Stellt das Bremerhavener Schifffahrtsmuseum geraubte Kunst aus?

Bei vielen Ausstellungsstücken aus der Zeit des Kaiserreichs ist die Herkunft unklar. Sind sie gekauft, getauscht oder sogar geraubt worden? Das Museum will das klären.

Video vom 18. Februar 2021
Schild an Hauswand mit der Aufschrift "Deutsches Schifffahrtsmuseum"
Bild: Radio Bremen

Viele Objekte aus der Sammlung des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) in Bremerhaven stammen aus der Zeit des Kaiserreichs. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben europäische Soldaten, Wissenschaftler und Kaufleute diverse Kultur- und Alltagsobjekte aus den damaligen Kolonien in ihre Heimatländer gebracht. Ihre Herkunft ist heute oft unklar. Sind sie gekauft, getauscht oder sogar geraubt worden?

Die Herkunft von Museumsgegenständen wird derzeit weltweit kritisch hinterfragt. In Deutschland flammte jüngst bei der Eröffnung des Humboldt-Forums in Berlin die Frage auf, ob sich deutsche Museen stärker mit ihrer Geschichte auseinandersetzen und den Ursprungsländern eroberte Gegenstände zurückgeben müssten.

Das Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven will die Herkunft seiner Ausstellungsstücke aus der Kolonialzeit nun genauer untersuchen und klären, ob es ethisch vertretbar ist, sie hier auszustellen. "Zur Erforschung dieser diffizilen Umstände braucht es sowohl Detektiv-Kenntnisse als auch Kenntnisse der maritimen Geschichte, über beides verfügen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am DSM“, sagt Ruth Schilling, wissenschaftliche Leiterin für den Programmbereich Schifffahrt und Gesellschaft am DSM.

Schiffsrouten geben Aufschluss

Eine Frau lächelt in die Kamera.
Ruth Schilling ist als Leiterin für den Programmbereich Schifffahrt und Gesellschaft für die Untersuchungen zuständig. Bild: Radio Bremen

Die Untersuchung ist laut Schilling knifflig. Eine Möglichkeit ist die Nachverfolgung von Schiffsrouten. Die Mitarbeiter des Museums erforschen unter anderem die Transportlogistik und die Rolle der verschiedenen Akteure. Welche Ziele verfolgten Reedereien? Welche Interessen hatten Kapitäne, aber auch einfache Matrosen? Wer hat mitverdient? Problematisch sei, dass sich die Funktion der Objekte oft mit dem Transport nach Europa veränderte. Sie wurden aus ihren ursprünglichen Nutzungszusammenhängen entnommen.

Die Mitarbeiter untersuchen unter anderem gerade Seidenstickereien aus dem Besitz von Seeleuten, meist Marine-Angehörige, die in China und Japan eingesetzt waren und diese Bilder als Souvenirs mit nach Hause brachten. Auf den ersten Blick erscheinen sie als Erzeugnisse traditioneller ostasiatischer Seidenstickkunst. Auffällig sind aber das ähnliche Design dieser Stickereien und die Abbildung spezifischer nationaler Symbole. So sind unter anderem Nationalfahnen und der Reichsadler zu sehen.

Sie wurden erst auf Wunsch der Seeleute so bestickt. So ist unter anderem ein Adler zu sehen, der den chinesischen Drachen in seinem Schnabel gefangen hält. "Das ist schon eine eindeutige Aussage, mit welchen Ordnungs- oder Wertvorstellungen die Soldaten nach China geschickt wurden, um ihren Dienst zu leisten", sagt DSM-Mitarbeiterin Marleen von Bargen.

Was passiert mit geraubten Stücken?

Klar ist bisher, dass das Museum Gegenstände aus Papua-Neuguinea besitzt, die nicht von vornherein deutschen Seeleuten gehörten, sagt Schilling. Wie sie erworben wurden, müsse aber noch geklärt werden. Was mit geraubten Gegenständen am Ende passieren soll, sei noch völlig offen. Dafür müsse auch erforscht werden, wer Anspruch hätte und welche Interessen dort bestehen, sagt Schilling. Ein erster Schritt sei ein transparenter Umgang mit einer Herkunft, die nach heutigen Maßstäben ethisch nicht vertretbar ist.

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Autoren

  • Sonja Harbers Autorin
  • Luca Laube Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. Februar 2021, 19:30 Uhr