Weihnachten an Bord: Seeleute sitzen wegen Corona fest

Die Corona-Pandemie trifft auch Seeleute hart, denn Tausende müssen auf ihren Schiffen bleiben. Viele haben die Hoffnung bereits aufgegeben, an den Feiertagen bei ihrer Familie sein zu können.

Eine Tüte mit Weihnachtssüßwaren, im Hintergrund Seeleute an Bord eines Frachters.
Viele Seeleute dürfen aufgrund der Corona-Pandemie zurzeit nicht das Schiff verlassen. Bild: Imago | epd

Die Corona-Pandemie macht vielen Menschen zu schaffen. Besonders hart trifft es aber die Seeleute: Viele von ihnen sitzen schon viel zu lange auf ihren Schiffen fest – weil sie wegen der Ansteckungsgefahr nicht von Bord dürfen, weil die Crews nicht ausgetauscht werden und für viele Länder immer noch Reisebeschränkungen gelten. Viele werden vermutlich auch Weihnachten nicht bei ihren Familien sein können.

Seeleute dürfen wegen Corona das Schiff nicht verlassen

Ein belebter Seemannsclub Anfang Dezember im Hafen von Bremerhaven – belebt jedenfalls für Corona-Zeiten, denn normalerweise ist hier im "Welcome"-Club der Seemannsmission mehr los. Aber wegen der Pandemie dürfen viele Seeleute ihr Schiff nicht verlassen. Ramish aus Indien ist froh, nach 54 Tagen auf See an Land zu sein. Mit einer Flasche Bier in der Hand sitzt er an einem Tisch. Schwierige Zeiten seien das, findet er – und erzählt, dass sie wegen der Ansteckungsgefahr wochenlang überhaupt nicht von Bord konnten: "Jeden Tag dieselbe Arbeit, dieselben Leute, immer dasselbe. Immer nur an Bord, immer nur arbeiten, arbeiten, arbeiten."

Umso mehr freuten sie sich jetzt über den Abend im Club, sagt sein Kollege Francis. Auch er kommt aus Indien. Inzwischen hat er bereits elf Monate Arbeit an Bord hinter sich. Francis zeigt auf einen weiteren Kollegen: Der sei schon seit 13 Monaten auf dem Schiff. Normal seien acht oder neun Monate.

Wir wissen, dass auch viele Seeleute weltweit einfach warten auf den Schiffen, auch mit Verträgen, die ja um die sechs bis zwölf Monate laufen.

Thomas Reinold, Seemannsdiakon aus Bremerhaven, lächelt neben einem Weihnachtsengel in die Kamera.
Thomas Reinold, Seemannsdiakon und Leiter des "Welcome"-Clubs

Thomas Reinold, Seemannsdiakon und Leiter des "Welcome"-Clubs, hat so etwas schon öfter gehört, vor allem in der Anfangszeit der Corona-Pandemie. Inzwischen seien die meisten Crews auf den Schiffen einmal durchgetauscht.

Die Seeleute in Bremerhaven feiern trotz der Corona-Pandemie eine Weihnachtsfeier.
Trotz der Corona-Pandemie feiern die Seeleute eine kleine Weihnachtsfeier im "Welcome"-Club in Bremerhaven. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Wenn sie dann nicht vom Schiff runterkämen, hätten sie normalerweise ihren Urlaub genommen – zwei Monate – und hätten einfach auf dem Schiff weitergemacht mit ihrem neuen Vertrag.

400.000 Seeleute sitzen auf Schiffen weltweit fest

Die Lage ist für viele Seeleute immer noch katastrophal, das bestätigt auch Sven Hemme von der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF). Von rund 400.000 auf den Schiffen festsitzenden Seeleuten sprach Ende September die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO).

Weder Thomas Reinold noch Sven Hemme wollen den Reedereien pauschal böse Absicht unterstellen. Zwar seien die Reeder natürlich froh, wenn auch in Corona-Zeiten alle Stellen an Bord besetzt seien und die Arbeit erledigt werde. Aber jedem sei klar, dass ausgebrannte und erschöpfte Seeleute nicht zuletzt ein Sicherheitsrisiko seien. Die Lage sei für alle in der Seeschifffahrt derzeit sehr schwierig, erklärt Sven Hemme.

Aus unserer Sicht fällt das oft natürlich leicht, das alte Klassenkampfbild. Aber, nein, das ist Blödsinn. Es gibt viele, die bemühen sich wirklich. Und dann gibt’s natürlich auch die Gegenbeispiele.

Sven Hemme ist Inspektor bei der Internationalen Transportarbeiter-Föderation und lächelt in die Kamera.
Sven Hemme, Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF)

Einreiseverbot in vielen Heimatländern

Auch Reedereien, die sich bemühten, die Seeleute von Bord zu bekommen, scheiterten oft an Reisebeschränkungen und an ständig neuen Vorschriften. Ein weiteres Problem: Wegen der Corona-Pandemie gibt es weniger Flüge. Auch Francis aus Indien konnte deswegen bisher nicht nach Hause, erzählt er.

Immer noch, so berichtet ITF-Inspektor Sven Hemme, dürften auch Seeleute nicht in ihre Heimatländer einreisen. Deren Bestimmungen würden das aus Angst vor Ansteckung verbieten. Seemannsdiakon Thomas Reinold erinnert sich an einen indonesischen Seemann, der vor einigen Monaten lieber auf die Rückkehr zu seiner Familie verzichtet habe. Sonst hätte seine Frau, eine Lehrerin, ihren Job verloren.

Die Seeleute in Bremerhaven feiern trotz der Corona-Pandemie eine Weihnachtsfeier.
Auch wenn einige von ihnen seit Monaten nicht bei ihren Familien waren, wird ein bisschen zusammen gefeiert. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Immer wieder fallen also bereits organisierte Crew-Wechsel aus. Bei den Seeleuten sorge es natürlich für Frust und Verzweiflung, wenn sich die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Hause zerschlage, erzählt Seemannsdiakon Thomas Reinold: "Und wenn einem das genommen wird – dann kann man sich ja ungefähr vorstellen, wie grausam traurig das auch ist. Und das ist einfach brutal."

Auch volkswirtschaftlich "eine Katastrophe"

Sven Hemme sieht ein weiteres Problem. In den Heimatländern der Seeleute – von denen viele aus Asien kommen – werde die Lage ebenfalls immer schwieriger. Denn dort sitzen auch Seeleute an Land fest, die wegen der ausbleibenden Crew-Wechsel nicht an Bord gehen können, obwohl sie gerne arbeiten würden. Ihr Geld fehle dann den Familien – und nicht nur diesen.

Das ist eine volkswirtschaftliche Katastrophe. Ich hatte mal von 80.000 philippinischen Seeleuten im Schnitt weniger gehört dieses Jahr. Das ist natürlich eine Hausnummer.

Sven Hemme ist Inspektor bei der Internationalen Transportarbeiter-Föderation und lächelt in die Kamera.
Sven Hemme, Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF)

Wann es besser wird, kann im Moment keiner sagen. Manchmal wünsche er sich eine Glaskugel, sagt Hemme. Viel Hoffnung, dass sich die Lage schnell erholt, hat er aber nicht. Er rechnet für die Schifffahrt weiterhin mit massiven Problemen im ersten und vermutlich auch noch im zweiten Quartal. Francis, der Seemann aus Indien, hofft, dass er dann schon längst zu Hause ist. In zehn Tagen will er in Boston, dem nächsten Hafen, an Land gehen und in ein Flugzeug nach Hause steigen. Das hofft er jedenfalls.

Autorin

  • Catharina Spethmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 3. Dezember 2020, 17:35 Uhr