ein Ereignis, dem normalerweise die meisten Erstsemester entgegenfiebern: In dieser Woche werden nicht nur alle wichtigen organisatorischen Fragen rund ums Studium geklärt, die Studierenden offiziell begrüßt und über den Campus geführt. Die O-Woche ist auch ein soziales und emotionales Event: Auf Kneipentouren und Parties werden die ersten Kontakte geknüpft, bei Rallyes und Rundgängen die neue Stadt erkundet. Doch in diesem Jahr ist alles anders – wegen Corona.

"Der Kneipenabend fällt in diesem Jahr flach, größere Gruppen dürfen sich ja sowieso nicht treffen. Und dann ist ja auch noch Sperrstunde um 23 Uhr", sagt Luca IIuzzolino vom Studierendenrat der HfK. Studierendenrat und Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) betreiben gerade zusammen das "Chaos Office" an der HfK. Auch in der Dechanatstraße, dem zweiten Standort der Hochschule in der Bremer Altstadt, haben sie solch ein Büro aufgebaut.

Studierende stehen vor einem blauen Container.
Friederike Lauschke vom AStA und Luca Iuzzolino vom Studierendenrat unterstützen die Erstsemester im "Chaos Office". Bild: Radio Bremen

Im "Chaos Office" gibt es Kaffee, Tee und Snacks für die neuen Studierenden – natürlich mit entsprechendem Hygienekonzept. "Und hier kann man alle dummen Fragen stellen", sagt Iuzzolino. So wolle man auch vermeiden, dass die Studierenden mit ihren Fragen zur Pforte der Hochschule gehen und dort dann womöglich Ansammlungen von Menschen entstehen. "Es geht auch darum, alles ein bisschen zu entzerren", sagt Iuzzolino, der im elften Semester "Digitale Medien" an der HfK studiert.

Das Ziel: Möglichst viel Präsenz

Rund 260 Studierende werden in diesem Semester ihr Studium an der HfK beginnen. "Weniger Studierende als im vergangenen Jahr sind das nicht", sagt Susanne Schäfer von der Pressestelle der Hochschule. Insgesamt gibt es rund 1.000 Studierende an der HfK. Und für die will die Hochschule in diesem Semester möglichst viel Präsenz in der Hochschule ermöglichen, indem zum Beispiel Veranstaltungen in Kleingruppen stattfinden. Der Vorteil: Die Studiengänge, wie Freie Kunst, sind relativ klein und umfassen zum Teil nur etwa 30 Erstsemester-Studierende.

Denn auf Präsenz sind sie an der HfK angewiesen: "Das Studium hier kann man nicht online durchführen. Die Studierenden sind ja zum Beispiel auf die Werkstätten angewiesen", sagt Iuzzolino vom "Chaos Office". Das letzte halbe Jahr hat hier praktisch kein Studium stattgefunden. "Jetzt wollen wir vermeiden, dass alles wieder dicht gemacht wird", so der Student.

Auch in der Einführungswoche haben sie deshalb die sonst üblichen Aktivitäten so weit wie möglich heruntergefahren: Die offizielle Erstsemesterbegrüßung am Montag fand zum ersten Mal nur online statt, als Livestream. Auf "Radio Angrezi", dem eigenen Sender der HfK, gibt es die ganze Woche über eine eigene Show zum Studienstart mit allen wichtigen Infos für die Erstsemster, vom Raumbuchungssystem bis zu den Gremiumswahlen.

Auch wenn alles gerade anders ist: Wir wollen den Studierenden das Gefühl geben, dass sie nicht alleine hier sind.

Luca Iuzzolino, Studierendenrat Hochschule für Künste Bremen

Auf virtuelle Trinkabende haben sie allerdings ganz bewusst verzichtet: "Da fehlt einfach die Nahbarkeit. Dass man sich alleine zuhause vor dem Laptop betrinkt, das wollten wir den Studierenden nicht geben." Das Studium an der HfK würde nun einmal vom sozialen Raum leben, so Iuzzolino. "Online lässt sich das nicht herstellen."

Auslandssemester trotz Corona

Auch Juliana ist froh, dass es mit dem "Chaos Coffee" zumindest eine Anlaufstelle in der realen Welt gibt. Die 20-Jährige kommt aus Belfast und wird für ein Jahr "Mode" an der HfK studieren. Gerade sitzt sie auf einer der Holzbänke vor dem blauen Container, wartet auf ihre Einführungsveranstaltung und ist ein wenig nervös: "Ich frage mich schon, wie alles werden wird, ob die Workshops in meinem Studiengang zum Beispiel wirklich stattfinden können", sagt sie. Auch wenn wegen Corona gerade alles anders ist, ihr Auslandssemester absagen wollte Juliana nicht: "Dieses Semester hier ist nach wie vor eine tolle Chance und ich wollte unbedingt hierher kommen."

Helen geht es da ähnlich. An der Hochschule Bremerhaven hat sie gerade ihr BWL-Studium begonnen und ist dankbar darüber, dass das trotz Corona überhaupt möglich ist: "Ich würde nicht sagen, dass der Start schwieriger ist. 'Anders' ist eigentlich das richtige Wort, um die Situation gerade zu beschreiben", sagt sie. Dennoch macht sie der Gedanke an Kneipentouren und Parties, die jetzt eigentlich stattfinden würden, wehmütig: "Mir wurde immer von allen vorgeschwärmt, wie toll die Einführungswoche ist, dass man andere Studenten kennenlernt. Das ist jetzt natürlich schwierig", sagt sie.

Auch an der Hochschule Bremerhaven gab es die offizielle Erstsemester-Begrüßung am Montag nur in digitaler Form. Für das weitere Wintersemester ist eine Mischung aus Präsenz- und Online-Veranstaltungen geplant. Wie viel Präsenz wirklich möglich ist, hängt aber immer auch vom aktuellen Infektionsgeschehen ab. Zumindest die Mensa ist aktuell wieder geöffnet. Milo Barsch vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) hofft, dass sich das Leben auf dem Campus wieder ein wenig hochfahren lässt.

In der letzten Zeit war es wirklich ruhig hier, fast wie eine Geister-Hochschule. Aber wir müssen jetzt einfach mal schauen, wie sich die Lage weiter entwickelt.

Milo Barsch, AStA Bremerhaven

An der Uni Bremen geht die Einführungswoche zwar erst am kommenden Montag los, das Programm steht aber in großen Teilen bereits. Und auch hier finden die meisten Veranstaltungen digital statt: Vom Speed-Meeting, über ein virtuelles Frühstück bis hin zum Basteln des eigenen Stundenplans. Auf der Internetseite der Uni gibt es einen detaillierten Überblick dazu inklusive Online-Einwahldaten. Zusätzlich seien auch einige Präsenzveranstaltungen geplant, sagt Thomas Hoffmeister, Konrektor für Lehre und Studium an der Uni Bremen. "Teilweise müssen wir da aber schon wieder zurückrudern wegen der steigenden Infektionszahlen."

Rund 5.000 Studierende werden laut Hoffmeister in der kommenden Woche ihr Studium an der Uni Bremen beginnen. Eine Herausforderung was die Organisation von Präsenzveranstaltungen betrifft. Auf die Zahl an Studienanfängern hat sich die Corona-Pandemie laut Hoffmeister übrigens kaum ausgewirkt: "Der Einbruch war viel geringer als erwartet", so der Konrektor. Konkrete Zahlen gibt es allerdings noch nicht.

Präsenz- und Online-Veranstaltungen an der Uni Bremen

Auch an der Uni Bremen ist für das kommenden Wintersemester eine Mischung aus Präsenz- und Online-Veranstaltungen vorgesehen. "Wir sind aktuell noch mit der Wissenschaftsbehörde in Gesprächen", sagt Hoffmeister. Ein Ziel sei es, vor allem den Erstsemestern Präsenz-Vorlesungen und -Seminare zu ermöglichen.

Laut Hoffmeister ist das Ganze als Stufenplan gedacht, der an das Infektionsgeschehen angepasst werden kann. Sollte es zum Beispiel zu Ausbrüchen auf dem Campus kommen, könnten nach und nach Lehrformate wie Vorlesungen und Seminare, aber auch Labore und Prüfungen in den digitalen Raum verlagert werden. Wie genau sich das aktuelle Wintersemester entwickeln wird, kann gerade noch niemand voraussagen. "Wir wollen den Studierenden in diesem Semester ein möglichst gutes Studium ermöglichen", sagt Hoffmeister. Für ihn steht aber auch fest: "Es wird ein dynamisches und ein anstrengendes Semester werden."

Trotz großer Vorsätze: Hochschule zählt weniger Erstsemester

Video vom 16. Oktober 2020
Ein großes Plakat, welches an einem Gebäude hängt, für die Hochschule Bremerhaven.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Bremen Vier läuft, 20.10.2020, 12:15 Uhr