Corona-Schulalltag in Bremen: Was klappt, wo es hakt, was noch kommt

Wie erleben Schüler, Eltern und Lehrer das neue "Normal" im Schulalltag? Vieles wird gelobt, doch gibt es auch Kritik. Und: Sorgen, was die kalte Jahreszeit bringen wird.

Lehrerin Melanie Ploppa unterrichtet Schüler einer Grundschule in einem Klassenraum.
Masken gehören mittlerweile an Bremer Schulen zum Alltag – auch wenn im Klassenraum keine Tragepflicht besteht (Symbolbild). Bild: DPA | Friso Gentsch

Distanzunterricht halten, neue Lernplattformen erschließen, Hygienekonzepte und Rahmenpläne erarbeiten – und dabei noch die Ruhe bewahren: Seit am 16. März die Kitas und Schulen in Bremen aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen und erst am 22. April mit den Abiturprüfungen der Schulbetrieb wieder Stück für Stück aufgenommen wurde, sind 183 Tage vergangen. Vor rund einem Monat ging das neue Schuljahr los. Das ist in der Zeit passiert und das treibt Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrende derzeit um.

Bisherige Bilanz der Coronafälle

Wie zu erwarten war, gab es mehrere Verdachts- und auch Infektionsfälle an Bremer Schulen. So meldeten Anfang September innerhalb einer Woche gleich drei Schulen in Bremen Coronafälle: Am Kippenberg-Gymnasium standen zwischenzeitlich 150 Jugendliche und Lehrpersonal unter Quarantäne, und an zwei Bremer Grundschulen wurden nach dem Kohortenprinzip vorsorglich mehrere Schülerinnen und Schüler nach Hause geschickt. Eine komplette Schulschließung gab es in der Stadt Bremen bislang noch nicht, dafür aber in Bremerhaven: Anfang Juni musste die Karl-Marx-Grundschule in Bremerhaven-Leherheide dicht gemacht werden.

Laut Gesundheitsamt Bremen gab es unter den rund 70.000 Schülerinnen und Schülern in der Stadt Bremen bislang 17 Fälle von positiv Getesteten (Stand Freitag, 18. September). Aus Sicht des Zentralen Elternbeirats (ZEB) ist das ein Zeichen dafür, dass alles in allem der Schulbetrieb gut angelaufen ist: "Es gibt die Schlaglöcher, die wir erwartet hatten, dass mal die ein oder andere Klasse zeitweise nach Hause gehen muss. Aber sonst kann man sagen: Keine besonderen Vorkommnisse", so ZEB-Sprecher Martin Stoevesandt.

Erste Erfahrungen mit Hygienekonzept

Grundsätzlich richten sich die einzelnen Hygienekonzepte der Schulen nach dem Rahmenkonzept der Bildungsbehörde. Sie müssen aber von den Schulen selbst erstellt werden, da die jeweiligen räumlichen Bedingungen sehr unterschiedlich sind. "Wir haben an allen Eingängen Desinfektionsmittel und Pfeile auf dem Boden, die die Gangrichtung vorgeben. Und in den Klassenräumen gibt es regelmäßiges Stoßlüften", erklärt Oberstufenschüler Luca Lennox Püchel und ergänzt: "Meine Erfahrung ist, dass die Schülerinnen und Schüler sich gut daran halten."

Seitens des ZEB und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gibt es deutliches Lob für die Bildungsbehörde: "Das wurde optimal geregelt", so Barbara Schüll, Lehrerin an einer Bremer Grundschule. Als Sprecherin der GEW hätte sie sich allerdings insgesamt etwas mehr Mitsprache bei der Entwicklung der Hygienekonzepte gewünscht. "Es gibt schon einige Anordnungen, da blickt man dann nicht mehr ganz genau durch", bestätigt auch Lehrer Heiko Frerichs. Elternsprecher Stoevesandt hält die Entscheidung der Behörde gegen eine Maskenpflicht im Unterricht nach wie vor für hundertprozentig richtig.

Skepsis mit Blick auf den Herbst und Winter

Oberstufenschüler Luca Lennox Püchel aus Bremerhaven
Noch im T-Shirt im Klassenraum, aber bald schon in der Winterjacke: Oberstufenschüler Luca Lennox Püchel. Bild: Luca Lennox Püchel | privat

Mit Sorge hingegen betrachten viele die langsam aber sicher einkehrenden Herbsttemperaturen: Püchel, engagiert im Stadtschülerring Bremerhaven, berichtet, dass die Schülerinnen und Schüler jetzt auch mehr Angst haben, sich mit Grippeviren anzustecken oder sich eine Erkältung einzufangen. Denn durch das ständige Lüften ziehe Kälte in die Klassenzimmer und die Pausen müsste die Schülerschaft auf dem Pausenhof verbringen – "ohne die Möglichkeit reinzugehen".

Die Kälte wird im Winter bei den aktuellen Lüftungskonzepten den Unterricht beherrschen. Und eine Klausur in Winterjacke mit eiskalten Fingern zu schreiben, stellen sich viele schwierig vor.

Luca Lennox Püchel, Stadtschülerring Bremerhaven

Auch unter den Lehrenden ist die Angst vor einer Infektion in den Herbstmonaten real: Man gehe jetzt schon langsam in den Herbst-Krankenstand, so Lehrerin Schüll. "Manche überlegen, ob sie sich ein ärztliches Attest holen, um sich vom Präsenzunterricht befreien zu lassen", berichtet Frerichs, der selbst zur Risikogruppe gehört und an einer Bremerhavener Oberschule unterrichtet.

Gleichzeitig sind viele aber auch froh, dass alles wieder normaler ist und sie wieder vor der Klasse stehen dürfen.

Heiko Frerichs, Lehrer aus Bremerhaven

Ein weiteres Problem: die unausweichlichen Rotznasen leicht erkälteter Schülerinnen und Schüler. "Ich persönlich finde, dass ganz, ganz viel passieren muss, bevor man die Schulen wieder schließt. Und das bedeutet auch, dass man ein bisschen mehr Gelassenheit an den Tag legen muss, was eine Schnupfnase angeht – das ist kein Ebola", so Elternsprecher Stoevesandt.

Dennoch geht er davon aus, dass es mehr Fälle geben wird, in denen einzelne Klassen vorsichtshalber nach Hause geschickt werden. "Insgesamt sind wir aber zuversichtlich, dass das alles klappt." Das Konzept der Bildungsbehörde sieht vor, Kinder und Jugendliche mit leichten Erkältungssymptomen wie Schnupfen oder Husten weiter in die Schule gehen zu lassen.

Stand der Digitalisierung

Bei der heutigen Sitzung der Bundeskanzlerin mit den Kultusministern steht die Digitalisierung ganz oben auf der Agenda. Corona hat der Digitalisierung Vorschub geleistet: "Es gibt Schulen, die hatten vorher Tafel und Kreide, da werden jetzt Panels angeschafft und Lehrer lernen, wie sie interaktiv digitalen Unterricht abhalten können", sagt Stoevesandt, sieht den Digitalisierungsprozess allerdings noch am Anfang stehen: "Es wurde quasi ein 500 PS Motor in ein Auto eingebaut, aber ob die Reifen, die Bremse oder das ABS das am Ende aushalten können, da sind wir noch sehr skeptisch."

Toll, dass jetzt 90.000 Tablets angeschafft wurden, aber manche Schulen haben nicht mal WLAN.

Das Foto zeigt Martin Stoevesandt vom Zentralelternbeirat Bremen.
Martin Stoevesandt, Zentraler Elternbeirat Bremen
Ein Schüler löst zu Hause seine Schulaufgaben am Ipad,
Für rund 52 Millionen Euro sollen alle Schülerinnen und Schüler sowie das Lehrpersonal im Land Bremen mit Tablets ausgestattet werden. Bild: Imago | Sven Simon

Am Bremerhavener Gymnasium, dass Püchel besucht, gebe es zwar seit einem knappen Jahr WLAN, allerdings sei das datenschutzrechtlich noch so heikel gewesen, dass man es zunächst nicht richtig nutzen konnte. "Ich befürchte, dass die ganzen digitalen Vorteile wieder verloren gehen, denn die Lehrer sind nicht darauf angewiesen. Sie können wieder normal Präsenzunterricht machen und wir kehren zu Zettel, Papier und alten Mustern zurück. Das ist sehr schade", so der Schüler, der aber auch bestätigt, dass die Medienkompetenz stark gewachsen sei. Wenn man jetzt die neuen Methoden auch vor Ort in der Schule nutze, und durch digitale Hausaufgaben flankiere, könnte man richtig tollen Medienunterricht machen.

Auf sein Tablet wartet er – wie viele Schülerinnen und Schüler im Land Bremen – allerdings noch. Die versprochene Ausstattung von Lehrkräften und Schülern mit insgesamt 90.000 Tablets läuft noch. Die Lehrkräfte sind ausgestattet, bei den Schülerinnen und Schülern soll das bis zu den Weihnachtsferien der Fall sein. Rund 52 Millionen Euro hat der Bremer Senat für diese Maßnahme aus seinem Corona-Topf investiert. Ziel der Behörde ist es, dass in Zukunft alle Schülerinnen und Schüler im Land Bremen ein Tablet haben.

Wir sitzen im Distanzunterricht aktuell mit unseren privaten Geräten zusammen im Klassenraum.

Luca Lennox Püchel, Stadtschülerring Bremerhaven

Von Lehrerseite aus wird der Digitalisierungsprozess laut GEW vor allem als Herausforderung gesehen: "Die Kolleginnen und Kollegen sind hochmotiviert und haben sich viel Zeit genommen, die Online-Kurse zu besuchen, sie müssen aber gleichzeitig noch Unterricht vor-, nachbereiten und durchführen – die Zeit dafür fehlt aber", kritisiert Landesvorstandssprecherin Schüll. "Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind bereit, sich mit dem Thema ernsthaft zu befassen – und die Schüler sind ja sowieso fit", so Lehrer Frerichs von der Oberschule Bremerhaven.

Vorbereitung auf "Corona-Abschluss"

Kritisch sieht der Elternsprecher, welche Lücken Corona in den Lehrplan gerissen hat: Der fehlende Stoff, insbesondere so kurz vorm Abschluss, sei ein Riesenproblem in den weiterführenden Klassen – und da geben es auch keine Einheitlichkeit: Einige Schulen hätten das grandios gelöst, andere seien davon ganz weit weg gewesen, so Stoevesandt.

Da werden wir die Scherben noch lange aufkehren müssen, ganz sicher.

Das Foto zeigt Martin Stoevesandt vom Zentralelternbeirat Bremen.
Martin Stoevesandt, Zentraler Elternbeirat Bremen

"Einige Schülerinnen und Schüler machen sich große Sorgen, wie sie ihr Abitur schreiben sollen. Aber nicht nur da ist das Problem: Auch die Berufsschulabschlüsse, die Mittlere Reife oder der Übergang von der vierten zur fünften Klasse fällt unserer Meinung nach hinten über", so der ZEB-Sprecher. Dennoch zieht er nach knapp 200 Tagen ein positives Fazit: "Die Bremer Bildungsbehörde hat ein ohnehin schwierig zu steuerndes Schiff bislang mit großer Ruhe und Unaufgeregtheit durch die Corona-Pandemie manövriert und sehr viel sehr richtig gemacht."

Unterricht in der Pandemie: So meistert eine Schule den Corona-Alltag

Video vom 17. September 2020
Eine Tür, auf der ein Schild klebt, das auf die Maskenpflicht in dem Gebäude hinweist.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Charlotte Schumacher Volontärin

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, Next am Morgen, 21. September 2020, 7:40 Uhr