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Bremerhaven Ahoi: Was der Umzug der "Schulschiff Deutschland" bedeutet

Bremerhaven Ahoi: Was der Umzug der "Schulschiff Deutschland" bedeutet

Audio vom 26. August 2021
Eine Menschentraube steht vor einem Segelschiff.
Bild: Radio Bremen | Mirjam Benecke
Bild: Radio Bremen | Mirjam Benecke

25 Jahre hat der Großsegler das Bild Vegesacks geprägt, doch es fehlten die Besucher. Hat das Schiff für Bremerhaven das Zeug zum Wahrzeichen wie die "Seute Deern"?

Geschafft! Die "Schulschiff Deutschland" ist an ihrem neuen Standort in Bremerhaven angekommen. Gegen 13 Uhr legte der Dreimaster unter dem Applaus vieler Neugieriger im Neuen Hafen an. "Das war für mich natürlich ein total freudiges Erlebnis", machte Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD) aus seiner Ergriffenheit keinen Hehl. "Ich hatte auch etwas Tränen in den Augen muss ich sagen, das ist für Bremerhaven ein ganz, ganz toller Tag", so Grantz zu buten un binnen. Nun kehre das Schiff dorthin zurück, wo es gebaut worden sei.

Am frühen Morgen hatte sich der Großsegler am alten Liegeplatz in Vegesack in Bewegung gesetzt, begleitet von den Schleppern "Blumenthal" und "Blexen" sowie kleineren Privatbooten. Von der Lesum ging es dann in die Weser. Ab kurz nach 10 Uhr traf der Dreimaster auf Höhe der Tonne 67 bei Nordenham auf ein maritimes Empfangskomitee. Zuvor waren etliche Schiffe dem Großsegler aus Bremerhaven entgegen gefahren, darunter die "Hansa", die "Wal" und die "Geestemünde". Von der "Nordergründe" wurde der historische Segler mit Wasserfontänen willkommen geheißen. In den Havenwelten warteten zahlreiche Schaulustige auf den Neuankömmling, vom Deich aus wurden Salutschüsse abgefeuert. Anschließend ging es für die "Schulschiff Deutschland" durch die Kaiserschleuse, während der Neue Hafen bereits von vielen Interessierten gesäumt war.

Wie läuft der Umzug von Vegesack nach Bremerhaven?
Bei dem seit kurz nach 6 Uhr durchgeführten Verholmanöver wird die "Schulschiff Deutschland" von zwei Schleppern begleitet. "Da das Schiff landseitig mit Strom und Wasser versorgt wird, müssen für die Fahrt Generatoren und Tanks installiert werden", sagt Claus Jäger, Vorsitzender des Deutschen Schulschiff-Vereins. Am neuen Standort zwischen Klimahaus, Zoo am Meer und Auswandererhaus hat die Stadt am Lloyd-Platz eigens die Infrastruktur geschaffen. Seit 8 Uhr fuhren dem Umzug mehrere Schiffe entgegen. Von Salutschüssen begrüßt, stand anschließend die Kaiserschleuse auf dem Plan. Mit der Ankunft gegen 13 Uhr lag die "Schulschiff Deutschland" etwa anderthalb Stunden hinter dem angedachten Ablauf. Anschließend soll die offizielle Begrüßung mit Grußworten von Oberbürgermeister Grantz und dem Vereinsvorsitzende Jäger folgen. Zwischen 11 und 17 Uhr gibt es an der Kaje ein Programm mit Shanty-Chören, Kleinkunst und gastronomischen Angeboten.
Was ist am neuen Standort geplant und wann geht es los?
Der Verein will das Schiff auch weiterhin so wie in Vegesack präsentieren – für Besucher, für Übernachtungsgäste in 58 Kojen, für Feiern und Trauungen. Doch nicht ab sofort. "Schwer vorhersagbar, wann es genau losgeht", sagt Jäger und hofft auf den Herbst – vorbehaltlich Corona. Zunächst müssten neue Mitarbeiter gewonnen werden, etwa für die Reinigung und Verköstigung. Gerade Küchenkräfte seien momentan rar. Die überwiegend ehrenamtliche Mannschaft aus Vegesack geht laut Jäger mit zum neuen Standort. Insgesamt sei man guter Hoffnung, weil viel Zuspruch und auch schon Bewerbungen aus Bremerhaven gekommen seien. Das müsse nun abgearbeitet werden. "Wir möchten so schnell wie möglich beginnen, aber auf keinen Fall starten, wenn noch nicht alles läuft."
Wie verändert sich die Situation für den Verein?
"Wir haben uns in Vegesack sehr wohl gefühlt", betont Jäger. Die Mannschaft bestehe vor allem aus Leuten von dort, darum sei man froh, dass sie dennoch mit nach Bremerhaven gingen. Der neue Standort war für den Verein eine wichtige Entscheidung: "Der Punkt war: Es kamen nicht genug Besucher." Statt bisher 6.000 Gästen jährlich hoffe man nun in Bremerhaven auf 50.000. Ein Schätzwert, denn: "Bei den erwarteten Besucherzahlen tappen wir im Dunkeln", so der Vereinsvorsitzende. "Als Bezugsgröße haben wir das U-Boot Wilhelm Bauer mit seinen jährlich 80.000 Besuchern in Bremerhaven genommen." Hinzu sollen erhoffte 5.000 Übernachtungsgäste im Jahr kommen – mehr als doppelt so viele wie in Vegesack. Wie bisher stellt die Stadt den Liegeplatz zur Verfügung, für laufende Kosten gibt es keine Unterstützung. Nach Defiziten in den vergangenen drei Jahren hofft der Verein auf Besserung mit bis zu 350.000 Euro Einnahmen durch Eintritt und Übernachtung. "Ob es am Ende reicht, wissen wir nicht", sagt Jäger. Aber wenn es im Land Bremen irgendwo reichen kann, dann da."
Wie sind die Reaktionen in Bremerhaven?
Von den Nachbarn im Neuen Hafen wird die "Schulschiff Deutschland" mit offenen Armen empfangen. "Es kommen hier ja immer mehr Schiffe zusammen und da passt so ein großer Segler gut hin", sagt Eugen von Abel, Vereinsvorsitzender der Schiffergilde in Bremerhaven. Auch auf dem Großsegler ließe sich gut die Tradition der Schifffahrt zeigen. Er gehe davon aus, dass auch andere Ansässige interessierte Besucher dazu bekämen. "Wir freuen uns auf Zuwachs", so von Abel. "Es geht ja oft eher andersrum, vieles wird abgeschafft oder ist zu teuer." Zustimmung kommt auch von Bremerhavens Tourismus-Chef Ralf Meyer, der sich über den neuen Hingucker in den Havenwelten freut, ebenso über die zusätzlichen Betten in einer interessanten Beherbergung und auch die tolle Location für Tagungen. "Das Schiff wird eine entsprechende Rolle im Stadtmarketing spielen", sagt Meyer.
Hat die "Schulschiff Deutschland" das Zeug zum Bremerhavener Wahrzeichen?
Nach dem Abwracken des Museumsschiffs "Seute Deern" fragen sich viele, ob der Dreimaster zum neuen Wahrzeichen der Stadt taugt. Doch von Abel warnt: "Ein Wahrzeichen entsteht nicht dadurch, dass man es so nennt, sondern weil es die Bürger annehmen und feststellen, dass es hierher passt." Das könne man nicht vorher proklamieren, da müsse man abwarten. Und auch Jäger sagt, diese Frage könnten nur die Bremerhavener selbst beantworten. "Aber wenn sie ein authentisches Schiff haben wollen, das im Jahr 1927 vor Ort in Geestemünde gebaut wurde, dann gibt es nichts besseres." Oberbürgermeister Grantz hingegen war sich am Tag des Umzuges sicher: "Bremerhaven hat ab heute ein neues Wahrzeichen. Einfach nur toll, ich bin mir ganz sicher, dass die Bremerhavenerinnen und Bremerhavener, die vielen Touristen dieses Schiff besuchen und lieben werden."
Es gab im Vorfeld Diskussionen um den Umzug. Wie ist die Stimmung jetzt?
Ausgangspunkt waren die mangelnden Einnahmen, schon in den Vor-Corona-Jahren 2018 und 2019, sagt Jäger. Dann sei der Trümmerberg durch den Abriss des Einkaufszentrums vor dem Liegeplatz hinzugekommen und außerdem die Pläne eines Hochhausbaus. "Da hatten wir keine Hoffnung mehr auf eine positive maritime Entwicklung", so der Vereinsvorsitzende. "Von da an haben wir die Suche nach einem neuen Standort offen kommuniziert und Bremerhaven hat sich darum bemüht." Noch im März hatten Vereinsmitglieder eine mangelnde Transparenz in der Entscheidungsfindung beklagt. Und Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt drückte die Verbundenheit der Vegesacker mit dem Schiff aus. Am Ende nützte es nichts. "Jeder wird einsehen, dass zum Erhalt des Schiffes ein besserer Standort wichtig ist", sagt Jäger. "Selbst die Hälfte der Mannschaft von vor Ort hat für Bremerhaven votiert – nicht mit Freude, aber aus Einsicht." Das Problem sei nun überwunden und die Mannschaft motiviert für den Neustart. "Sonst wären nicht alle mitgekommen – begeistert sind natürlich trotzdem nicht alle."
Video vom 13. Juli 2021
Ein Segelschiff fährt an einem Leuchtturm vorbei.
Bild: DPA | Ingo Wagner
Bild: DPA | Ingo Wagner

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Autor

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der neue Morgen, 26. August 2021, 9:20 Uhr