Schüler in Bremen protestieren – und organisieren Halbgruppen selbst

Seit Wochen fordern Schüler und Lehrer kleinere Lerngruppen, um das Infektionsrisiko zu senken. In Bremerhaven und Bremen machen Schüler jetzt Druck auf die Politik.

Schülerinnen und Schüler sitzen mit Abstand in einem Klassenraum (Archivbild)
Den Abstand einhalten: Das geht nur wie hier, in Halbgruppen, sagen Bremer Schülerinnen und Schüler. Bild: DPA | Christoph Schmidt

Luca Lennox Püchel ist sauer. Und der Schüler aus Bremerhaven ist nicht der Einzige: "Bei vielen Schülerinnen und Schülern wächst der Unmut über die aktuelle Situation", sagt Püchel, der zum Stadtschülerring Bremerhaven gehört. Mit "aktueller Situation" meint der Oberstufenschüler den Schulbetrieb in Corona-Zeiten. Denn obwohl seit mehreren Wochen der Lockdown light gilt und am Dienstag die Kontaktbeschränkungen bundesweit sogar noch einmal verschärft wurden, merkt man davon laut Püchel in der Schule nichts:

Momentan gelten zwei verschiedene Maßstäbe: Einer innerhalb und einer außerhalb der Schule. Das Virus verbreitet sich aber gleich. Und deshalb fordern wir eine gleiche Bemessung.

Oberstufenschüler Luca Lennox Püchel aus Bremerhaven
Luca Lennox Püchel, Stadtschülerring Bremerhaven

Die zentrale Forderung des Stadtschülerrings lautet daher: Die Lerngruppen in den Klassen verkleinern. "Nur so können die Abstandsregeln eingehalten und das Infektionsrisiko verringert werden", sagt Püchel, der das Bremerhavener Lloyd Gmynasium besucht. Organisiert werden könnte das in Form von Halbgruppen. Das bedeutet: Die Klassen werden halbiert, für eine Gruppe gilt Präsenzunterricht in der Schule, die andere Gruppe ist zu Hause und wird digital unterrichtet. Im Tages- oder Wochenrhythmus wechseln sich die Gruppen mit Distanz- und Präsenzunterricht ab.

Insgesamt gehe es auch darum, den Schulleitungen mehr Freiheiten zu geben, um individuelle Konzepte für die jeweilige Schule zu entwickeln, sagt Püchel. "Denn es hilft nicht, die Kompetenz in die Bildungsbehörde zu verlagern."

Und in Bremerhaven machen die Schülerinnen und Schüler Druck: Am Dienstag hatten rund 200 Schülerinnen und Schüler des Lloyd Gymnasiums einen Distanzlerntag eingelegt und den Unterricht nach Hause verlagert. Eine Woche zuvor gab es eine ähnliche Aktion am Schulzentrum Carl von Ossietzky. Dort blieben etwa 700 Schülerinnen und Schüler zu Hause. Um Streik handele es sich dabei aber nicht, sagt Püchel: "Es geht hier um die Wiederherstellung der Arbeitssicherheit. Und wir wollen zeigen: Wir können Distanz."

Halbgruppen-Unterricht – organisiert in Eigenregie

Ein Zeichen setzen wollen sie auch an der Oberschule Kurt-Schumacher-Straße in Bremen - und gehen dort noch weiter. Seit Montag wird hier in der Oberstufe in Halbgruppen unterricht. Organisiert von Schülerinnen und Schülern - in Eigenregie. "Das war ziemlich viel Arbeit, die Schülervertretung hat lange an dem entsprechenden Plan gesessen, aber es funktioniert", sagt Leonie Müller, eine der Oberstufenschülerinnen. Die einzelnen Jahrgänge habe man in zwei verschiedene Gruppen eingeteilt: "Gruppe A kommt immer montags, dienstags und freitags in die Schule, Gruppe B mittwochs und donnerstags." Jeweils wöchentlich würde dann gewechselt, so Müller.

Die Schülerinnen und Schüler zu Hause werden laut Müller entweder per Livestream in die Klasse zugeschaltet oder der Unterricht wird aufgezeichnet und steht dann später als Video zur Verfügung. "Und aus der Gruppe, die in der Schule ist, gibt es auch jeden Tag jemanden, der Protokoll führt." Hinzu kämen entsprechende schriftliche Aufgaben, die über die digitale Plattform "it's learning" bearbeitet würden, so die 17-jährige Schülerin. Den Vorstoß an ihrer Schule bezeichnet Müller als "Streik-Aktion":

Wir wollen zeigen, dass der Halbgruppen-Unterricht funktioniert und Vorbild sein für andere Schulen.

Schülerin Leonie Müller im Porträt
Leonie Müller, Schülerin, Oberschule Kurt-Schumacher-Allee

Müller hofft, dass weitere Bremer Schulen ihrem Beispiel folgen. Schließlich gehe es darum, Leben zu retten: "Wir wollen ja nicht nur uns selber schützen, sondern auch andere Menschen, zum Beispiel unsere Familien zu Hause oder Personen, an denen wir auf der Straße zufällig vorbeigehen." Gerade sie als junge Menschen hätten bei einer Corona-Infektion ja oftmals keine Symptome und würden somit zu Virusträgern werden, so Müller.

"Schulleitung steht auf unserer Seite"

Die Situation in ihrer Schule, bevor die Halbgruppen eingeführt wurden, beschreibt die Schülerin als problematisch: "Unsere Klassenräume sind sehr eng. Am Platz konnte man nicht einmal 50 Zentimeter Abstand halten." Immer wieder hätten Schülerinnen und Schüler Kopfschmerzen bekommen, vom ständigen Maske tragen. "Und bei uns im Klassenraum war es sehr kalt, weil wir so viel lüften mussten."

Unterstützung bei ihrem Vorstoß bekommen Müller und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler von den Lehrkäften: "Die meisten koperieren und finden das gut. Auch die Schulleitung steht auf unserer Seite", sagt Müller. Großartig finde er es, wie die Schülerinnen und Schüler ihr Recht auf Bildung konstruktiv wahrnehmen würde, sagt Schulleiter Christian Sauter. "Der Begriff "Streik-Aktion" ist eigentlich gar nicht passend, denn die Schülerinnen und Schülern bestreiken ja nicht den Unterricht, sie wollen lernen", sagt er. Und er als Schulleiter könne auch sicherstellen, dass der Schulbetrieb mit dem aktuellen Halbgruppen-Unterricht aufrechterhalten werde.

Wie es nun für die Oberstufe an der Oberschule Kurt-Schumacher-Allee weitergeht, ob die Halbgruppen bestehen bleiben, ist noch unklar. Laut Bildungsressort muss es eine Einzelfallprüfung durch die Schulaufsicht geben:

In Eigenregie funktioniert das nicht, sondern nach Kriterien, die für alle Schulen gelten.

Annette Kemp, Pressesprecherin Bildungsressort

Dass das Thema Halbgruppen-Unterricht Schülerinnen und Schüler umtreibt, hat man in der Behörde aber bereits wahrgenommen und entsprechend reagiert: Am Mittwoch sind Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), die Bremer Gesamtschülerinnenvertretung und der Stadtschülerring Bremerhaven zu einem Gespräch zusammengekommen. Sie habe unter anderem zugesagt, dass es ab einem Inzidenzwert von 200 neue Maßnahmen für die Schulen des Landes Bremen und möglichst einheitliche Kriterien für schulscharfe Maßnahmen in Bremen und Bremerhaven geben wird, so die Senatorin.

Weitere Protest-Aktionen könnten folgen

Mit "schulscharf" ist gemeint, dass die einzelne Schule, abhängig von bestimmten Kriterien wie dem Infektionsgeschehen und der räumlichen Situation, selbst über geeignete Maßnahmen entscheiden kann - in Absprache mit der Schulaufsicht. Darüber hinaus solle auch geprüft werden, was in Bremerhaven von der Bremer Teststrategie realisiert werden kann und welche Unterstützung das Land Bremen bieten kann, so Bogedan. In spätestens zwei Wochen soll es ein weiteres Gespräch zwischen Senatorin und Schülervertretungen geben.

Vom Treffen am Mittwoch hatte sich Luca Lennox Püchel vom Stadtschülerring in Bremerhaven mehr erhofft, er ist enttäuscht: "Es wurde weiterhin auf die bestehende Beschlusslage zwischen Kanzlerin und Ministerpräsidenten verwiesen. Das kommt uns natürlich gar nicht entgegen." Am Donnerstag und Freitag würden allerdings noch Gespräche mit dem Bremerhavener Schuldezernenten anstehen, so Püchel. "Bevor wir weitere Aktionen planen, wollen wir jetzt erst einmal abwarten, was uns Bremerhaven anbietet."

An den Forderungen aber halte man fest: "Das Recht auf Bildung und individueller Gesundheitsschutz, das schließt sich nicht aus", sagt Püchel. Mittlerweile hat sich der Stadtschülerring auch mit einem offenen Brief an die Bildungsbehörde gewandt, gemeinsam mit dem Elternbeirat und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Bremerhaven: "Die Schülerinnen und Schüler, deren Lehrkräfte und Eltern, verspüren bei steigenden Infektionszahlen unter den aktuellen Bedingungen des Schulbetriebs starke Verunsicherungen", heißt es darin.

Leonie Müller ist derweil optimistisch, dass bald an vielen Bremer Schulen in Halbgruppen unterrichtet wird. Es sei jetzt wichtig, dass Schülerinnen und Schüler die Initiative ergreifen würden. Das Ziel sei schließlich klar: "Gemeinsam das Coronavirus bekämpfen."

Schule in Bremen: Was spricht gegen Halbgruppen?

Video vom 6. November 2020
Eine Lehrerin mit Mund-Nasen-Bedeckung, die ihre Klasse unterrichtet.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 3. Dezember 2020, 12 Uhr