Müde Schüler: Warum Bremens Schulen nicht später starten

Sie könnten, wenn sie wollten. Aber kaum eine Schule hat bislang den Unterrichtsbeginn nach hinten verlegt. Der Koalitionsvertrag könnte die Diskussion darum neu entfachen.

Müde Schülerin im Unterricht (gestellte Szene)
Viele Schüler sind für einen Schulbeginn vor 9 Uhr nicht gemacht. Bild: DPA | Imagebroker/Michael Weber

Viele Wissenschaftler sind sich längst einig: Vor allem in der Pubertät ist es für Schülerinnen und Schüler besser, wenn sie später in den Schultag starten. Sie sind gesünder, ausgeruhter und lernen besser. Dennoch entscheiden sich die meisten Bremer Schulen gegen einen späteren Unterrichtsbeginn, obwohl es ihnen jetzt schon möglich wäre, ihn nach hinten zu verlegen. Denn derzeit gibt es in Bremen weder ein Gesetz noch eine Verordnung, die das einheitlich regelt. Theoretisch wäre in Bremen also ein Schulbeginn um 9 Uhr, wie ihn viele Schlafforscher empfehlen, jederzeit umsetzbar.

Christopher Hupe, bildungspolitischer Sprecher der Grünen, erhofft sich, dass sich mehr Schulen mit dem Thema auseinandersetzen. Jetzt bekommt das Thema nochmal einen Anschub: Die Grüne Jugend hatte den Wunsch danach ins Wahlprogramm eingebracht, und der wurde dann auch im Koalitionsvertrag übernommen.

Im Rahmen der größeren Eigenverantwortlichkeit von Schulen haben sie auch die Möglichkeit, sich dafür zu entscheiden, ihren Unterrichtsbeginn auf 9 Uhr zu verlegen. Treffen die Schulgremien einer Schule eine solche Entscheidung, wird eine Frühbetreuung für Kinder arbeitender Eltern sichergestellt.

Bremer Koalitionsvertrag

Gleitzeit an der Oberschule

Schule an der Hermannsburg (Archivbild)
An der Oberschule in Huchting hat sich der spätere Schulbeginn bereits bewährt – bei Schülern und Lehrern.

Jeden Morgen um viertel nach Acht betritt Sandy das Schulgelände der Oberschule an der Hermannsburg. Der Unterricht beginnt erst eine Viertelstunde später, die 15-jährige Schülerin könnte sich also sogar noch etwas mehr Zeit lassen. Doch Sandy ist gerne überpünktlich. An der Oberschule an der Hermannsburg haben die Schülerinnen und Schüler die Wahl: Zwischen 7:45 Uhr und 8:30 Uhr können sie in Ruhe ankommen, frühstücken, die letzten Hausaufgaben erledigen. Oder aber noch zuhause bleiben und erst um kurz vor halb neun aufschlagen. Diesen späten Beginn mit dem sogenannten "offenen Anfang" praktiziert die Oberschule an der Hermannsburg bereits seit Jahren. Die Erfahrungen sind durchweg positiv: "Die Schülerinnen und Schüler sind fitter", resümiert Schulleiter Achim Kaschub. Und die Gleitzeit zahlt auch positiv auf die Disziplin ein.

Wir haben fast gar keine Verspätungen mehr.

Achim Kaschub, Schulleiter

Lehrer wollten später starten

Eingeführt worden sei der spätere Anfang ursprünglich gar nicht für die Schülerinnen und Schüler, sondern für die Lehrkräfte. "Es gab einen Generationswechsel im Haus und wir hatten viele sehr junge Lehrkräfte, die vor der Schule noch ihre eigenen Kinder versorgen mussten und deshalb später beginnen wollten", erklärt Kaschub. Dass auch die Schülerinnen und Schüler vom späteren Unterrichtsbeginn profitieren, sei ein positiver Nebeneffekt gewesen. Ganz wichtig sei aber für viele berufstätige Eltern jüngerer Kinder, dass die Schule trotzdem eine verlässliche Betreuung zwischen 7:45 Uhr bis 15:30 Uhr anbiete.

Kaum eine Schule nutzt die Freiheit

Wie die Oberschule an der Hermannsburg handhaben es aber die wenigsten Bremer Schulen. An den meisten ertönt die Schulglocke nach wie vor um 8 Uhr, teilweise auch schon um 7:45 Uhr zur ersten Schulstunde. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie eine Abfrage unter Schulleitern von buten un binnen ergab: Halbtagsschulen beklagen eine fehlende Mensa. Andere meinen, dass ein späterer Unterrichtsbeginn die Freizeitgestaltung der Schülerinnen und Schüler am Nachmittag einschränke. Andere befürchten, dass die Arbeitszeiten für die Lehrkräfte unattraktiver sein könnten und es dann noch schwieriger sei, Personal zu finden.

Später Schulstart ist Standortvorteil

Zumindest das letzte Argument kann Achim Kaschub widerlegen. Er könne sich vor Bewerbungen nicht retten, berichtet der Schulleiter. Denn vor allem für die jüngeren Lehrerinnen und Lehrern sei der spätere Unterrichtsbeginn nach wie vor ein Vorteil. Das bestätigt auch Jörn Borges, Schulleiter der Oberschule an der Julius-Brecht-Allee. Hier beginne die erste Schulstunde um 8:15 Uhr. Das käme auch in seinem Kollegium gut an. Und auch Sandy und ihr Klassenkamerad Ferhat finden den späten Beginn gut und möchten ihn nicht missen. Für sie bleibe auch nach Schulschluss noch genügend Zeit für Hobbys und Freunde. Wenn sie könnten, würden sie den Anfang sogar noch weiter nach hinten legen – am liebsten auf 9 Uhr. "Dann hätte man noch mehr Zeit morgens, sich fertig zu machen oder mehr, um zu essen. Es gibt viele, die morgens nicht richtig essen, weil sonst der Schlaf darunter leidet", sagt die Schülerin.

Oberschulen sind experimentierfreudiger

Es ist vermutlich kein Zufall, dass in Bremen lediglich Oberschulen mit einem späteren Schulbeginn experimentieren. Neben der Oberschule an der Hermannsburg und der Oberschule an der Julius-Brecht-Allee starten zum Beispiel die Oberschule in den Sandwehen und die Neue Oberschule Gröpelingen ebenfalls um 8:30 Uhr. Während Grundschüler auch biologisch weniger Probleme mit einem frühen Schulstart haben, haben Gymnasiasten spätestens seit G8 eine derart hohe Wochenstundenzahl, dass der Tag für sie oft auch so schon bis 17 Uhr dauert. Deshalb will man dort das Ende des Schultags nicht noch weiter nach hinten schieben.

Senatorin stellt Regelung frei

Bildungssenatorin Claudia Bogedan möchte die Entscheidungsfreiheit weiter bei den Schulen belassen. Miriam Strunge, bildungspolitische Sprecherin der Linken, räumt ein, dass sich eine allgemeine Neuregelung alleine schon organisatorisch womöglich nicht flächendeckend durchführen lasse. In jedem Fall müsse eine verlässliche Betreuung in den Randzeiten für Kinder berufstätiger Eltern sichergestellt sein. Auch von Seiten der CDU und der AfD gibt es eine grundsätzliche Offenheit für eine Verschiebung des Unterrichtsbeginns – unter Beteiligung aller Betroffenen, also Schülern, Eltern und Lehrern.

Ob sich die Schulen in der angelaufenen Legislaturperiode nun tatsächlich stärker mit dem Unterrichtsbeginn am Morgen auseinandersetzen werden? Das Beispiel an der Oberschule an der Hermannsburg zeigt, dass es funktionieren kann.

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  • Katharina Mild

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Vier beginnt, 28. August 2019, 6:40 Uhr