Nachts unterwegs in Bremen mit dem 80 Jahre alten Zeitungsjungen

Es ist dunkel, still, die Vögel schlafen noch und Hans-Georg Bahrenburg spürt jeden Schritt. Seit 66 Jahren bringt er den Menschen ihre Zeitung, heute in Findorff.

Ein älterer Mann mit weißgrauen Haaren und einer leuchtend gleben Jacke steht im Dunkeln in einem Hauseingang.
Rund 66 Jahre lang verteilt Hans-Georg Bahrenburg Zeitungen – damit dürfte er der dienstälteste Zeitungsjunge Deutschlands sein. Bild: Radi Bremen

Damals waren sie zu dritt unterwegs, erinnert sich Hans-Georg Bahrenburg, im zerbombten Bremer Westen Ende der 40er Jahre. Seine Mutter fing damals an, die Bremer Nachrichten zu verteilen. Inzwischen sind – mit einer Pause – gut und gerne 66 Jahre zusammengekommen, die Hans-Georg Bahrenburg frühmorgens Zeitungen austrägt. Damit dürfte er ziemlich sicher Deutschlands dienstältester Zeitungsjunge sein, wie eine Sprecherin des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger e.V. seine Vermutung bestätigt.

Vögel, Ratten und ein Pferd

Es ist 2:39 Uhr, Bremen-Findorff, Leipziger Straße Ecke Magdeburger. In einer gelben Leuchtjacke mit silbernen Reflektor-Streifen steht Hans-Georg Bahrenburg auf dem Gehweg und wartet auf den Lieferwagen, der die Zeitungen bringt. Verteilt sein müssen die unterschiedlichen Tageszeitungen zwar erst bis 6 Uhr, aber aus Gewohnheit ist der 80-jährige nach wie vor früh dran. Schließlich ging er viele Jahrzehnte anschließend zu seiner eigentlichen Arbeit bei der Bahn. Da kamen die Zeitungen auch noch gegen halb drei, weil sie nicht so weit weg gedruckt wurden, sagt Bahrenburg.

Es ist dunkel und still, die Vögel schlafen noch. Erst in ein paar Wochen werden sie um diese Zeit schon langsam wach. Ab und an sieht Hans-Georg Bahrenburg mal eine Ratte über die leere Straße flitzen, ihm ist aber auch schon ein Pferd begegnet.

Oh, das ist schon Jahre her. Das muss wohl auf dem Freimarkt damals oder vom Zirkus, Zirkus, nech, weggelaufen sein. So was hat man ja nicht immer.

Hans-Georg Bahrenburg

100 Zeitungen in 72 Minuten

Ein Mann steht in der Morgendämmerung in einer neongelben Jacke auf der Straße lacht und hält eine Zeitung in der Hand
Wenn kein Reporter dabei ist: Dann schnell fertig werden und ab nach Hause, sagt Bahrenburg. Bild: Radio Bremen

Mit einem Lieferwagen kommen die Zeitungen: Bremer Nachrichten, Süddeutsche, taz und hauptsächlich Weserkurier. Der treue Zeitungsjunge packt sie auf den Gepäckträger seines Fahrrads und in eine Tasche am Lenker. 72 Minuten brauch der Senior für seine Tour, geht dabei einige Stufen rückwärts wieder runter, weil er versteifte Sprunggelenke hat, spürt jeden Schritt. Trotz handgefertigter Spezialschuhe. Auch ein Knie kam neu.

Alles Verschleiß. Kaputt. Und da bin ich jahrelang immer noch mit rumgelaufen, bis es nicht mehr ging.

Hans-Georg Bahrenburg, Zeitungszusteller

Im Alter von 55 Jahren war Schluss bei der Gleisrotte der Bundesbahn, er ging in den Vorruhestand. Die Abzüge sind für ihn allerdings erheblich. Auch wenn Hans-Georg Bahrenburg das Zeitungverteilen als Hobby bezeichnet, er macht es, weil er Geld dafür bekommt. Mindestlohn.

Hausarzt beeindruckt, kein Ende in Sicht

"Ich hab mal Tage, da geht’s besser, und dann auch mal wieder schlechter", erklärt Bahrenburg, "mein Hausarzt, der hat vor paar Jahren gesagt: Sie sind immer noch aktiv. Behalten Sie das."

Von bunten, duftenden Blumen bis hin zu abgeplatzten Stufen, die Treppenaufgänge sind sehr unterschiedlich. Aber Hans-Georg Bahrenburg mag sie alle, fühlt sich mit den Menschen dahinter verbunden, die ihm gegenüber insbesondere zu Weihnachten auch ihren Dank ausdrücken. Was er denkt, wenn kein Reporter mitläuft? Gar nichts. Schnell durch und wieder ab nach Haus, lacht er. Gegen 5 Uhr legt er sich wieder schlafen und beginnt dann um etwa 9:30 Uhr seinen Tag, indem er die Zeitung liest.

Autor

  • Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 30. April, 13.15 Uhr